Reise

Alpen mit Mehrwert

Ob Heumachen, Käseherstellung oder Sticken – die Kultur in den Bergen ist vielfältig. Wer sich als Tourist Zeit nimmt, sie kennenzulernen, sichert damit auch ihren Erhalt. Angebote gibt es reichlich.

Kleine Frösche springen zwischen den Schuhen herum, als Martin Müller eine Gruppe Touristen ans grasbewachsene Ufer führt. Er erzählt, erklärt und schaut dabei hinaus auf den spiegelglatten Weißensee. Die Sonne scheint, türkisblau leuchtet das Wasser. Ein Effekt, den der hohe Kalkgehalt des örtlichen Gesteins hervorruft. Schnell wird klar: Der Kärntner See ist Müllers Revier. Als Limnologe beschäftigt er sich mit Binnengewässern und deren Ökosystemen. Außerdem ist der drahtige Österreicher: Fischökologe, Fischzüchter und Angelguide. Gerne nimmt er Urlauber auf seinem Boot mit hinaus und zeigt ihnen, wo sie am besten angeln können. „Wenn sie wollen, erkläre ich danach auch, wie man den Fang auseinandernimmt und filetiert.“

Wer eine Region näher kennenlernen will, sollte mit den Leuten vor Ort ins Gespräch kommen, ihre Arbeit und ihre Traditionen kennenlernen. Gerade auch in den Alpen. Bei Müller erfahren die Urlauber so einiges über den See und seine Bewohner. Wie beispielsweise die Menschen in den 30er und 40er Jahren des vergangenen Jahrhunderts zehn neue Fischarten in dem Gewässer ausgesetzt haben in der Hoffnung, so angelfreudige Touristen anzulocken. Müller kämpft heute noch gegen die Folgen: „Das ganze Ökosystem hat sich verändert, vier der acht ursprünglichen Arten sind ausgestorben.“ Seit Jahrzehnten versucht die Agrargemeinschaft der fünf Dorfschaften vom Weißensee, die Bestände an Seeforellen zu erhöhen, züchtet pro Jahr 50 000 bis 60 000 junge Fische heran und entlässt sie in den See. „99,9 Prozent davon frisst der Hecht“, erzählt Müller. Informationen wie diese sind spannend, doch als Gast erfährt man davon erst, wenn man sich auf das Leben vor Ort einlässt, etwa beim Angeln, Lebensmittelzubereiten oder wenn man in der Landwirtschaft hilft. Solche Angebote sind beliebt. „Beim Heumachen haben mich Gäste angesprochen, ob sie mitmachen könnten“, erinnert sich Almut Knaller. Sie hat jahrelang die Naggleralm oberhalb des Weißensees bewirtschaftet. Klar, können die Besucher mitmachen - und merken oft ziemlich schnell, wie anstrengend das alltägliche Leben in den Bergen sein kann.

Selbst im Winter können die Urlauber etwas dazulernen, etwa im Gailtal, das nur ein Tal vom Weißensee entfernt ist. Im Biohotel Daberer darf man unter Anleitung sticken. Die Handarbeitsabende kommen seit vier Jahren gut an, auch für diese Wintersaison sind sie geplant. „Unplugged winter“ nennen die Hoteliers ihr Konzept. Eine gute Gelegenheit, eine fast vergessene Handarbeitskunst wieder aufleben zu lassen. Doch Sticken und Angeln sind nur zwei Beispiele der vielfältigen Angebote in den Alpen.

So sind das Gailtal und das Lesachtal die weltweit erste Slow Food Destination. Slow Food ist eine Bewegung, die der Piemonteser Carlo Petrini als Antwort auf den Fast-Food-Wahn gegründet hat. Das Biohotel Daberer engagiert sich in diesem Projekt. „Dabei geht es darum, alte Traditionen, Herstellungsmethoden und Produkte der Region wiederzubeleben, greifbar zu machen und die Gäste zu Koproduzenten zu machen“, sagt Hotelchefin Marianne Daberer. Zum Beispiel beim Buttermachen auf der Bischofalm, der Käseproduktion oder der Herstellung von Bauernhofeis aus frischer Milch.

Solche Angebote zu fördern, ist Ziel der Alpenkonvention. Das internationale Abkommen zwischen Deutschland, Frankreich, Italien, Liechtenstein, Monaco, Österreich, der Schweiz und Slowenien sowie der EU steht für eine nachhaltige Entwicklung und den Schutz der Alpen. Es gehe darum, den Alpenraum auf allen Ebenen zu schützen und gleichzeitig auch für touristische Zwecke weiterzuentwickeln, so Generalsekretär Markus Reiterer. Immerhin besuchen rund 120 Millionen Menschen Jahr für Jahr die Region, in der nur 14 Millionen Menschen dauerhaft leben. Interessiert man sie für die örtlichen Traditionen, haben auch diese eine bessere Chance, nicht unterzugehen. Das gilt nicht nur für die Butterherstellung oder das Heumachen. Wenn Geige und Cello im italienischen Resiatal in den Julischen Alpen erklingen, dann wird getanzt. Die Musiker stampfen den Takt mit den Füßen, dem dritten Instrument, wie sie es hier nennen. Tänzer in historischen Kostümen drehen sich auf der Tanzfläche, singen und rufen. Die örtliche Folkloregruppe Val Resia besteht bereits seit dem Jahr 1838 – und zeigt ihre traditionellen Schritte gerne den Urlaubern. Ob Handwerk oder Kultur – viele Orte in den Alpen bieten inzwischen Kurse oder Vorführungen an. Nachfragen lohnt sich.