Reise

Alte Narben

Archivartikel

30 Jahre nach der Wiedervereinigung besticht Potsdam mit Architektur-Ikonen, Parkanlagen und Lebensqualität. Aber hinter den schönen Fassaden lauert die Vergangenheit.

Feiertage wie der 3. Oktober sind immer willkommen. Ausschlafen, einen Ausflug machen, vielleicht auch einen Kurzurlaub – ein schöner Kontrast zum Alltagstrott. Über den Anlass machen sich viele gar keine großen Gedanken. Wiedervereinigung? Ist doch so lange her. Schnee von gestern. Tatsächlich könnte man dieses Gefühl haben, wenn man durch Potsdam läuft. Längst sind Schlösser und Innenstadt vom Grauschleier der DDR-Zeit befreit. Marode Gebäude erstrahlen in neuem Glanz, ein wiederaufgebautes Stadtschloss und das Museum Barberini mit hochkarätiger Impressionismus-Sammlung haben die frühere Lücke am Alten Markt geschlossen. Überall schicke Geschäfte, nette Lokale, in Verbindung mit Parks und Havelseen kann man es sich hier richtig gut gehen lassen.

Erst bei genauerem Hinsehen offenbart die Stadt einige tiefe Narben. Zum Beispiel in der Lindenstraße: Dort wo Boutiquen wie „Kaufrausch“ oder „Braves Mädchen“ mit ausgesuchter Designerware locken, führt ein eher unauffälliger Gebäudekomplex mitten hinein in die Geschichte politischer Verfolgung und Gewalt im 20. Jahrhundert. Ab 1934 tagte hier das Erbgesundheitsgericht der Nationalsozialisten, später nutzten der sowjetische Geheimdienst und ab 1952 das Ministerium für Staatssicherheit der DDR die Bauten als Untersuchungsgefängnis. Einer, der es von innen kennengelernt hat, ist Hartmut Richter. „Es war die schlimmste Zeit meines Lebens“, erinnert sich der Rentner. 1966 war ihm die Flucht nach Westberlin durch den Teltowkanal gelungen, später schleuste er als Westdeutscher mehr als 30 Menschen im Kofferraum in die Bundesrepublik. Bis er ertappt wurde. Er musste eine mehrjährige Strafe in unterschiedlichen Haftanstalten verbüßen. Besonders traumatisch war es in der Lindenstraße, wo Isolation und permanente Überwachung an der Tagesordnung waren. „Das Beste war der Freigang an der frischen Luft“, sagt der mutige Rebell. Heute führt er Schulklassen und andere Besucher durch das Gefängnis und erinnert daran, dass die Freiheit, die sie genießen, auch 30 Jahre nach der Wiedervereinigung keine Selbstverständlichkeit ist. Es sind nicht einfach nur ein paar dunkle Flecken, die sich kaum sichtbar über die idyllische Stadtlandschaft verteilen wie das ehemalige sowjetische KGB-Gefängnis beim Pfingstberg, auf dem das restaurierte Belvedere heute wieder Potsdams schönste Aussicht bietet. Die alten Narben drohen auch immer wieder aufzubrechen.

Nirgendwo in Deutschland wird mit solcher Vehemenz über die Stadtentwicklung gestritten wie in Potsdam. Nahezu unversöhnlich stehen sich die Befürworter eines barocken Leitbilds und diejenigen gegenüber, die sich für den Erhalt von Bauten aus DDR-Zeit, vor allem von Ikonen der Ostmoderne einsetzen. „Oft geht es dabei um die Deutungshoheit im Umgang mit verlorenen historischen Bauwerken“, ist der Kulturjournalist Michael Zajonz überzeugt, der sich Ende der 1980er Jahre als Aktivist für den Erhalt von Häusern der Zweiten Barocken Stadterweiterung eingesetzt und in der Nikolaikirche die Ausstellung „Suchet der Stadt Bestes“ mit organisiert hat.

Den geplanten Wiederaufbau eines barocken Gebäudes sieht er indessen kritisch und führt Besucher zur Baustelle an der Breiten Straße, wo die Garnisonkirche wiedererstehen soll. Im Zweiten Weltkrieg zerstört und 1968 gesprengt, gilt sie vielen als Symbol des preußischen Militarismus. „Ein weiteres Problem ist, dass für sie das Rechenzentrum weichen müsste“, erklärt der Kunstexperte. Zwar ist das Gebäude nicht unbedingt eine Ikone der Ostmoderne, doch immerhin schmückt es der denkmalgeschützte Mosaikfries des Künstlers Fritz Eisel, „Der Mensch bezwingt den Kosmos“. Außerdem hat es sich in den letzten Jahren zu einem unentbehrlichen Kreativstandort entwickelt. Inzwischen zieht die Debatte immer weitere Kreise, auch Akteure wie die Bundesregierung, der renommierte Architekt Daniel Libeskind, der für die Gestaltung der Kirche im Gespräch ist, oder die Wüstenrot-Stiftung, die die Restaurierung des Mosaiks finanzieren will, haben sich eingemischt. Die Gemengelage wird immer unübersichtlicher.

Doch wie sehr die Stadt mit ihrer Geschichte ringt, zeugt auch von ihrer Lebendigkeit. Im 30. Jahr nach der Wiedervereinigung ist die Vergangenheit eben noch längst nicht ad acta gelegt. Davon kann man sich überzeugen, wenn man mit offenen Augen durch die idyllische Stadtlandschaft geht.

Mehr zum Thema 30 Jahre Wiedervereinigung gibt es in unserem Dossier unter morgenweb.de/einheit