Reise

Am wilden Kap

Archivartikel

Irgendwer hat gesagt, Leben werde nicht an der Zahl der Atemzüge, sondern an den Momenten und Orten gemessen, die uns den Atem rauben. Schön! Dann ist Neuengland vielleicht so ein Ort, um tief Luft zu holen.

Weiße Wolken und ein milder Seewind begleiten die Fähre nach Massachusetts. Dort seien die schönsten Küsten nicht wie im benachbarten Connecticut touristisches Sperrgebiet und an wenige Reiche verteilt, wirbt Tourismusmanager Wilfred. Die Urlauber könnten sich an Martha’s Vineyards und Cape Cods meilenweiten Stränden ungestört die Füße nass machen, verspricht der Manager.

Massachusetts ist eine der reichsten Regionen der USA. Der „Bay State“ lebt von der Elektro- und Maschinenindustrie, von seinen Elitehochschulen und dem Tourismus. Jährlich kommen rund 10 Millionen Besucher, davon etwa 150 000 aus Deutschland.

Übersehen hat die Prominenz die sieben Kilometer südlich vor Cape Cod liegende Insel „The Vineyard“ natürlich trotzdem nicht. Deren westliches Hinterland ist die Relaxzone von Schauspielern und US-Politikern. Während den benachbarten noblen Sandhügel Nantucket Republikaner favorisieren, tummelt sich auf Martha’s Vineyard die Prominenz der Demokraten. Stoff für Tratsch über wilde Jetset-Partys liefert das beliebte Sylt der USA aber nicht. Dafür mysteriöse Geschichten über Edward Kennedy, der nachts seinen Oldtimer mitsamt Partydame in einen Kanal bretterte, vom weißen Gänsehaut-Hai und Steven Spielbergs Dreharbeiten oder Kuriosa von den Clintons und Obamas.

Promi-Watching

Im Sommer bringen Fähren die Touristen zum Promi-Watching auf die Insel. In Sightseeing-Bussen lassen sie sich durch Oak Bluffs und Edgartown kutschieren. Sie spazieren durch die von Kapitänsvillen, Cafés und Luxus-Läden gesäumten Straßen und stoppen an den dramatischen Gay Cliffs in Aquinnah. Andere mögen es sportlich und radeln auf der 40 Kilometer langen „Down-Island“-Route zu Dünen und Weiden durch den State Beach Park.

Wem kein berühmter Flaneur aus der Highsociety vor die Kamera läuft, der fokussiert sein Objektiv in Oak Bluffs auf die bonbonbunten viktorianischen „Gingerbread Cottages“. Die mit allerlei Kitsch und Krimskrams verschnörkelten „Knusperhäuschen“ stehen inmitten manikürter Gärten in einem Eichenwäldchen, in dem sich vor 185 Jahren Methodisten zu religiösen Versammlungen trafen. Ende des 19. Jahrhunderts wurde aus dem Zeltlager die Holzhaus-Siedlung Oak Bluffs, in der jetzt propere Feriendomizile die Kasse klingeln lassen.

In den Dünen beenden Wanderer gerade ihr Picknick und marschieren barfuß zum Leuchtturm. Im Frühling und Spätsommer reicht bei klarer Sicht der Blick von der Leuchtturmspitzen bis nach Cape Cod.

Wie ein angewinkelter Arm ruht das krumme Stück Neuengland im Atlantischen Ozean. Als der US-Schriftsteller David Thoreau um 1850 im Norden die Wildnis der Halbinsel durchstreifte, notierte er: „Ein Mann kann hier ganz Amerika hinter sich lassen.“ Und John F. Kennedy gestand, dass ihm vor schweren Entscheidungen Spaziergänge am Kap den Kopf frei machten.

Keine Fast-Food-Schuppen oder Hotelbunker stören die Weitsicht. Dass diese friedvolle Gegend mit wogendem Dünengras, Preiselbeermooren und Wäldern nicht Immobilienhaien überlassen wurde, ist der Verdienst von Naturschützern und des Ex-Präsidenten. 1961 erklärte Kennedy einen Großteil des Kap zur National Seashore.

Kaum Bausünden am Kap

Strenge Regeln lassen Bausünden auf dem Kabeljau-Kap nicht zu. Upper Cap, der nördliche Zipfel dieser Idylle, ist am wenigsten bebaut. Hier hat der Wind viel Platz, um Luft zu holen. Meer und Land kämpfen täglich um die Vorherrschaft. Dabei steht Jahr für Jahr der Sieger fest: Beharrlich ringen Wind und Wellenberge den Steilklippen an der Ostküste Zentimeter um Zentimeter ab.

In 700 Jahren werde der gefräßige Atlantik dieses einzigartige Stück Amerika geschluckt haben, prognostiziert Wilfried, als er Fahrräder für eine Tour durch die National Seashort bereitstellt. Auf hügeligen Asphaltpisten strampeln die Radler bergauf und bergab zum breiten Strand. Die Sonne strahlt von einem kühlblauen Himmel, im Westen rauscht der stille, im Osten tobt der raue Atlantik, und geradeaus an der Kapspitze steht am Ende der Welt einsam ein Leichtturm. Edward Hopper hat Skizzen und Eindrücke solcher Szenen in Gemälden festgehalten.

Bunt, bizarr, lebhaft. Im Vergleich zum gediegenen Rest auf Cape Code ist Provincetown ganz schön flippig. Seit Hippies den Fischerort an der Kapspitze entdeckten, ist das freigeistige Künstlerstädtchen ein Vergnügungsplatz für Zivilisationsflüchtlinge, Schwule und Lesben: In Neuenglands Spaßecke ziehen sie durch die Commercialstreet.

In einem der schicken Cafés beeilt Luuk sich, seinen Cocktail zu bezahlen. „Nach 30 Jahren gibt es für mich hier nicht mehr viel zu sehen“, gesteht der Komponist aus Holland. Den Sonnenuntergang am Race Point Beach werde er mit einem Glas Sekt und einer Tüte voll Hummer-Sandwiches jedoch noch weitere tausendmal erleben wollen: Als „Dope“ für die Nacht und Inspiration für den nächsten Tag.

Inspirierend für Ausflüge in alle Himmelsrichtungen auf Cape Cod ist die 45 Kilometer entfernt in der Mitte der Halbinsel gelegene schicke Hafenstadt Chatham. Wenn die Sonne über der geschützten Bucht hochsteigt, wechseln die Farben über der Sommerfrische von glutrot in violett, gelb und später flirrendblau. Ein Motiv, das Edward Hopper wohl übersehen hat.