Reise

Analoge Wunderkammer

Archivartikel

Vom Spinnenaugenmuskelexperten zum Retter der Polaroid: Florian „Doc“ Kaps und sein Supersense Store in Wien.

Nur eine Chance. Das war’s. Die Fantastischen Vier waren vor ein paar Jahren für zwei Tage in Wien. Etwas proben, dann wurde an einem Abend eine Platte aufgenommen. Das gibt es nur hier, im Supersense Store. Der Laden im zweiten Wiener Bezirk ist alles auf einmal: Café, Shop, Workshop-Atelier und eben auch Tonstudio, wo auch schon Jazzsänger Gregory Porter aufgenommen hat. Live. Wenn die Nadel zum ersten Mal die Oberfläche berührt, ist das für Florian Kaps (50) der „magische Moment“.

2014 hat Kaps seine Wunderkammer in der Praterstraße 70 eröffnet. Es ist ein analoges Paradies, nicht nur für Musiker. Florian Kaps hat seinen Spitznamen Doc bekommen, als er in Biologie promovierte. Er ist Experte für Spinnenaugenmuskeln, was irgendwie nach Fiktion klingt: „Das ist doch schon zu skurril, um erfunden zu sein“, sagt er selbst. Weil man als Spinnenaugenmuskelexperte keine Familie ernähren kann, wurde Kaps Unternehmer.

Alles ist möglich: auch ein Gedicht auf Vinyl

Er arbeitete bei der Lomographischen Gesellschaft. Dann hat er 2004 angefangen, Polaroid-Filme über das Internet zu verkaufen. Als die Produktion eingestellt wurde, hat Kaps mit Kollegen die Fabrik gekauft, wusste aber, dass es noch mehr als die Fotografie gibt: „Auf einmal war da eine junge Generation, die man schon an das Digitale verloren glaubte, die sich für Vinyl, Letterpress, Schreibmaschinen und alte Technologien interessierte.“

So schuf Kaps einen Ort, wo all diese analogen Technologien verfügbar sind. Wo man Kaffee trinken, alle möglichen Sounds auf Vinyl pressen lassen kann, also nicht nur Musik, sondern auch ein Gedicht oder einen Heiratsantrag. Wo man sich von der größten Polaroidkamera der Welt fotografieren lassen kann. Wo man Druck-Workshops besuchen kann. „Ich war schon in meiner Kindheit fasziniert von diesem Ort, den ein offensichtlich Wahnsinniger gebaut hat“, so Kaps. Das Gebäude im zweiten Bezirk wurde vor mehr als hundert Jahren gebaut und einem venezianischen Palazzo nachempfunden. In dem winzigen Tonstudio hinten in der Ecke werden Alben live aufgenommen, mitgeschnitten auf Tonband, gepresst auf Vinyl. Alles auf zehn Quadratmetern. Es wird in Plattenhüllen verpackt, die von Hand gestempelt sind, von Hand durchnummeriert. Die Auflage: 77 Stück. Die Platte der Fantastischen Vier war in drei Minuten ausverkauft.

Für Florian Kaps passt der Supersense Store perfekt nach Wien: „Irgendwie habe ich das Gefühl, dass Wien eine analoge Stadt ist. Ich kann es nicht genau erklären, warum.“

Schräg gegenüber vom Store ist die dazugehörige Werkstatt. Kein Computer nirgends. Dafür viele Buchstabenstempel, alte Maschinen. Hier werden die Cover der Platten gestaltet – mit Linoleumschnitt oder Letterpress, das heißt, dass jeder Buchstabe von Hand gesetzt wird. Es gibt nichts, was dabei digital gemacht wird. Notizbücher werden genäht, Schachteln gefaltet, Postkarten gedruckt.

Seit drei Jahren arbeitet Annamaria Tatu bei Supersense. Sie hat Grafikdesign studiert, alle klassischen Drucktechniken gelernt, aber nie damit gearbeitet „Wenn man als Grafikdesigner digital arbeitet, geht natürlich alles viel schneller. Es ist eine ganz andere Art des Denkens und Machens“, erzählt Tatu. Die Farbe wird eben nicht mit einem Klick geändert: „Ich muss die Maschine putzen, eine neue Farbe mischen. Es ist ein ganz anderer Prozess“, so Tatu.

Und irgendwie passt es gut in die Zeit, in der Amazon reale Läden eröffnet, Facebook ein analoges Research-Lab hat. Der Autor David Sax hat über das Phänomen ein Buch mit dem Titel „Die Rache des Analogen – warum wir uns nach realen Dingen sehnen“ geschrieben. Es geht immer wieder um Dinge außerhalb der virtuellen Welt. Bei all den analogen Wunderdingen im Supersense kommt es Kaps jedoch keineswegs darauf an, das Digitale außen vor zu lassen. Aber: „Ich glaube nicht, dass das Digitale das Analoge auslöscht“, so Kaps. „Facebook-Freunde möchte man am Ende des Tages doch lieber in den Arm nehmen.“

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