Reise

Andrang vor Opas Cyberküche

An diesem Samstag öffnet die CMT zum 50. Mal ihre Pforten. Wie es am 14. Januar 2068 zur Feier des 100-jährigen Bestehens der Urlaubsmesse aussehen würde, beschreibt unser langjähriger Messebeobachter in einem Szenario.

DDas Jubiläum lockt die Massen: Schon ein erster Rundgang über das Ausstellungsgelände zeigt, dass die Besucherzahlen in diesem Jahr enorm gestiegen sind. Seit dem frühen Morgen stürmt das Publikum die Hallen, Zehntausende von Interessierten haben sich aus allen Teilen des Kontinents in den Personen-Röhren-Shuttles nach Stuttgart schießen lassen.

Eine extravagante Art der Anreise leisteten sich Gäste aus der skandinavischen Hauptstadt Rovaniemi: Sie kamen in einem Prachtstück angerauscht, einem ICE der Baureihe 2042, der im Jahr seines Ersteinsatzes dank seiner damals neuen Höchstgeschwindigkeit gewaltig Furore gemacht hatte. Gemessen an heutigen Verkehrsmitteln wirken die 535 Kilometer pro Stunde natürlich etwas bummelig, aber, wie Fahrgast Bengt Rasmussen aus dem Ganzjahresbad Murmansk ganz richtig bemerkt: „Entschleunigung ist in diesen Tagen der wahre Luxus.“

Dann schwärmt der 46-jährige Rentier-Kloner von den vielen Extras, die die Reise zum Erlebnis machten: Umgekehrte Wagenreihung, defekte Heizung, verstopfte Toiletten und sogar ein Zwischenstopp auf freier Strecke ohne Durchsage – alles sei so lebensecht gewesen, wie man es aus alten Filmen kenne.

Eine Schleuse an den Türen habe zu Beginn die BtBC (Brain-to-Brain-Communication) jedes Passagiers abgeschaltet. „Man musste dann richtig miteinander reden, wenn man kommunizieren wollte. Aber das hat einige von uns doch an ihre Grenzen gebracht“, gab Bengt Rasmussen zu.

Mit wem auch immer man spricht in den Ausstellungshallen - Fachbesucher und Publikum sind sich einig: Der Trend, der sich bei den letzten Messen bereits abgezeichnet hat, hat sich in diesem Jahr noch verfestigt, die CMT wird immer nostalgischer. Geschäftlich spielt sie bekanntlich schon länger keine große Rolle mehr, Reisen heute geht anders: Da alle Bürger, die den vorgesehenen BzG (Beitrag zum Gemeinwohl) zu 110 Prozent vorzeitig erfüllt haben, von den Algorithmern für die ihnen jährlich zustehenden acht Relax-Tage auf die bestehenden Relax-Module aufgeteilt werden, besteht für Privatleute keinerlei Notwendigkeit, sich selbst um die Ausgestaltung ihrer Relax-Zeit zu kümmern. Deshalb sehen sich lediglich einige der beamteten Zuteiler unter den neuen Big Playern - Guinea-Bissau, Weißrussland, die Aleuten - nach neuen Relax-Kapazitäten um. Diese sind im Übrigen, wie man weiß, die letzten Regionen, in denen sich noch jenes „Wachstum“ studieren lässt, das in der Branche einst eine so verhängnisvolle Rolle spielte und sie erst in den Over- und schließlich in den Kollaps-Tourismus führte.

Wohl auch deshalb geht der Blick überall zurück in die angeblich gute alte Zeit: Die Stände mit den kostbaren Urlaubspostkarten vom Beginn des Jahrhunderts sind dicht umlagert. Stadtpläne aus Papier werden zu Höchstpreisen gehandelt, Liebhaber blättern ehrfürchtig in gedruckten Reisekatalogen und reichen alte Privatkalender weiter, in denen eine unbekannte Hand sechs Wochen Urlaub eingetragen hat. Anhand eines zerfledderten Prospekts einer Organisation namens „Atmosfair“ entwickelt sich eine lebhafte Diskussion, ob das seit 35 Jahren bestehende Flugverbot hätte vermieden werden können, wenn dieses CO2-Kompensationsmodell für Flugreisen allgemein akzeptiert worden wäre.

Vor den Sälen, in denen echte Redner auftreten, bilden sich lange Schlangen. „Aus goldenen Zeiten: Ski fahren bei Oberjoch“, lautet ein Thema. Oder: „Ich war dabei: Urlaub auf Mallorca“. Der Diavortrag „Kein Witz: Man badete im Bodensee“ ist seit Wochen ausverkauft.

Einen besonderen Blickfänger bildet in diesem Jahr eine Installation namens „Opas bunte Cyberküche“. In einem entmaterialisierten Kubus brodelt der virtuelle Müll aus Jahrzehnten: Bunte Instagram-Fetzen treiben in trüber Bloggerbrühe, Twitter-Urlaubsgrüße-Schnipsel und Facebook-Ramsch aus aller Welt verwirbeln zu einem glitzernden, elektronischen Brei. Der Pavillon ist dicht umlagert, amüsiertes Kopfschütteln herrscht rundum, und Cord LeClark, 37-jähriger Final-Effizienz-Coach aus Straßburg, bringt das allgemeine Befremden auf den Punkt: „Gruselig! Was mag unsere Vorfahren einst nur geritten haben, ihre echten Reisen durch so lächerlichen Ramsch zu ersetzen?“

Höhepunkt der Stuttgarter Tage aber ist, wie immer, die große Tombola am ersten Abend. Der Verkauf der Lose, hört man, soll exzellent verlaufen sein. Was sicher auch am Hauptgewinn lag, einer der begehrten „Wild-Walk-Cards“. Bekanntlich ermöglicht der Besitz der exklusiven Lizenz den Zugang zum letzten noch verbliebenen Alpenreservat im einstigen Schlappintal in der ehemaligen Silvrettagruppe. Drei Tage lang darf die Gewinnerin oder der Gewinner auf eigene Faust durch das ansonsten nur Wachtruppen zugängliche Areal streichen und an einem Abend sogar, Tüpfelchen auf dem i, für eine Stunde ein eigenes Zelt aufschlagen. Jochen Besenheimer, Turbo-Lader aus Aschaffenburg, war in diesem Jahr der Glücklichste aller Glücklichen. „Ich kann es nicht fassen“, stieß der 33-Jährige unter Tränen hervor. „Einfach so draufloswandern – was für ein sagenhafter Luxus!“