Reise

Angesagt statt angestaubt

Archivartikel

Das Goldene Dachl, Konditoreien mit Cafés, jahrhundertealte Laubengänge, die Tiroler Landesmuseen und sieben Sammlungen des Ferdinandeums – Innsbruck erscheint nicht gerade als hip. Auf den ersten Blick bewegt man sich durch eine etwas angestaubte Stadt, die ihre Errungenschaften pflegt und für die zahlreichen Touristen aus aller Welt vermarktet.

Die pastellfarbenen Fassaden stammen aus der Zeit, als Maximilian I. Kaiser des Heiligen Römischen Reiches war und Innsbruck später Residenzstadt der Habsburger. Auch das Wahrzeichen der Stadt ist schon mehr als fünf Jahrhunderte alt: das Goldene Dachl, der Prunkerker am Neuen Hof in der Altstadt. Spätgotisch, erbaut um das Jahr 1500 und bedeckt mit 2657 feuervergoldeten Kupferschindeln.

Wer genauer hinschaut, sieht allerdings auch viele junge Leute bei einem Stück Kuchen und einem Verlängerten in den Cafés sitzen. Sieht sie auf Rädern am Inn entlangfahren oder in einem Lift auf die Berge hinauf. „Innsbruck ist ein Traum für Studenten“, sagt Monica Nadegger. Sie ist Doktorandin an der Universität Innsbruck und hat schon ihr Masterstudium in Tirols Hauptstadt absolviert. Jeder fünfte der rund 130 000 Einwohner studiert.

Die Stadt hat alles, was man als junger Mensch braucht – und noch einiges mehr. „Wo gibt es das schon, dass man im Winter nach der Uni mit dem Linienbus zum Lift fährt und noch ein paar Pisten hinunterfahren kann?“, sagt Nadegger.

Viele Studierende kommen im Wintersemester mit Ski, Snowboard oder Tourenski an eine der Hochschulen und hören sich durch die Vorlesungen. Direkt danach geht es auf den Berg.

Im Sommer hat die Stadt denselben Freizeitwert, entlang des Inns ebenso wie in den Bergen, die diese Stadt umgeben. Die Talstation der Nordkette ist über eine Bahn zu erreichen, die am Kongresszentrum hält. Gut gefüllt sind die Verkehrsmittel zu jeder Tageszeit, denn am Berg gibt es immer etwas zu tun: Wandern, Radfahren, Gleitschirmfliegen, Laufen.

„Jeder hat hier seine Lieblingssportart und freut sich, wenn er rauskommt in die Natur“, sagt Martin Beimler, der vor elf Jahren aus München zum Wirtschaftsstudium nach Innsbruck kam – und blieb.

Viele Deutsche, die nach Innsbruck gehen, haben noch eine andere Motivation: Sowohl das Medizin- als auch das Psychologie-Studium sind in der Stadt nicht mit einem Numerus Clausus belegt. Das bedeutet: Gleiche Chancen für alle und keine Wartesemester. Und Studieren, wo andere Urlaub machen.

„Wir sind unsere kurzen Wege hier so gewohnt, dass wir etwas schon als weit weg empfinden, wenn es fünf Minuten entfernt mit dem Fahrrad ist“, sagt Nadegger. Eine Viertelstunde sei beinahe indiskutabel, scherzt sie. Viele der hippen Locations befinden sich tatsächlich in der altehrwürdigen Innenstadt oder ganz nah dran. Der zentrale Marktplatz ist ein guter Treffpunkt, er liegt im Sommer lange in der Sonne.

Das „Mustache“ muss man in den Gassen hinter dem Goldenen Dachl suchen, doch dann ist man in einer anderen Welt – fast wie in einem Dschungel. Diesen Eindruck vermitteln jedenfalls die bedruckten Tapeten. „Oskar kocht!“ ist ein trendiges Restaurant mit nur einem Tisch. Daran sitzen die Gäste und teilen, was Oskar zubereitet. Vegetarisch, bio und mit Produkten aus der Region.

Martin Beimler hat sich nach dem Master-Studium mit Freunden selbständig gemacht, mit der „Machete“. „Ich liebe Burritos, und die kommen da in allen Variationen auf den Tisch“, sagt er.

Doch damit nicht genug. Lange gab es keine Bar oder Kneipe, die ihm und seinen Kumpels so richtig gut gefiel. Also gründeten sie kurzerhand selbst eine: das „Kater Noster“. „Ein bisschen urbaner, schick und gemütlich“, sagt Beimler. Im Keller der Bar passiert immer etwas anderes: Mal wird ein Film gezeigt, mal gibt es eine Kunstausstellung oder ein Konzert, mal richtet sich ein Pop-Up-Store ein. Und einen eigenen Drink haben sie auch gleich noch erfunden: den „Innsbruck Mule“. „Den machen wir aus Tiroler Zirbenschnaps und Gingerbeer“, sagt Beimler.

Frequentiert werden die einschlägigen Treffpunkte vor allem von Einheimischen. „Früher war Innsbruck im Sommer ausgestorben“, sagt Beimler. Aber das habe sich geändert in den vergangenen Jahren – was auch am Angebot in Innsbruck liegt: Festivals wie das Bonanza oder das Wetterleuchten gibt es in der warmen Jahreszeit ebenso wie klassische Konzerte in alten Gemäuern oder deren Höfen. Das Publikum ist altersmäßig komplett gemischt.

Wer mit Kindern unterwegs ist oder die Stadt vom Berg aus betrachten möchte, nimmt die Bahn und steigt am Alpenzoo aus. Eine Luchs-Mama hütet den Nachwuchs. Schräg gegenüber sind die Elche daheim. Auch Wölfe, Gemsen und Bisons leben in großen Gehegen und sind nur dann zu sehen, wenn sie sich auch zeigen wollen. Wer Tiere streicheln will, hat die Wahl zwischen Wollschweinen, Schafen und Ziegen. Immer im Blick hat man vom Alpenzoo aus die Stadt – und den Bergisel. Die Schanze ist Wintersportfans bestens bekannt, denn hier wird einer der Wettbewerbe der Vierschanzentournee im Skispringen ausgetragen. Auch im Sommer ist die Schanze, deren Turm die bekannte Architektin Zaha Hadid entworfen hat, bestens zu erkennen.

Nicht weit entfernt können auch widerwillige Museumsgänger jede Menge Interessantes über Tirol lernen. Im Museum Tirol Panorama ist das 1000 Quadratmeter große Innsbrucker Riesenrundgemälde untergebracht. Es zeigt den Tiroler Freiheitskampf von 1809, als die Bevölkerung gegen die bayerische Besatzung den Aufstand probte. Ein bisschen Geschichte darf es in Innsbruck schließlich auch sein.