Reise

Auf dem Kinda-Kanal

Archivartikel

Bäume, Felseninseln und Wolken spiegeln sich im Mörtsjön-See. Wassertropfen perlen vom Paddel. Kein Lüftchen regt sich. So ruhig liegt der See, dass man den Eindruck hat, die langen Stämme der Birken würden nach unten wachsen. Während am Ufer die Elchbratwürste auf dem Grill brutzeln, taucht das Kanu ein in eine Zauberwelt.

Abenteuer in der Natur versprechen Marianne van den Broeck und Bengt-Göran Jordvi ihren Gästen hier in der Wildnis Östergötlands. In ihrem Hotel Sommarhagen rüsten sie die Gäste mit Orientierungskarten aus und schicken sie auf Wild-Safaris, Waldwanderungen und aufs Wasser. Zum Beispiel auf den nahen Kinda-Kanal, auf dem malerisch tellergroße Seerosenblätter treiben. Ohne Eile gleitet die „M/S Kind“ durch die von Eichen und roten Holzhäuschen gesäumte Landschaft, unterbrochen nur von der Betriebsamkeit an den insgesamt 15 noch immer handbetriebenen Schleusen.

Krabbentoast und Hefegebäck

Am weitesten hinunter geht es an den Schleusen in Hofvetorps, die Kapitän Feliciano Mård jetzt ansteuert. 15,8 Meter beträgt der Höhenunterschied an der Treppe mit den vier Stufen. Martin Löfblum springt von Bord. Zusammen mit Schleusenwärter Henrik Arrelöv, der einen der beliebten Studentenjobs in Schweden ergattert hat, schließt er das Tor. Je tiefer die „M/S Kind“ sinkt, umso stiller wird es an Bord, denn rechts und links sind nur vier Zentimeter Luft zwischen dem Schiff und den immer höher aufragenden Steinwänden. Dann stemmen sich die Männer erneut gegen die eisernen Kurbeln. Das schwere Tor öffnet sich und das Schiff nimmt wieder Fahrt auf.

An Bord werden zwei typisch schwedische Spezialitäten serviert: Skagen-Toast mit Krabben, Mayonnaise, Dill und einem Häubchen aus Fischrogen und später Kanelbullar. Das Hefeteiggebäck mit Zimt, Kardamom und Hagelzucker lieben die Schweden zur „Fika“, der traditionellen Kaffeepause, zu der man es sich mehrmals am Tag „mysig“ (gemütlich) macht. Dabei erzählt Bootsbesitzerin Marianne Trygg, dass die Familienreederei bereits seit 1890 Ausflugsfahrten auf dem Kanal anbietet und die „M/S Kind“ ihre Feuertaufe einst als Löschboot im Stockholmer Schärengarten bestanden hat. Der Kinda-Kanal selbst, für den in erster Linie der Fluss Stångån ausgebaut wurde, ist 80 Kilometer lang, entstand um 1870 und verbindet die Seen ˝sunden und Roxen. Gebaut wurde er, um Baumstämme auf der Wasserstraße zu transportieren, doch die schnelleren Eisenbahnverbindungen machten ihn bald überflüssig. Wie auf dem Göta-

Kanal, in den die „kleine Schwester“ in Linköping mündet, blüht seitdem der Schiffstourismus. Verstecken muss sich der Kinda-Kanal nicht, denn er hat seinen eigenen Charme. Vor allem sind es die herrliche Natur und Herrenhäuser wie das Schloss Sturefors am Ufer, die die Fahrt zum Genuss werden lassen.

Apropos Genuss: Östgötamat heißt eine Initiative, zu der sich Restaurants, Hofläden und Produzenten zusammengeschlossen haben, um die regionale´Küche Östergötlands zu fördern. Zu den Spezialitäten gehört eine besondere, gesalzene Gurke ebenso wie das Bauernhof-Eis von Stafsäter Gårdsglass. Inhaberin Maria Ekman serviert neben Klassikern auch Sorten wie Karamell-Salz, Safran und Stracciatella mit Kokos. Auch Polkagrisar, die rot-weiß geringelten Pfefferminzbonbons, gibt es als Eis. Das hätte sicher Pippi Langstrumpf gefallen, deren Limonadenbaum ganz in der Nähe in Astrid Lindgrens Heimatstadt Vimmerby steht. Näs heißt der Hof, auf dem die Schriftstellerin aufwuchs.

Spuren ganz anderer Art liest Per Svensson-Borrud, der Pelle gerufen wird. Manche sagen auch Elch-Pelle zu ihm, ein Name, der einem Lindgren-Buch entsprungen sein könnte. Der Mann, der die Gäste des einstigen Mädchenpensionats und heutigen Landhotels Rimforsa Strand in einem betagten Jeep aus alten Armee-Beständen abholt, hat sich auf Elch-Safaris spezialisiert. Und weil Elche scheue Tiere sind, hat er ein Elch-Geweih und ein Gerät, das das Röhren eines Elches imitiert, dabei. Kann ja sein, dass man sich hoch oben auf dem Fels in den wirklich atemberaubenden Ausblick über die Seen Östergötlands verguckt und keine Augen mehr hat für den König der Wälder.