Reise

Auf der Straße der Vulkane

Mit dem Mietwagen kann man in Ecuador schwindelerregende Höhen erklimmen und außerdem auf Humboldts Spuren das vulkanreiche Hochland erkunden.

Die Straße der Vulkane entpuppt sich als Rumpelpiste, hinter der sich die Feuer speienden Berge auch noch in Wolken hüllen. Die Reisenden im hochbeinigen Mietwagen sind trotzdem hellauf begeistert. Immerhin holpern sie über die Straße, auf der vor über 200 Jahren schon Alexander von Humboldt das Hochland von Ecuador erkundete. Dieses teilweise einspurige Pflastersträßchen im Methusalem-Alter führt erst durch eine tolle Wiesenlandschaft mit winzigen Dörfern und nach einer Waldschlucht, die auf gepflasterten Serpentinen bewältigt wird, hinauf auf die Hochebene „Páramo“, die an die ostafrikanische Savanne erinnert. Wenn sich die Vulkane Ecuadors in Wolken hüllen, sieht man sie weder vom Pflaster der alten Panamericana aus noch von der Autobahn, die heute etliche Kilometer entfernt als neue Panamericana mit sechs Fahrspuren durchs Hochtal zwischen den beiden Bergketten der Anden nach Süden führt.

Die Individualreisenden erwartet am nächsten Morgen eine Überraschung: Kurz vor 7 Uhr präsentiert sich der Kegel des Cotopaxi-Vulkans gleich vor der Lodge auf der Páramo-Hochebene fast wolkenlos. Nur aus dem Krater über den von Gletschern gepanzerten Flanken eines der höchsten aktiven Vulkane der Erde quillt eine Dampfwolke. Auf Schotterpisten geht es schließlich in den Nationalpark und dort auf einer sehr breiten und ebenso steilen Staubstraße direkt hinauf zu den Flanken des Vulkans. Die weißen Wände am Straßenrand entpuppen sich als Schnee, entlang derer sich die Piste in die Höhe hangelt. 4580 Meter über dem Meeresspiegel endet das Fahrabenteuer an einem abschüssigen Parkplatz, von dem aus ein einfacher, aber wegen der Höhe und des steilen Anstiegs anstrengender Pfad zu einer 4800 Meter hoch gelegenen Hütte führt. Von hier aus kann man in einer nächtlichen Tour zum Kraterrand in 5897 Meter Höhe hinaufkraxeln. Der frühe Anstieg geht den Wolken aus dem Weg, die irgendwann am Vormittag den Gipfel des Cotopaxi oft bis zur Hochebene einhüllen. Bequemer kann man vom Parkplatz aus auch nur den Blick auf den Vulkan-Gletscher genießen, der wie ein Wasserfall aus Eis in die Tiefe stürzt. Bei diesem Anblick vergisst man schon einmal, dass man praktisch am Äquator steht. Der Cotopaxi ist allerdings keineswegs der einzige Höhepunkt, dem man im Mietwagen viel näher als im Reisebus kommt.

Ein Stück weiter im Süden führt eine andere Schotterstraße auf den erloschenen Chimborazo-Vulkan bis auf 4850 Meter. Von dort geht ein weiterer im Wortsinn atemberaubender Pfad zur 5041 Meter hoch gelegenen Whymper-Hütte hinauf. Die meisten keuchenden Menschen dort haben zum ersten Mal in ihrem Leben eine solche Höhe auf eigenen Beinen erreicht. Zum natürlich ebenfalls eisgepanzerten Gipfel auf 6310 Metern will kaum einer. Eher locken die weiten Flanken des Chimborazo, an deren kargen Gräsern bisweilen die „Vikunja“ genannten wilden Kamele des südamerikanischen Hochlandes knabbern.

Weit im Norden zeigt Ecuador auf einer ebenfalls Selbstfahrern vorbehaltenen Hochebene auf 3800 Metern ein völlig anderes Gesicht. Anstelle von Gletschern rollt im El-Angel-Nationalpark ein Hügelland zum Horizont, auf dem überall die entfernte Verwandtschaft von Gänseblümchen und Sonnenblumen gedeiht. Nur schießen diese Schopfrosetten fünf Meter in die Höhe und ähneln aus einiger Entfernung überdimensionalen, hageren Mönchen in ihren Kutten – zumindest mit ein wenig Fantasie.

Natürlich lohnt auch ein Abstecher zu den monumentalen Relikten des Inka-Reiches, die vermutlich aufgrund einer Lautverschiebung den Namen Ingapirca tragen. Oder in die vor Kolibris und Orchideen wimmelnden Regenwälder des Landes, die sich vom Hochland im Westen zur Küste, aber auch im Osten zum Amazonasbecken hinunterziehen. Auch Städte wie die Metropole Quito oder die Großstadt Cuenca mit ihren alten Häusern aus der Kolonialgeschichte des Landes dürfen natürlich nicht fehlen.

Nur sollten Mietwagenfahrer in diese Innenstädte besser mit dem Taxi fahren. Deren Fahrer kennen sich nämlich normalerweise gut aus und lassen ihre Gäste für einen aus mitteleuropäischer Sicht moderaten Preis dort aussteigen, wo sie hinwollten. Das ist ein Riesenvorteil in einem Land, in dem Verkehrsschilder und vor allem Wegweiser auf der Zu-erledigen-Liste der Verkehrsbehörden vermutlich an allerletzter Stelle stehen. Natürlich fehlen solche Wegweiser auch auf Überlandfahrten, bei denen die eine oder andere an Schildern arme Stadt mit ihrem Südamerika-typischen Verkehrsgewühl durchquert werden will. Wer dann wieder einmal nicht weiterweiß, fragt einen meist sehr hilfsbereiten und fast immer durchaus sachkundigen Passanten um Rat. Am besten natürlich in Spanisch, weil die allermeisten Ecuadorianer daneben allenfalls noch Quechua sprechen. Hinweise in dieser Indio-Sprache aber helfen den allermeisten Mietwagenreisenden bei der Suche nach der idyllisch abgelegenen Lodge in einem Gebirgstal wohl kaum weiter. Mit ein paar Brocken Spanisch dagegen findet der Ecuador-Reisende sein Ziel normalerweise zuverlässig. Und erlebt wieder einmal viel mehr als im Reisebus.