Reise

Auf Humboldts Spuren

Der Chimborazo ist der höchste Berg Ecuadors. Auch Anfänger wagen sich an eine Gipfelbesteigung. Die meisten kommen nicht an.

Lizza ist für eine letzte Zigarette vor die Tür der Berghütte gegangen. Weiß-braune Vicuñas stolzieren in sicherer Entfernung über den ascheschwarzen Vulkanboden. Die kleinen Verwandten der Lamas suchen nach Grasbüscheln und Moosen, die 4850 Meter über dem Meeresspiegel nur noch spärlich wachsen. Hinter der Hütte ragt der Chimborazo in die Wolken. Seine Silhouette bildet eine weiße Krone aus Eis und Schnee. Der Gipfel misst 6267 Meter.

Lizza war unterwegs zur Pazifikküste, Badelatschen und Strandtuch im Rucksack. Dann sah die 30-jährige Kolumbianerin im Internet ein Foto des Gletschers. Sie wechselte den Bus, quartierte sich bei einer Indígena-Familie am Fuße des Chimborazo in den Anden ein und ging vier Tage lang wandern, der Akklimatisierung wegen. „Da wollen wir wirklich hoch“, sagt sie. Es klingt zweifelnd.

Naturforscher Alexander von Humboldt (1769-1859) war der erste Europäer, der den Chimborazo 1802 zu bezwingen suchte. Die Höhenkrankheit setzte ihm und seinen zwei Begleitern übel zu. Mit blutenden Lippen und Zahnfleisch, ohne Handschuhe, die Schuhe durchnässt – so quälte sich der kleine Trupp nach oben. Auf 5500 Meter Höhe versperrte ihnen eine Gletscherspalte endgültig den Weg.

Mehr als 200 Jahre später ist die Besteigung des Chimborazo keine Pioniertat mehr. Die Ausrüstung ist moderner, die Route einfacher als die von Humboldt gewählte Strecke. Auch Anfänger wie Lizza buchen die Gipfeltour. Noch bleiben neun Stunden bis zum Abmarsch kurz vor Mitternacht. „Wenn die Sonne aufgeht, schmilzt das Gletschereis. Das erhöht die Lawinen- und Steinschlaggefahr“, sagt Bergführer José.

Der Berg ist ein inaktiver Vulkan

Der Indígena vom Puruhá-Volk hat den Chimborazo mehr als 100-mal erklommen. An einem Hang zeigt er Lizza und ihrem deutschen Freund, wie sie Seil, Eispickel und Steigeisen einsetzen sollen. Sie waren noch nie bergsteigen. Jede Information kann lebenswichtig sein. 30 Minuten braucht der einsilbige Ecuadorianer für seinen Schnellkurs, dann schickt er seine Schützlinge zum Vorschlafen in die Baude. Um 22 Uhr finden sich die künftigen Gipfelstürmer für das vorgezogene Frühstück ein. Kaum jemand spricht.

Um 23 Uhr geht es los. Noch ist der Boden frei von Geröll und Eis. Im Mondlicht sind unten im Tal die Umrisse der zwei Hütten zu erkennen. Ein kreidebleicher Bergsteiger kommt vorbeigestolpert. „Manche Neulinge können gar nicht erst aufbrechen, so starke Kopfschmerzen haben sie“, sagt José.

Der Pfad führt über Geröll- und Schuttfelder, Nachlass früherer Ausbrüche des seit 1500 Jahren inaktiven Vulkans. Lizza setzt jeden Schritt vorsichtig und konzentriert. Wer auf dem lockeren Geröll ausrutscht, stürzt in die Tiefe. Mehrere Male unterbricht ein unheimliches Dröhnen den Aufstieg: Steinschlag. José weist an, rascher zu laufen. In offenem Gelände ist das Risiko größer, von fallenden Steinen erfasst zu werden. Kurz vor 3 Uhr morgens legt die Dreierseilschaft auf einem Plateau eine Pause ein, um Seil und Steigeisen anzulegen. Auf dem Gletscherrücken weiter oben bewegen sich Lichtpunkte Richtung Gipfel: andere Bergsteiger mit ihren Stirnlampen. Der Weg verengt sich zu einem 50 Zentimeter schmalen Grat.

„Ein Gottesgeschenk zur Beförderung des menschlichen Weitblicks“, so beschrieb Humboldt den Chimborazo. Von Weitblick ist bei den beiden Seilpartnern im Moment nichts zu spüren. Der Gipfel ist noch 700 Höhenmeter entfernt. Humboldts indigene Führer ließen den Deutschen und seine Gefährten damals an der Schneegrenze allein und kehrten um. José läuft weiter.

Nach etwa zehn Metern ist der Grat geschafft. Der Pfad verläuft nicht mehr direkt am Abgrund, wird an mehreren Stellen aber so eng und steil, dass man sich mit dem gesamten Körper die vereisten Felsen hochstemmen muss. José klettert voraus und sichert. Auf Lizzas blassem Gesicht zeichnet sich die Entkräftung ab. „Viele Leute denken, sie haben bezahlt, also müssen sie irgendwie rauf auf den Gipfel. Ich bestimme, ob wir abbrechen“, hatte José zu Beginn gesagt. Der Guide spricht über Funk mit einem Kollegen. „Auf dem Gipfel regnet es“, sagt José. „Bei Glätte kostet jeder Schritt noch mehr Kraft.“ Er trifft die Entscheidung: „Wir treten den Abstieg an.“ Der Wille allein treibt die müden Körper an. „Zum Glück sind wir nachts losgegangen“, sagt Lizza. „Hätten wir diese Schluchten von Anfang an gesehen, hätten wir uns nie raufgewagt.“

Humboldt war wie seine Zeitgenossen überzeugt davon, dass der Chimborazo der höchste Berg der Welt sei. Der deutsche Naturforscher veröffentlichte die vielleicht berühmteste Episode seines Lebens erst viele Jahre später unter dem Titel „Über einen Versuch, den Gipfel des Chimborazo zu ersteigen“. Keine seiner Entdeckungen trug mehr zu seinem Nimbus bei als sein Scheitern an diesem Berg. Niemand war bis dahin in solche Höhen vorgestoßen.

Nur wer seine Grenzen kennt, kommt wieder heil herunter

Humboldt hatte bei seinem waghalsigen Ausflug vermutlich Glück, dass die Natur ihn zur Umkehr zwang, schreibt der Autor Werner Biermann in einer Biografie. Beim Herunterlaufen verirrte er sich in einem Schneesturm. Hätte das Unwetter ihn weiter oben überrascht, wäre er schlichtweg erfroren. Die Seilschaft trifft am Ausgangspunkt der Tour ein, der Carrel-Baude. Knapp neun Stunden liegen zwischen Abmarsch und Heimkehr. Der Körper schüttet weiter Adrenalin aus. An Schlafen ist nicht zu denken. Lizza ist stolz. Noch nie sei sie dem Himmel so nah gewesen. „Acht von zehn Bergsteigern brechen die Tour ab“, sagt José. „Das ist auch gut so. Denn nur wer seine Grenzen rechtzeitig erkennt, kommt heil herunter.“