Reise

Auf in den Süden

Archivartikel

Statt Strand und Palmen warten Gletscher, Wale und Pinguine – der Bikini gehört trotzdem ins Reisegepäck. Eine Schiffsreise in die weiße Wildnis der Antarktis.

Auf 64 Grad südlicher Breite pflügt das Expeditionskreuzfahrtschiff durch das bleigraue Südpolarmeer, entlang vergletscherter, verschneiter Landschaften der Antarktis. Kleinere Eisberge in fantasievollsten Formen dümpeln in Buchten. In betörendem Türkis leuchten sie aus der Tiefe. Zwei Tage lang hat der norwegische Kapitän Martin Iversen die „MS Midnatsol“ sicher durch die stürmische Drake-Passage navigiert. Jetzt ist das Meer wieder etwas zur Ruhe gekommen.

Zum Schutz der Meerestiere drosselt der Kapitän die Fahrt auf maximal zehn Knoten, rund 18 Kilometer pro Stunde. Dennoch: Es schwankt, schlingert und schaukelt, während sich die Passagiere am Café-Gebäck laben, fotografieren oder staunend am Bug des Schiffes stehen. Auch der kinoähnliche Vortragssaal ist gut gefüllt. Auf dieser Reise wird die „MS Midnatsol“ zur schwimmenden Universität. Das rund 20-köpfige Expeditionsteam referiert mehrmals täglich über Flora und Fauna, Geschichte und Geologie des weißen Kontinents, der erst vor 200 Jahren entdeckt wurde.

Am Ende seines Vortrags lächelt Biologe Rudolf Thomann seinem Publikum zu. „Haben Sie noch weitere Fragen?“ Ein kleiner Arm schnellt in die Höhe. „Warum heißt die Antarktis eigentlich Antarktis“, fragt ein neugieriger Neunjähriger. Er ist der jüngste der rund 390 Gäste an Bord des Hurtigruten-Schiffes. „Die Antarktis stammt vom griechischen Wort árktos und bedeutet Bär“, erklärt Thomann. Die Arktis im Norden nämlich liege unter dem Sternbild des „Großen Bären“. In der Antarktis hingegen, dem eisigen Pendant am Südpol, gibt es große Bären weder am Himmelszelt noch auf dem mächtigen Eisschild - auf vier Pfoten schleicht hier kein einziges Wesen umher. Sie ist hingegen die fast unberührte Heimat flinker Schwimmer. Die Heimat von Walen, Robben, Seeleoparden und natürlich: Pinguinen. Und was kaum ein Reisender vermutet: Rund um den lebensfeindlichen, windigsten und kältesten Kontinent der Erde, fast doppelt so groß wie Australien, leben rund 10 000 Arten. „Das Südpolarmeer strotzt nur so vor Leben, ähnlich wie ein Korallenriff“, beschließt Biologe Thomann seinen Vortrag. Breitbeinig wanken die Gäste zurück zu ihren Kabinen, um sich für die nächste Anlandung bereit zu machen: Cuverville Island. Auf diesem Eiland tummeln sich im antarktischen Sommer Tausende krakeelender Eselspinguine. Zwar liegen die Temperaturen im antarktischen Frühling gerade „nur“ um den Gefrierpunkt, doch das Wetter am Südpol kann schnell umschlagen. Dies ist die größte Herausforderung für den Kapitän. Wo eben noch Eisberge unter azurblauem Himmel strahlten, raubt im nächsten Moment ein Schneesturm die Sicht, fauchen eiskalte Böen übers Deck.

Sich in ein paar Extraschichten zu hüllen, ergibt also Sinn: hinein in die warme Merinoleggings, in Wollpullover, Thermohose und Skijacke. Formvollendet wird die Expeditionskluft mit knallroten, wetterfesten Jacken und gefütterten Gummistiefeln, die jeder Passagier leihweise erhält. „Wir bitten die nächste Gruppe zum Tenderpit“, knarzt es schon aus den Bordlautsprechern. Die Truppe internationaler Passagiere macht sich auf dorthin, zur großen Luke auf Deck 3.

In der Drake-Passage schlagen zehn Meter hohe Wellen gegen das Schiff

Über eine Rampe geht es nacheinander per Seemannsgriff in die Tenderboote, die nacheinander Richtung Küste brausen - mitten durch ein weißes Wunderland. Mächtige Gletscher türmen sich eisblau am Festland auf, drohen zu kalben. Der fischige Geruch von Pinguin-Kot wabert schon herüber, bevor die Tiere überhaupt zu erkennen sind. Er stammt von verdautem Krill, ihrer Lebensgrundlage. An der Küste angelandet, wartet schon das Expeditionsteam. Jetzt heißt es zügig über die Gummireling an Land schwingen. Alles scheint unwirklich: der berauschend schöne Blick über die Eisbucht, die raue Weite und die Tatsache, dass die nächste Stadt Tage entfernt liegt. Putzige Eselspinguine tapsen entlang des Meeressaums und picken mit ihren roten Schnäbeln nach kleineren Steinen. Mit diesen schichten sie ihre Nester auf, an denen sich die Paare jedes Jahr wiedertreffen. Schon bald werden darin jeweils zwei Küken schlüpfen, sofern die Eier nicht vorher in den Mägen lauernder Raubmöwen landen. Für alle Besucher gilt: leise sprechen und stets fünf Meter Abstand zu den Tieren halten. Doch was nützt dies, wenn die drolligen Frackträger mit abgespreizten Flügeln schnurstracks auf die Wesen in roten Jacken zu wackeln, um neugierig nach ihnen zu schauen? Zu ihren ärgsten Feinden gehören Seeleoparden und Orcas, an Land kennen sie keine Widersacher und empfinden Menschen nicht als Bedrohung, erklärt eine Biologin. Auf dem Weg zurück zum Schiff gibt es niemanden, der kein breites Lächeln im Gesicht trägt – entzückt, gerührt und verzaubert von einem wahren „Pinguin High“. Die Tage am Ende der Welt stecken voller Eindrücke. Kein Tag gleicht dem anderen, dazu: Kajakfahren, Schneeschuhwandern, Eisbaden bei Minusgraden (wahrlich unvergesslich). Der vielleicht aufregendste Moment: die Anlandung auf einer frei treibenden Eisscholle, neben der sich dunkle Rücken mächtiger Buckelwale aus dem Meer heben; es sind bewegende, einzigartige Augenblicke, die sich für immer einbrennen.

Ahoi, du blau-weiße Weite, du eigenwilliger Planet. Zwei abschließende Seetage rollt und stampft die „MS Midnatsol“ nordwärts Richtung Ushuaia, mitten durch die stürmische Drake-Passage, seit jeher von Seefahrern gefürchtet. Zehn Meter hohe Wellen krachen gegen das Schiff. Viele Reisende ziehen sich in ihre Kajüten zurück, andere stemmen sich trotz Seekrankheit gegen den Sturm – den Blick gen Horizont gerichtet. Er entschädigt für alles: Die letzten Eisberge ziehen vorbei, manch Wal bläst wie zum Abschied meterhohe Fontänen, seltene Wanderalbatrosse segeln mühelos über dem Kielwasser, bevor das Schiff das Südpolarmeer verlässt – eine eisige, wunderschöne, eine bedrohte Welt.