Reise

Auf Kohle gebaut

Kattowitz ist nicht wiederzuerkennen. Die Umwandlung der ehemaligen Industriestadt in eine Metropole wird durch die Kulturzone symbolisiert. Dort steht neben dem Konzerthaus auch ein Kongresszentrum. Hier tagt gerade die UN-Klimakonferenz.

Die Fassade ist aus braunem Ziegel, die Fensterlaibungen glänzen tiefrot, durch verschachtelte Gänge gelangt man in den Konzertsaal, dessen Wände kohlschwarz schimmern. Die neue schlesische Philharmonie in Kattowitz (polnisch: Katowice) ist ein einziges Zitat. Zitiert wird die ganze, große Geschichte Oberschlesiens, ihre Tradition als Bergarbeiterstadt, aber auch ihre Landschaft, ihre Kultur, die Liebe zur Musik. Die braunen Ziegel, das leuchtende Rot verweisen auf die oberschlesischen Arbeiterhäuschen, die anthrazit gefärbten Wände sehen aus, als ob sich winzig feiner Kohlenstaub auf ihnen abgelagert hätte. Auch der Standort ist ikonografisch, befindet sich doch direkt unter dem Konzerthaus und der sich anschließenden weitläufigen Kulturzone eine stillgelegte Kohlegrube.

Stahl trifft auf Glas, Schwere auf Eleganz

Auf der verbleibenden Brache rings um die Halle wurde ein Park mit 450 Bäumen, Wasserspielen, einem Labyrinth und einem Amphitheater angelegt. Die transparenten Glaskuben des neuen Schlesischen Museum schließen sich an, daneben ragt weit hinauf in den Himmel ein stillgelegter Förderturm. Ein Aufzug bringt Besucher 50 Meter hoch hinauf: Von hier aus hat man ganz Kattowitz im Blick. „Kultur statt Kohle“, so lautet das Motto des Strukturwandels in einer Region, die noch vor nicht allzu langer Zeit als das schmutzigste Industriegebiet Europas galt. Und an kaum einem anderen Ort wird das Motto so sinnfällig wie hier auf dem Gelände der ehemaligen Zeche Ferdinand: Vergangenheit trifft auf Zukunft, Stahl auf Glas, Schwere auf Eleganz. Und die Metamorphose der Stadt ist nicht nur grundstürzend, sie ist auch rasend schnell vonstattengegangen.

1999 war das Steinkohlenbergwerk auf dem Gelände noch in Betrieb, 2015 zum 150. Geburtstag der Stadt ist bereits alles neu. „Sechs Jahre hat es von der Planung bis zur Eröffnung der Konzerthalle gebraucht“, erklärt Sebastian Gronet, Mitarbeiter der Verwaltung. Für die Akustik ist der Japaner Yasuhisa Toyota verantwortlich, der auch in der Elbphilharmonie für den Klang gesorgt hat. Die Philharmonie Kattowitz gilt als einer der besten Konzertsäle weltweit. Das Budget wurde nicht überzogen, 60 Millionen Euro hat der Bau gekostet (Die Elbphilharmonie war zehnmal so teuer).

Seit der Saison 2012/13 ist Alexander Liebreich Chefdirigent des Nationalen Polnischen Radiosinfonieorchester. „Die Auslastung der Philharmonie ist sehr gut, die Bürger von Kattowitz lieben das Angebot“, erklärt Gronet und fügt hinzu, dass die Schlesier ein sehr musikalisches Volk seien. „Wir haben ein kundiges Publikum“, sagt der junge Mann. In unmittelbarer Nähe befindet sich ein Komplex aus zwei Kongressgebäuden. Zum einen die Halle Spodex aus den 70er Jahren. Sie sieht aus wie eine riesige fliegende Untertasse und ist ein Wahrzeichen der Stadt. Zum anderen das neue Kongresszentrum. Die Gebäude sind miteinander verbunden, zusammen finden hier 25 000 Menschen Platz. Der Komplex ist eines der größten Zentren für Businesstouristik in Polen und trägt der Entwicklung Kattowitz’ hin zu einem bedeutenden Zentrum für Dienstleistung, IT und Bildung Rechnung.

Fester Zusammenhalt in einem idyllischen Biotop

Auf dem markanten begrünten Dach des neuen Kongressgebäudes können die Besucher spazieren gehen. Zurzeit tagt hier die UN-Klimakonferenz. „Black to green“ lautet eine Devise der ehemaligen Stahl- und Hüttenregion und wo, wenn nicht hier kann man sich ein Bild davon machen, wie sehr Mensch und Natur davon profitieren, wenn auf Kohleabbau verzichtet wird. Krystian Gryglaszewski, deutschsprachiger Stadtführer, sagt, dass die Hälfte des Stadtgebiets von Kattowitz grünes Erholungsgebiet sei. „Der Schlesische Park ist der größte Park Europas. Wer vermutet den ausgerechnet in Kattowitz?“, fragt er verschmitzt. Und dann erzählt er, dass der Aspekt der Erholung in Kattowitz eine lange Tradition hat. „Am Anfang des

20. Jahrhunderts wurden hier zwei Arbeitersiedlungen errichtet: Gieschewald und Nikischacht. In den Kolonien gibt es reichlich Grün und viele Möglichkeiten, sich nach der Arbeit zu erholen.“ Und tatsächlich: Schon die Fahrt hin zu den beiden Siedlungen (heute: Giszowiec und Nikiszowiec), die zu den oberschlesischen Technikdenkmälern zählen, führt am reizenden Naherholungsgebiet Drei Teiche vorbei.

Die deutschen Architekten Emil und Georg Zillmann haben sowohl Nikischacht – eine Kolonie aus braun-roten Backsteinhäusern – als auch die Gartenstadt Gieschewald geschaffen. „Die Kolonien wurden von den Besitzern der Grube Giesche für ihre Arbeiter errichtet, damit sie es nicht so weit zur Arbeit haben und sich nach Feierabend an der frischen Luft erholen konnten“, erzählt Gryglaszewski und zeigt auf die weitläufigen Innenhöfe der Häuserblocks. „In der Mitte steht ein Brotbackofen. Hier haben sich die Bewohner zum Essen getroffen“, erklärt der kundige junge Mann und fügt hinzu, dass der Zusammenhalt unter den Arbeitern groß und fest war: Man hat gemeinsam auf die Kinder im Innenhof aufgepasst. „Jede Wohnung hat ein Fenster zum Hof, so dass man sehen konnte, was unten los war.“ In der Freizeit wurde gesungen, musiziert oder man hat sich um die Kaninchen gekümmert.

Auch im benachbarten Gieschewald, einem zauberhaft idyllischen Biotop aus zierlichen Einfamilienhäusern inmitten eines lichten Waldes, wurde der Zusammenhalt gepflegt. „Die Wohnungen waren sehr begehrt und sind es bis heute geblieben“, sagt Gryglaszewski. Die meisten Gebäude sind erhalten, auch in ihrer ursprünglichen Funktion: als Geschäfte, Schulen, Gasthäuser. Das scheint überhaupt das Geheimnis der beeindruckenden Stadt Kattowitz und ihrer Bewohner zu sein: dass alles Neue aus und neben dem Alten entsteht, dass man die Vergangenheit weder leugnen noch mit ihr brechen muss, um sich mit guten Ideen und Vertrauen der Zukunft zuzuwenden.