Reise

Ausflug in die Apokalypse

32 Jahre nach der Katastrophe von Tschernobyl bestaunen Touristen die Geisterstadt Prypjat und gruseln sich vor der Betonsilhouette des Reaktors. Ein Besuch im unwirtlichen Sperrgebiet, das alles andere als menschenleer ist.

Wo sonst ein Navigationsgerät hängt, piept im Minivan ein Geigerzähler. „Essen und Trinken ist im Freien verboten. Bitte keine Gegenstände auf dem Boden abstellen, und wer den asphaltierten Bereich verlässt, lebt gefährlich.“ Seine Gäste starren Mikael beunruhigt an, während er die Vorschriften für einen Besuch in der Tschernobyl Sperrzone vorliest.

32 Jahre ist die Explosion in Reaktor 4 nun her. Bis heute ist die Zone an der Grenze zu Weißrussland rund um den Reaktor Sperrgebiet. Und zugleich Touristenmagnet. Was eigentlich ein menschenleerer Raum sein sollte, ist Schauplatz eines abstrusen Geschäftsmodells. Besucher fahren die zwei Autostunden von Kiew, um die Auswirkungen der verheerendsten Atomkatastrophe der Geschichte in Augenschein zu nehmen. „Ich fahre seit acht Jahren jede Woche in die Zone und mir geht es gut“, versucht Mikael die kleine Reisegruppe zu beruhigen. Seine eigene Familie stammt aus der Zone, aus einem der vielen kleinen Dörfer, die damals umgesiedelt werden mussten. Er war vier Jahre alt.

Mikael steuert den Ort an, weswegen die meisten Touristen gekommen sind: Prypjat, die verlassene Geisterstadt. Die Stadt ist heute Schauplatz eines Zweikampfes zwischen menschlichen Hinterlassenschaften und der Natur. Der Asphalt des prunkvollen Platzes im Herzen der Stadt ist aufgesprungen, Birken recken sich in die Höhe, Moose bedecken weite Flächen. Eine Welt nach der großen Apokalypse, in der sich die Natur nach und nach die Zeugnisse menschlicher Existenz einverleibt.

Es ist schwül und heiß, wenig unterscheidet Prypjat von einer Ruinenstadt im tropischen Dschungel. Mosaike und Fresken sind zerstört oder überwuchert. Zwischen dichtem Wald ragen rostige Ampeln hervor. Im Sportcenter hängen immer noch Basketballkörbe, durch einen Gang gelangt man zu einem 25-Meter-Schwimmbecken mit Sprungturm. An vielen Stellen befinden sich Graffiti. Ein nächtlicher, unautorisierter Besuch in Prypjat gilt bei Jugendlichen als Mutprobe. Vielerorts ist Prypjat inzwischen von Vandalismus in Mitleidenschaft gezogen worden. Auf seinem Tablet zeigt Mikael Bilder von der Zeit, als Prypjat noch bevölkert war. „In zehn Jahren wird es nicht mehr möglich sein, die Stadt zu besuchen“, sagt Mikael. Zu brüchig ist die Bausubstanz und zu stark die Kräfte der Natur. 1979 gegründet, galt Prypjat als Vorzeigestadt der gesamten Sowjetunion. Modern, sauber, lebendig. Eine Modellstadt des sowjetischen Lebensstils. Neben 17 000 Kindern lebten hier hauptsächliche Menschen Ende zwanzig, die dem Ruf des Geldes gefolgt waren. Das Gros der Bevölkerung arbeitete im nahe gelegenen Atomkraftwerk. Der durchschnittliche Verdienst war etwa doppelt so hoch wie in der übrigen Sowjetunion.

Die Wälder beiderseits der Straßen wirken idyllisch, wenige Fahrzeuge sind unterwegs. Es ist ruhig. Offiziell ist die Zone verlassen. Die Regierung duldet etwa 200 Rückkehrer, die ihre letzten Lebensjahre in ihrem alten Zuhause verbringen möchten. „Die Radioaktivität ist nicht gleichmäßig verteilt, sie ist fleckenhaft“, erklärt Mikael. Die asphaltierten Straßen, auf denen Touristen unterwegs sind, gelten als sicher. Genau wie die Hauptgebäude wurden sie nach dem Desaster mehrmals gründlich abgewaschen und teilweise neu gebaut. Über die Zone verteilt liegen sogenannte Hotspots: Punkte mit besonders hoher Radioaktivität, die es zu meiden gilt. Sie sind mit gelben Strahlungswarnschildern gekennzeichnet.

Zurück im Minivan taucht nach einer Kurve der havarierte Reaktor auf. Seit diesem Jahr ist er verhüllt von einem neuen Sarkophag, der die nächsten 100 Jahre halten und die Strahlung reduzieren soll. Der graue Gigant kommt trotz seiner 30 000 Tonnen unscheinbar daher. Wüsste man nicht, wo man sich befindet, es könnte auch ein Kohlekraftwerk irgendwo in Deutschland sein.

Für eine so menschenfeindliche Umgebung laufen überraschend viele Menschen auf der Straße umher. Verwaltungspersonal und Arbeiter, die sich zum einen um die Fertigstellung des neuen Sarkophags kümmern, zum anderen um die Instandhaltung der Infrastruktur in der Zone. Keiner von ihnen trägt eine besondere Schutzkleidung. Sie arbeiten in Schichten von 5 bis 14 Tagen und leben in Slawutytsch, 50 Kilometer von Reaktor 4 entfernt. Mikael führt seine Besucher in die Kantine von Tschernobyl. Ein geschäftiger, aber ruhiger Ort. Latzhosen tragende Ingenieure starren stumm auf ihr Essen, die Wände sind kahl, die Plastikstühle unbequem. Offenkundig kein Ort zum Verweilen. Vor dem Betreten müssen sich Touristen auf Strahlung untersuchen lassen. Die Arbeiter laufen dagegen an den Messgeräten vorbei. Mikael witzelt über die leckeren verstrahlten Hühnchen. Kaum jemand lacht.

Der Ort Tschernobyl, Namensgeber für das nahe gelegene Atomkraftwerk, ist eine Ansammlung farbloser Verwaltungs- und Wohngebäude. Holzhäuser stehen heute keine mehr. „Zu gefährlich. Die Regierung hat alle Holzhäuser abgerissen, aus Angst vor Waldbränden“, sagt Mikael. Holz speichert wesentlich mehr radioaktive Teilchen als Zement oder Ziegelsteine. Bei einem Brand könnten sie in die Luft gelangen. An einer Ecke verkauft ein kleiner Supermarkt Grundnahrungsmittel, vergangenes Jahr eröffnete eine Unterkunft mit 50 Betten. Eine klinisch saubere Stadt. Für die Touristen ist sie ein Durchgangsort.

Seit 2011 ist die Chernobyl Exclusion Zone zugänglich für den Massentourismus – pünktlich zur Europameisterschaft in Polen und der Ukraine im darauffolgenden Jahr. Rund 75 000 Besucher erwarten die Behörden für 2018. Jahr für Jahr kommen mehr. Die Veranstalter werben damit, dass man während eines Tschernobyl-Besuchs weniger Strahlung abbekommt als während eines Transatlantikfluges. Beweisen können sie es nicht. Insbesondere die Spätfolgen sind schwer abzuschätzen.

Ob er es gut finde, dass Touristen herkommen, um sich die Zeitzeugnisse von so viel Leid anzusehen? „Sie würden ja auch nach Auschwitz fahren, oder?“, zieht Mikael einen fadenscheinigen Vergleich. Geschichte dürfe nicht in Vergessenheit geraten, auch wenn sie brutal sei. Zumal die Eintrittsgelder helfen, die nuklearen Überreste sicher zu verwahren. Die Gefahr für Besucher spricht er nicht an. Die Region Tschernobyl fungiert heute als Mahnmal gegen Atomkraft. Sie wird für mindestens 24 000 Jahre unbewohnbar bleiben.