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Was im Urlaub gut gefällt, erschreckt oft zu Hause. Dort entpuppen sich auch haltbare Reisemitbringsel oft als Fehlkäufe.

Das Rentierfell bekommt den ersten Preis der Reisefehlkäufe. Es war am Flughafen in Tromsø. Flughäfen sind verführerisch, man stromert herum und hat Zeit und Landeswährung übrig. Da lag der Stapel mit Fellen, angepriesen als Unterlage für Outdoor-Unternehmungen. Das klang gut. Wandern in den Alpen, und dann packt man zum Hinsitzen ein Fell aus dem Rucksack. Gedacht, gekauft. Aber das Fell hat nie den Weg in die Berge gefunden. Zu schwer. So haarte es jahrelang im Schrank vor sich hin, bis es in den Müll wanderte.

Fehlkäufe auf Reisen – man weißes eigentlich: Toskanischer Landwein schmeckt nur unter Zypressen, Ouzo nur in der Taverne am Meer und Limoncello genau genommen nicht mal vor Ort. Und trotzdem fällt man immer wieder auf diese Versuchungen herein.

Das gesteht auch Leyla. Im Urlaub schmecke das Zitronentee-Granulat aus der Türkei herrlich, sie habe es in tausend Geschmacksrichtungen gekauft. Aber zu Hause sei der Tee „eben nur Zuckerwasser“. Noch schlimmer sei es mit Sahlep, ein Getränk aus – Orchidee! Dafür werden Wurzeln des Knabenkrauts gemahlen und mit Milch vermischt. Und mit sehr viel Zucker. Lisa, Halbamerikanerin aus Berlin, shoppte auf Reisen gerne Klamotten, „weil die anders waren“. Doch im Zeitalter der Globalisierung sei das schwierig geworden. Vor ein paar Jahren kaufte sie sich ein Seidenkleid in Valencia im Corte Inglés, in der Meinung, es sei wenigstens spanisch. Zurück in Berlin führte sie es stolz der Tochter vor. „Die lachte. Ich hab genau dasselbe Kleid in Rom gesehen und mir gleich gedacht, das wäre was für dich.“

Food-Bloggerin Julia bezeichnet sich als „fast immun gegen Reisefehlkäufe“. Doch in Uganda habe es sie erwischt. Überall lockten „diese wunderbar bunt gemusterten Stoffe“, vom laufenden Meter oder man lässt sich etwas schneidern. „Ich hab noch nie etwas Maßgeschneidertes besessen! Zuerst war es eine Jacke. Je länger ich im Land unterwegs war, umso schöner fand ich auch die Kleider, die an den Uganderinnen so elegant aussahen.“ Zwei Röcke, ein Kleid, perfekt auf Figur geschneidert, das war die Beute – aber nun „hängen sie ungetragen in meinem Schrank“. Sie sei einfach nicht so der Röcke-und-Kleider-Typ. Stoffe sind die Klassiker, sie nehmen wenig Platz weg im Koffer. Auch Reisejournalistin Susanne ist in Singapur in Chinatown schwach geworden bei Kimonos. Mit Seide, versicherte der Ladeninhaber. Sie kaufte drei hübsch gemusterte Teile, schwarz mit Blumen, Blau mit Blumen, weiß mit Blumen. Und weiter ging es mit teureren Kimonos, in der Lieblingsfarbe Blau. „An den Hüften irgendwie beutelig geschnitten“, stellte sie im Hotel fest, außerdem unerträglich schweißtreibend, „wahrscheinlich Polyester pur“. Die Essayistin Uta berichtet von einem Fehlkauf in Indien. „Kleiner Klamottenladen, zwei charmante Verkäufer überreden den Gatten und mich, uns was nähen zu lassen.“ Der Gatte bekam Hemden in Gandhi-Leinen, sie selbst diese „typischen indischen Hängeblusen“, in einem glänzenden grünlichen Gelb und einer Bluse aus Blümchenstoff. „Zu Hause wurden wir gewahr, dass die Schnitte von meinen Produkten völlig missglückt sind.“ Sie sehe darin aus „wie eine sputumgelbglänzende Tonne“.

Die Gandhi-Hemden vom Gatten passten zwar, „aber nachdem er sie gewaschen hatte, waren sie zu Kindergrößen geschrumpft“. Übersetzerin Kirsten aus Stuttgart erinnert sich an schwarze Gummischuhe für die dreijährige Tochter, „hektisch gekauft, nachdem das Kind schreiend auf dem sonnenheißen Sand auf Gomera herumlief.

Wenn Seide sich in Polyester verwandelt

Die zog das Kind für zehn Minuten an, fand sie unbequem, woraufhin wir zurückgeschippert sind zu unserer klaustrophobischen Unterkunft El Cabrito. Seitdem fahren die schwarzen Gummischlappen im Kabuff herum, sogar die Zweittochter hat längst größere Füße.“ Komplizierte Küchengeräte sind auch eine Falle. Die Medizinerin Birgit fand ihr Souvenir-Waterloo in Guatemala-Stadt: „Überall verkaufen Händler frisch gepressten Orangensaft. Sie nutzen dafür eine Saftpresse und einen Orangenschäler. Die Orange wird zwischen zwei Metallstäben in einer Schraubzwinge befestigt, die an einer Tischplatte festgeschraubt ist. Dann betätigt man eine Kurbel, die Orange dreht sich. Ein fest montiertes Schälmesser entfernt die Orangenschale.“ So ein Ding musste her. Sie erstand eines und fuhr damit in der Gegend herum. Doch zu Hause beschwerten sich Mitwohnende über den Platz, den das Gerät einnahm. „Am Tisch durfte ich es auch nicht befestigen. Es stand noch viele Jahre im Schrank. Ich liebte es sehr, aber es hatte keinen Sinn.“ Ein Gutes hatte das Rentierfell aus Tromsø dann doch noch: Es war ein paar Jahre später am Flughafen in Kulusuk in Grönland. Da lagen diese Stapel mit Robbenfellen. Zertifiziert, alle ganz legal erlegt. Aber das jemandem in Deutschland erklären zu wollen, ist schwierig. Vom restlichen Geld gab es stattdessen eine Tasse mit Grönlandfahne. Denn eines ist klar: Tassen gehen immer. Na ja, fast.