Reise

Babylon Big Apple

Archivartikel

New York, das Puzzle der Nationen, wurde und wird von Einwanderern erbaut. Das macht die Stadt zu einem spannenden Schmelztiegel der Kulturen.

Wer New York hauptsächlich aus Filmen, Romanen und Songs kennt, kommt schon mal auf die Idee, die Stadt sei von italienischen Gangstern, irischen Polizisten und einer Handvoll chinesischer Wäschereibesitzer aufgebaut worden.

In Wirklichkeit war alles viel gewaltiger. Die Schöpfung der Stadt war und ist ein Weltprojekt, an dem Hände und Köpfe aus über 100 Ländern beteiligt waren, ein großer Teil davon aus Osteuropa. Achteinhalb Millionen Menschen leben heute offiziell am Hudson, dazu kommen eineinhalb Millionen ohne gültige Papiere. Eine Reise auf den Spuren der Einwanderer bietet somit die Chance, zum eigentlichen Wesen dieser Stadt vorzudringen, jenseits der Glitzerwelt des Times Square.

Mitte des 19. Jahrhunderts wurde Manhattans Lower East Side zu einem der wichtigsten Immigrantenviertel. Hier entstanden die Tenements, enge, dunkle Mietskasernen, auch Krähennester genannt. Eine von ihnen hat man in 97 Orchard Street rekonstruiert. Über ausgetretene Stufen in einem fast lichtlosen Flur geht es hinauf in die drei kleinen Räume, die Familie Gumpertz aus Preußen von 1870 bis 1883 bewohnte. Der Brottopf steht auf dem Tisch, Wäsche hängt zum Trocknen überm Herd und die fröhliche Führerin mit chinesischen Wurzeln schildert lebhaft, wie die Kinder damals das Wasser in Eimern von unten hochschleppen mussten.

New York war, nach Berlin und Wien, weltweit die Stadt mit der drittgrößten deutschsprachigen Bevölkerung. Viele lasen den „Forward“, eine sozialistische Zeitung. 1912 bezog die Redaktion ein Hochhaus am Seward Park, in dem sich heute teure Eigentumswohnungen befinden. Und die betuchten Besitzer müssen noch immer jeden Morgen auf ihrem Weg zur Arbeit an der Wall Street unter einem prächtigen Marmorbogen durch - mit den Reliefs von Marx, Engels, Lassalle und Liebknecht. Veränderung ist nach wie vor das einzig Konstante in New York. Chinatown breitet sich in die Lower East Side aus, Little Italy ist mehr oder weniger auf eine Straße geschrumpft. Und im East Village werden die Spuren der Ukrainer weniger.

Man spricht Deutsch

Schräge Feuerleitern, gelbe Taxis und Wolken aus Wasserdampf über Gullys – moderne Ikonen prägen das allgemeine Bild von New York und finden sich auch in fast allen Quartieren. Williamsburg in Brooklyn dagegen ist anders. Man sieht keine McDonald’s-Filiale und kein Nagelstudio. Männer mit Schläfenlocken und schwarzen Kaftanen eilen über die Straße, gelbe Schulbusse mit hebräischer Aufschrift sind unterwegs, Frauen mit Perücken schieben Kinderwagen. Und man hört überwiegend Jiddisch. 200 000 Einwohner hat Williamsburg, und fast die Hälfte gehört der strengen jüdischen Glaubensrichtung der Satmar-Chassiden an. Juden aus ganz Europa, die vor den Nazis flohen, trafen in den 1930er Jahren in New York ein und fanden an der Lee Avenue eine perfekte jüdische Infrastruktur vor: Synagogen, Schulen, Läden mit koscheren Lebensmitteln. Unter ihnen waren viele Chassiden, jene Gläubigen, die sich von progressiven Reformern zu rigiden Konservativen entwickelten. Ein Geschäft wie „Judaica“´verkauft nicht nur Menorahs und Gebetsschals, sondern auch Kinderbücher und Spiele – denn auch die sind Mittel zur religiösen Belehrung: Als Puppen gibt es keine Barbies, sondern brave „Mizwa-Kinder“, Monopoly heißt „Handel ehrlich!“ Handys werden nur mit eingebautem Internetfilter verkauft. Juden sind auch tief im Süden von Brooklyn zu Hause, wo sich die Loopings und Schanzen der Achterbahnen von Coney Island im Schatten der Hochhäuser winden. Sie kamen in den 1970er Jahren aus der Sowjetunion und sammelten sich in Brighton Beach, wo die Wellen des Atlantik sie an die des Schwarzen Meeres erinnerten: „Klein-Odessa“ war geboren. Tatsächlich erinnert die Kulisse an die eines russischen Seebads: Grauhaarige Angler diskutieren auf Russisch über ihren Fang, Frauen mit viel goldenem Blond im Haar zischeln wütend in ihre Handys, im Supermarkt „Tashkent“ schauen Männer in schwarzen Kunstlederjacken nach Samowaren, und Frauen in Kostümen, die nie richtig modern waren, kaufen ein - fast ist es, als wäre die Zeit in einer sowjetischen Großstadt stehengeblieben.

Doch auch Coney Island ist schon wieder Einwanderergeschichte. Das wahre, bunte, quirlige Immigrantenleben von heute findet in Queens statt. In seiner Chinatown verteilen ausgemergelte alte Männer Werbeflyer für Peking-Enten-Restaurants, ein chinesischer Werbesender plärrt im Dauerbetrieb. Rund um Jackson Heights dagegen hört man nur noch Spanisch, die Südamerikaner sind hier zu Hause.

Folgt man der Main Street nach Süden, riecht es plötzlich fast übergangslos nach Curry, heißem Öl und Sandelholzparfüm: Little India beginnt. Gleich um die Ecke folgt die Straße der Pakistanis, davon abgehend die Gasse der Afghanen, abgelöst vom Bezirk der Bangladescher - an jeder Ecke lässt sich ein neues Stück ins Puzzle der Nationen einfügen.

Und New York? New York verdaut alle.