Reise

Basalt und Barock

In kaum einem anderen Landstrich Deutschlands verbinden sich ursprüngliche Wälder, Teich- und Flusslandschaften sowie altehrwürdige Bauten so idyllisch wie im Oberpfälzer Wald im Osten Bayerns.

Den Rauhen Kulm sieht man schon von Weitem. 681 Meter hoch und aus schwarzem Basalt ist der Kegel, dessen steil abfallende Flanken auf einem flacheren bewaldeten Sockel ruhen. Der Aufstieg zum Gipfel hat es in sich – nicht wegen der Höhe, sondern weil der Weg am Fuß des Berges über ein eigentümliches Geröllfeld führt, das Gleichgewichtsgefühl und Trittsicherheit erfordert. Die Steine sind lose, quadratisch und alle in etwa gleich groß. Es sieht aus, als wäre eine Burg am Gipfel zerstört worden und die Quader, aus denen sie erbaut wurde, seien dann den Abhang herabgepurzelt.

Mit menschlicher Zerstörungswut hat das Geröllfeld, das sich an der Süd-und Ostflanke des Berges ausbreitet, jedoch nichts zu tun. Der Rauhe Kulm ist vielmehr ein rund 21 Millionen Jahre alter Vulkan, der nie zum Ausbruch kam. Nachdem die Gesteinsschichten um den Magma-Kern im Laufe der Jahrmillionen durch Erosion weggebröselt waren, zerbrachen die freigelegten Basaltsäulen zu jenem Trümmerfeld, über das Wanderer heute zwangsläufig balancieren müssen.

Die Mühe lohnt sich jedoch allemal. Vom Aussichtsturm auf dem Gipfel des Rauen Kulm offenbart sich die ganze Schönheit der nördlichen Oberpfalz. Man hat eine herrliche Rundumsicht auf eine (fast) unverbaute Landschaft. Zu sehen sind weitere Vulkankegel, das Fichtelgebirge, der Steinwald und die Fränkische Linie. „Bei wirklich guter Sicht kann man von hier aus mit dem Fernglas sogar den Regensburger Dom ausmachen“, weiß Reiseleiter Herbert Grabe. Der gebürtige Oberpfälzer, der viele Jahre in der ökologischen Erwachsenenbildung tätig war, sieht sich selbst als ein Orte-Sucher, als einer, der schöne Landschaften findet, um sie Gleichgesinnten zu zeigen.

Der Raue Kulm ist so ein Ort. „Im Bereich des Blockmeers haben sich seltene Tier- und Pflanzenarten angesiedelt, die nach der letzten Eiszeit hier die klimatischen Bedingungen vorgefunden haben, die sie zum Überleben brauchen“, weiß Grabe und nennt als Beispiel gefährdete Fledermausarten wie das Braune Langohr und die Fransenfledermaus sowie bei den Pflanzen den Tüpfelfarn und die Scharlachflechte. Vulkanausbrüche haben sich in dieser Region übrigens zuletzt vor mehr als 150 000 Jahren ereignet. Doch bis heute lebt ein ganzer Tourismuszweig davon: Nicht nur die Heilbäder im nahen tschechischen Marienbad und Franzensbad profitieren von den Mineralquellen vulkanischen Ursprungs. Auch das Sibyllenbad in Neualbenreuth, das einzige Kur- und Heilbad der Oberpfalz, nutzt diesen heilsamen Nebeneffekt. Doch nicht nur der Vulkanismus hat die Landschaft der nördlichen Oberpfalz geprägt. Wer hier wandert, stößt früher oder später auf Teiche. Im frühen Mittelalter von Mönchen zur Fischzucht angelegt, werden in vielen bis heute Karpfen gezüchtet.

Mehr Burgen als in der Oberpfalz gibt es nirgends

Aber auch Forelle und Saibling kommen hier frisch auf den Tisch. Durch diese einmalige Wasserlandschaft mit ihren mehreren Tausend Seen, Teichen und Tümpeln führen Rad- und Wanderwege.

Herbert Grabe nimmt seine Gäste mit auf eine Tour durch die sogenannte Tirschenreuther Teichpfanne, die teilweise im Naturschutzgebiet Waldnaabaue liegt. Höhepunkt der Wanderung ist der Aufenthalt auf dem Aussichtsturm Himmelsleiter. Die 20 Meter hohe Stahlkonstruktion ist ein idealer Beobachtungspunkt, denn im und am Wasser haben viele Tiere ein Zuhause gefunden.

Die Region ist jedoch nicht nur reich an Naturschätzen. Auch für Geschichts- und Kulturinteressierte gibt es Spannendes zu entdecken. Die Stiftsbibliothek der Zisterzienser-Abtei Waldsassen zählt kunsthistorisch zu den bedeutendsten Bibliotheken der Welt. Der Oberpfälzer Wald ist die burgenreichste Gegend der Republik. Hunderte von Befestigungen gab es im einstigen „Nordgau“ des Reichs von Kaiser Karl dem Großen, heute sind einige verfallen, andere zeigen imposant ihr uraltes verwittertes Gesicht.

In der nördlichen Oberpfalz haben sich außerdem viele faszinierende Akanthus-Altäre aus der Barockzeit erhalten, die – so Herbert Grabe – „ein gut gehütetes Geheimnis der Region darstellen“. Weil die Oberpfalz durch die regen Handelsbeziehungen über die Goldene Straße besonders eng mit dem östlichen Nachbarn verbunden gewesen sei, finden sich hier besonders viele dieser „böhmischen Altäre“. So schlage die Akanthus-Ranke eine florale Brücke zwischen Ostbayern und Böhmen, schwärmt der Reiseleiter.

Eine weitere charmante Wasserlandschaft, das wildromantische Waldnaabtal, liegt nur wenige Kilometer weiter südlich der Teichpfanne zwischen Falkenberg und Windischeschenbach. Auf einer Strecke von rund zwölf Kilometern hat sich das Wasser der Waldnaab einen Weg durch ein Granitplateau gefressen. „Grand Canyon der Oberpfalz nennen die Einheimischen das Waldnaabtal daher“, sagt Grabe augenzwinkernd.

Einige Steinriesen, die sich im Bett des Flusses den Wassermassen entgegenstemmten, hat die Waldnaab im Laufe der Jahrtausende glatt geschliffen.