Reise

Bei den Reichen und Schönen

Mit dem Wohnmobil durchs Engadin: Passt der Nobelort St. Moritz denn überhaupt für rustikale Camper? Aber ja. Denn im Sommer geht es dort viel bodenständiger zu als im Winter.

St. Moritz liegt im Rennen um die höchste Pelzmantel-Dichte der Alpen ganz weit vorne. Passt eine solche Destination überhaupt für Camper? Doch erstens trage man im Sommer, wenn die meisten Camper unterwegs sind, keinen Nerz. Und außerdem gebe es im Engadin genauso viele Campingplätze wie Fünf-Sterne-Hotels, sagt Gerhard Walter vom hiesigen Tourismusverband, nämlich neun Stück. Und im Übrigen, so weiß Rudi, ein Einheimischer aus Maloja, sei das Engadin im Sommer viel bodenständiger als im Winter. Dann sind die Wanderer in der herrlichen Natur rund um St. Moritz, Sils Maria und Zuoz unterwegs, und zwar in praktischen Outdoor-Klamotten.

Die weißen Flocken schmelzen schnell dahin

Obwohl: So eine kuschelige Winterjacke wäre gar nicht schlecht. Das Wohnmobil schraubt sich gerade die Serpentinen hinauf zum Julierpass. Auf dem Display am Armaturenbrett leuchtet die Glatteiswarnung auf, zwei Grad plus. Und auf der Passhöhe (2284 Meter), kurz vorm Übergang ins Engadin, setzt dann der Schneefall ein, an einem Nachmittag mitten im Sommer. Die weißen Flocken schmelzen allerdings schnell dahin. Zum Glück, schließlich wollen wir wandern und nicht Ski fahren.

Auch die Nachbarn auf dem Camping Silvaplana, zwei durchtrainierte Jungs aus Zürich, schätzungsweise Anfang dreißig, sind voll und ganz auf Sommer eingestellt. Sie kommen seit Jahren zum Kitesurfen her. Denn auf dem See finden die Kiter ideale Bedingungen. Zuverlässig ab 11 Uhr weht der Malojawind vom gleichnamigen Pass herunter, in der Regel mit Windstärke 4 oder 5.

Der Silvaplanersee gehört zum Quartett der Engadiner Seenplatte. Genauso wie im St. Moritzer- und im Silsersee oder Lej da Champfèr steigt seine Wassertemperatur selten über 14 Grad, Baden kann man also besser im neuen Hallenbad, das sich St. Moritz 65 Millionen Franken hat kosten lassen.

Zum Wandern ist das Klima perfekt – nicht zu warm, so dass man die Höhenunterschiede gut meistern kann, ohne ins Schwitzen zu kommen. Es gibt knapp 600 Kilometer Wanderwege im Oberengadin, eine Route schöner als die andere: zum Beispiel in die Lärchenwälder im Fextal bei Sils Maria, die im Spätsommer wunderbar gelb leuchten, zum Lej da Staz, einem idyllischen Hochmoorsee im Stazerwald oberhalb von Celerina, oder im autofreien Rosegtal. Und wer mit der Standseilbahn auf den Muottas Muragl fährt, kann dort oben auf dem Weg zur Segantinihütte den schönsten Blick auf die Oberengadiner Seenplatte genießen. Schon der Maler Giovanni Segantini wusste Ende des 19. Jahrhunderts das Panorama zu schätzen und zu malen. Heutzutage begnügen sich die meisten mit einem Handyfoto.

Auch Rudi, bereits erwähnter Mann aus Maloja, schätzt die Aussicht. Der gelernte Automechaniker, 80 Jahre alt und fit wie ein Wanderschuh, hat bis vor Kurzem nebenbei als Skilehrer gearbeitet. Einer seiner Schüler, offenbar mit dem nötigen Kleingeld gesegnet, hat ihn mal für vier Wochen als Privatlehrer in Aspen gebucht. Der Mann, ein Schweizer Fabrikant, wollte nicht allein die Pisten in den fernen Rocky Mountains hinunterwedeln und suchte einen kompetenten Begleiter. Da hat Rudi nicht Nein gesagt. Sein Fazit: Es war toll, aber das Engadin sei mindestens genauso schön.

Vom Camping Morteratsch schauen die Gäste aufs Bernina-Massiv, auch nicht schlecht. Peter Käch, im ersten Berufsleben Lehrer in Bern, hat den Campingplatz vor einigen Jahren von der Gemeinde gepachtet. Er ist mit seiner Frau und den beiden Kindern übergesiedelt und lebt nun das ganze Jahr auf dem Campingareal.

Direkt vom Camping kann man zum Morteratsch-Gletscher wandern, am besten zeitig am Morgen, denn der Weg ist äußerst beliebt. Vielleicht ahnen die Ausflügler, dass der Gletscher irgendwann verschwunden sein könnte. Die Schilder am Wegrand dokumentieren den massiven Rückgang der Eisfläche. Es wird diskutiert, den Gletscher von der Diavolezza aus zu beschneien, um das Schmelzen des Eises aufzuhalten. Dabei spielt auch der touristische Aspekt eine Rolle. Schließlich sind Schneefelder vor blauem Himmel fotogener als eine Geröllhalde.

Auch St. Moritz hat einen Campingplatz zu bieten. Die 130 Stellplätze liegen ruhig außerhalb des Ortes, in der Nähe der Olympiaschanze. Wer die schillernde Seite von St. Moritz anschauen will, die schicken Geschäfte und die legendären Hotels wie das Kulm, kann bequem zu Fuß oder mit dem Rad ins Zentrum.

Ein besonders guter Ausgangspunkt für Wanderungen ist der Camping Plan Curtinac in Maloja. Beim Wandern in Richtung Malojapass hört man neben dem Vogelgezwitscher immer wieder den Dreiklang der Postautos: Cis-E-A, entliehen aus Rossinis Oper „Wilhelm Tell“. Die Melodie ertönt vor unübersichtlichen Kurven, und davon gibt es eine Menge. Oben auf dem Pass schaut man auf der einen Seite ins Engadin, auf der anderen ins Bergell.

Den Blick auf die Bergwelt gibt es gratis dazu

Weitere Campingplätze liegen in Samedan, Madulain, Cinuos-chel und Zernez. In puncto Wohnmobilstellplätze ist die Schweiz allerdings ein Entwicklungsland. „Ausbaufähig“, nennt Dr. Holger Siebert, der als Vorstand des Caravaning Industrie Verbands (CIVD) natürlich die Interessen der Wohnmobilfahrer im Blick hat, den Status quo.

Zu guter Letzt noch etwas zu den Preisen – ein Thema, um das man nicht herumkommt, wenn man seinen Urlaub in der Schweiz verbringt. Das Gute: Campen ist hier nicht wesentlich teuer als anderswo in Mitteleuropa. Für eine Gulaschsuppe auf der Hütte sind rund neun Franken (8,20 Euro) fällig – die sättigt dafür bis zum Abend. Doch als Camper ist man ohnehin in der glücklichen Lage, die Kosten zu steuern. Grillen auf den Campingplätzen macht auch Spaß. Den Blick in die großartige Bergwelt gibt’s gratis dazu.