Reise

Beschwingtes Wandern

Archivartikel

Auf dem Oberkircher Brennersteig können Wanderer Landschaft und Kultur entdecken. Außerdem geht es von Schnapsbrunnen zu Schnapsbrunnen – das sind kleine Häuschen oder Fässer mit einer Kiste Bier, Weinflaschen, Limo, Sprudel und natürlich Schnäpsen.

Von dem griechischen Philosophen Democrit ist Folgendes überliefert: „Ein Leben ohne Feste ist wie ein weiter Weg ohne Wirtshäuser.“ Wenn beides zusammen kommt, wird es hart. In der Ortenau gibt es zumindest sogenannte „Schnapsbrunnen“ am Wanderweg. Manchmal heißen sie auch Tankstelle. Das sind kleine Häuschen, ein Fass oder auch mal Wassertrog mit einer Kiste Bier, Weinflaschen, Limo und Sprudel – und natürlich Schnäpsen. In Oberkirch haben diese Institutionen Tradition, denn nirgendwo wird mehr gebrannt und angesetzt wie im Renchtal. Sage und schreibe 800 Brennrechte werden gezählt, die Kirschwasser, Williams oder Mirabelle brennen.

Start mit steilem Anstieg

Das ist der Hintergrund für den Brennersteig, einen Wanderweg, der die ganze hochprozentige Herrlichkeit vor Augen führt und wenn’s beliebt auch in Nase und Mund. Die Geschichte für diesen Weg führt in die Vergangenheit, als Oberkirch und Umland dem Straßburger Bischof gehörten. 1726 hatte einer dieser Kirchenfürsten die glorreiche Idee, seinen Untertanen das Kirschwasserbrennen zu erlauben. Das nicht, weil die armen Seelen Trost brauchten, sondern damit die Bauern ein größeres Einkommen haben und der Fürstbischof mehr Steuern. Eine klassische „Win-win-Situation“, auch wenn man es in jenen Tagen anders gesagt hat.

Wie so oft in der Vorbergzone des Schwarzwalds beginnt auch diese Tour ordentlich. Statt Schnaps gibt es Schnappatmung, denn der Weg ist steil. Aber schon steht links ein schmuckes Gehöft mit einem Fass und der ersten Gelegenheit zum Schnäpseln. Das Fass ist zwar nicht so groß wie jenes in Heidelberg, aber es erfüllt seinen Zweck. Wer noch nicht probieren mag, kann ohne Reue weitergehen. Es kommt noch mehr!

An der Stelle wo der Wanderweg aus dem Wald kommt, kann man entweder gerade weiter gehen oder den Umweg nehmen zum Busseck mit Schnaps, Terrasse und Blick ins malerische Bottenau. Zum Wanderweg retour geht es über eine Obstwiese bergauf. Dort hat es mehrere Liegebänke und Hängematten, die in der warmen Jahreszeit eine feine Sache sind. Das nächste Ziel ist der Aussichtspunkt Geigerskopf mit neuer Wanderhütte und einem Turm im japanischen Stil. Schöne Aussicht, bis rüber zu den Vogesen und natürlich auch Straßburg. Hier treffen sich die Wanderer. Platz hat es genug für alle.

Vorbei an schönen Buchsbäumen geht es gleich bergab, der Pfad mündet auf einem anderen Weg. Hier einfach gerade aus weiterlaufen bis zur nächsten Lichtung mit dem Bildstöckle und den Kirschbäumen. Dort links halten und nicht in Richtung Durbacher Schloss gehen. Bald teilt sich der Weg in drei, der mittlere ist der richtige. Wieder werden die Waden beansprucht. Die nächste Etappe ist eine große Hütte an der Bildeiche. Gemütlich wandert es sich jetzt auf einem breiten, nahezu ebenen Weg zum nächsten Rastplatz mit einer Liegebank und Ausblick aufs perfekte Schwarzwaldpanorama mit Kuhweide und dem Ortenauer Hausberg Moos. Wenn es irgendwo auf dieser Strecke den ultimativen Entschleunigungspunkt gibt, hier ist er.

Links zweigt der Pfad in den Wald und gelangt zur Bergle Hütte, einem umgebauten Fasnachtswagen. Das ist der Insidertipp für gepflegtes Vespern. Manche Wanderer bringen zum Essen sogar ihre eigenen Tischdecken mit. Der Wanderweg geht fast eben weiter, dann geht’s wieder den Buckel runter und wieder hinauf.

Niemand da? Glocke läuten!

Der Weg begleitet jetzt einen Trimm-dich-Pfad, danach kann man sich so richtig gehen lassen. Zwei Restaurants (Grüner Baum, Alm Stüble) liegen nebeneinander, zudem hat es mit Johannes Müller-Herold noch einen Whiskey-Brenner, der auch „Erlebnis Liköre“ im Programm hat. Falls niemand da ist, einfach mal in den Hof gehen und dort die Glocke läuten. Vielleicht ist der Brenner doch da? Sein Edelstück ist der „sMurf“, der sieben Jahre im Eichenfass lagerte. Der Wanderweg führt kurz drauf über eine schmale Holzbrücke und umrundet zwei Tümpel, bevor es durch eine Landschaft wie im Allgäu geht. Ein Highlight dieser Rundwanderung ist das Weingut Schwörer. Das wäre ja fast in Vergessenheit geraten: Oberkirch hat auch Wein! Das kleine, aber feine Weingut hat möglicherweise die ältesten Gewürztraminer Reben Badens. Hier schmeckt jeder Jahrgang garantiert anders, wie man bei einer Verkostung feststellen wird. Hier wird gut eingeschenkt und prima der Wein erklärt. Niemand da? Glocke läuten!

Nach einem kurzen Stück auf dem Feldweg wird der Brennersteig ein Wiesenpfad, der in einen Schnapslehrpfad übergeht, den die Familie Halter installiert hat. In etwa 20 Vogelhäuschen gibt es Schnäpse zum Probieren, zum Beispiel Kirschwasser (klassisch oder Kirsch-Honig) oder Raritäten wie Kornelkirsche, Sanddorn, Haferpflaume oder – Achtung Geheimtipp – Aroniabeeren.

Am Haus der Halters hat es einen Shop für Schnaps- und Likörproben und falls der verwaist ist, einen Kühlschrank mit Getränken. „Schnaps gehört zur Kultur“, sagt der junge Brenner Johannes Halter, weiß aber auch, dass Liköre sehr beliebt geworden sind. Zum Wanderparkplatz ist es von hier nur noch einen Katzensprung. Wer sich nach dieser Tour berauscht fühlt, hat allen Grund. Das kann am Schnaps liegen oder einfach an der Landschaft.