Reise

Bagno Vignoni Das Thermalwasser in dem kleinen Örtchen in der Toskana, inmitten des Weltkulturerbes Orcia-Tal, nutzten bereits Römer und Etrusker

Besondere Heilkraft der heißen Quelle

Archivartikel

Unablässig sprudelt das Wasser. Feine Blasen steigen permanent an die Oberfläche. Im großen Bassin im Herzen des kleinen Orts Bagno Vignoni in der südlichen Toskana zeigt sich die unterirdische heiße Quelle. Das Dörfchen rund 50 Kilometer südöstlich der Provinzhauptstadt Siena ist ein Geheimtipp, verbindet es doch toskanische Landschaft mit der Heilkraft des Thermalwassers.

Schon die Römer und Etrusker wussten um die besondere Kraft und Zusammensetzung des warmen Wassers, das hier rund 50 Grad warm aus dem Boden sprudelt. Etwas außerhalb des Dorfs tritt die Quelle zutage, die bereits von den Etruskern gerne genutzt wurde. Schließlich liegt der Ort eingebettet ins malerische Orcia-Tal direkt an deren "Via Termale", die im 30 Kilometer entfernten Chiusi begonnen hatte. Noch heute zeugen das dortige Museum und die Ausgrabungen vom Leben dieses Volksstamms.

Den Badefreuden gaben sich in der Renaissance auch die Medici hin, die gleich neben dem großen Bassin logiert haben sollen. Vielleicht weilte auch die heilige Katharina von Siena in den Mauern des Orts, um die Heilkraft des Wassers zu nutzen. Sie soll zwischen 1362 und 1367 mehrfach in Bagno Vignoni gewesen sein und wird in der antiken Dorfkirche, die Johannes dem Täufer geweiht ist, verehrt.

Trotz seiner Bekanntheit in Mittelitalien ist der Ort beschaulich geblieben. Nur wenige Menschen wohnen hier. Einen Kur-Kult und Menschenmassen wie im nahen Chianciano Terme erlebt man glücklicherweise nicht. Stattdessen Ruhe in den schmalen Gassen - eingebettet in die hügelige Landschaft - und natürlich mit Oliven und Zypressen das Bild, das bei Toskana-Urlaubern die Sehnsucht weckt.

Einfache Häuser aus hellem toskanischem Stein, nur selten mit poliertem Travertin verkleidet, umringen das Becken. Es bildet wie ein Marktplatz den Mittelpunkt des Dorfs. Baden wie früher darf man allerdings nicht mehr. Ende der 1990er Jahre wurde das untersagt. Öffentlich zugänglich ist aber noch die Sinterterrasse mit dem kleinen türkisblauen Badesee etwas unterhalb des Orts. Über eine schmale Kaskade, die früher sicherlich mehr Kraft hatte und somit einige Mühlen antreiben musste, stürzt sich das Wasser in die Tiefe Richtung Orcia und füllt das Becken.

Bequemer geht es in den Thermalbecken des Hotels "Posta Marcucci", die auch als öffentliches Bad von Tagesgästen genutzt werden können. Im frühem Morgenlicht der toskanischen Sonne schwebt leichter Wasserdampf in die Höhe und zaubert eine besondere Stimmung in den parkähnlichen Garten. Im Orcia-Tal steigt ein zarter Nebel auf. Die mächtige Festung Rocca di Tentennano, erhaben über dem Nachbarort Rocca d'Orcia gelegen, schält sich aus den wenigen Wölkchen, die einem strahlend blauen Himmel weichen werden.

Ein Abstecher auf die Rocca lohnt sich auf alle Fälle. Nicht nur weil man einen herrlichen Blick auf die Sinterkaskaden und die Travertinbildung bei Bagno Vignoni hat, sondern vor allem einen großartigen Ausblick bis weit nach Montalcino, das für seinen Brunello-Wein berühmt ist, und die Papststadt Pienza.

Aus der ehemaligen Gasthof mit Poststation von Bagno Vignoni, den die Familie Marcucci Mitte des 19. Jahrhunderts hat errichten lassen, wurde rund 100 Jahre später ein großzügiges Hotel, das aber mit der Bezeichnung "Albergo" dem bescheidenen Charakter des Orts treu bleibt. Nun hat Familie Michil Costa das Ruder vor wenigen Monaten übernommen. Da sich beide Familien schon seit Jahrzehnten kennen und sie viele Gemeinsamkeiten verbinden, ist es ein Leichtes, den Geist des Hauses einzufangen und fortzuführen. Die Hoteliers aus Corvara pflegen auch in der Toskana eine sehr familiäre Atmosphäre, in der sich der Gast schnell wie zu Hause fühlt.

Mit 36 Zimmern im toskanischen Stil und einer Küche, in der Nicola Laera aus dem Hotel "La Perla" in Corvara das Sagen hat, ist das Boutiquehotel klein, aber fein. Regionale Produkte, je nach Saison, bestimmen die Gerichte, die auch den Geschmack der Toskana einfangen- neben Oliven und Wein auch den gelben Safran, der in der Nachbargemeinde San Quirico d'Orcia noch nach alter Tradition angebaut wird. Livemusik in der Bar gegenüber lockt nicht nur die Hotelgäste, sondern auch die Bewohner des Ortes und der nahen Umgebung. Herzstück ist aber das Thermalbad, wie Geschäftsführer Pio Planatscher betont. "Unbehandelt läuft das Wasser in die Becken", erzählt er. "Es ist reich an Kalzium, Eisen und Zink und eignet sich bestens zur Linderung der Beschwerden bei Arthrosen und rheumatischen Erkrankungen." Dem Gast, der das heiße Nass genießen kann, kommt der Mineralreichtum in dieser überdimensionalen Badewanne zugute.

Der weiche Travertin, in den in den 1950er Jahren die Becken geschlagen wurden, muss allerdings einmal wöchentlich gereinigt werden. Dafür gibt es am Abend vorher die Chance, unter dem Sternenhimmel zu schwimmen, wenn das Bad bis Mitternacht geöffnet hat. Und das hat seine ganz besonderen Reize.