Reise

Charakterköpfe

Salzburg ist kein barockes Disneyland, hier leben echte Menschen. Und die lassen es sich trotz Touristenansturms nicht nehmen, ihre Traditionen wie selbstverständlich zu leben, auf dass die Stadt nicht zum bloßen Fotomotiv verkomme. Von SUSANNE HAMANN

Der Bierkutscher

Der Herbert ist einer, der jeden sofort duzt. Er hat das sonnig-einnehmende Auftreten eines Skilehrers und doch kann er ganz schön eigensinnig sein. Herbert - 58 Jahre, drahtige Statur, braun gebrannt - heißt Schröder mit Nachnamen und ist im Salzburger Stadtteil Maxglan bekannt wie ein bunter Hund. Jeden Tag spannt er die schwarz-weiß gefleckten Noriker-Hengste Lenz und Lord ein, belädt sein Fuhrwerk und zuckelt los. Der Bierkutscher ist der letzte seiner Zunft in Salzburg. Und wenn man was Besonderes ist, dann darf man sich auch besonders benehmen. So weigerte sich der Herbert lange erfolgreich, etwas anderes als Bier aufzuladen. "A Limo fahr i net", beschied er den Kollegen der Stiegl-Brauerei. Dass er das immerhin fünf Jahre erfolgreich verweigerte, bis man in zwang, freut ihn. Er hat seinen Stolz, schließlich verkörpert er ein Handwerk mit Tradition. Stiegl-Bier gibt es seit 1492. Eine Jahreszahl, die jeder Salzburger wie aus der Pistole geschossen hersagen kann. War da nicht noch was? Ach ja, Kolumbus hat im selben Jahr Amerika entdeckt.

Anderswo sieht man mit Bier beladene Pferdewagen nur noch bei Umzügen oder Festen. In Salzburg sind die Gespanne täglich im Einsatz. Die Bühne der Welt ist halt auch ein Dorf. Da werden die

Fässer nach alter Sitte zu den Gasthöfen gebracht. Und darüber freuen sich die Leute. Keiner hupt, wenn die Pferde den Verkehr abbremsen. Viele winken, das Gespann wird ständig fotografiert. "Einmal habe ich einem Japaner erlaubt, für ein Bild auf den Kutschbock zu klettern. Blöd, dass der mit einer Gruppe da war. Dann hatte ich nacheinander 40 Japaner hier oben sitzen", erzählt Herbert.

Der Stadtjäger

Manuel Kapeller (23) ist Jäger und Förster und schaut aus, wie man sich einen Waidmann vorstellt: festes Schuhwerk, kurze Lederhose, kariertes Hemd und Walkjoppe. Alles andere als klischeehaft ist sein Revier. Der Kapuzinerberg ragt wie eine grüne Insel aus dem Häusermeer, von ferne rauscht der Verkehr, zwischen den herbstlich sich lichtenden Buchen lugen die Kuppeln der barocken Altstadt hervor. Salzburg gehört zur wachsenden Zahl von Großstädten, die einen Jäger beschäftigen. Im Gegensatz zu seinen meisten Kollegen muss er jedoch keine Wildtier-Plage bekämpfen. Manuel Kapeller hegt. Und zwar städtische Gämsen. Das ist ziemlich einmalig, denn diese Spezies lebt ansonsten in alpinen Höhen und ist sehr scheu. Die Gämsen vom Kapuzinerberg hingegen zeigen sich hin und wieder zutraulich den Spaziergängern.

Die Kolonie geht auf einen recht unerschrockenen Gamsbock zurück, der sich 1948 auf den Kapuzinerberg verirrte. Weil die Salzburger ein Herz für Tiere haben, bekam er kurz darauf von Unbekannten eine halbzahme Gefährtin zur Seite gestellt. Bock und Kuh vermehrten sich prächtig, inzwischen gibt es elf Gämsen. "Darunter sind auch zwei Kitze", erzählt Stadtjäger Manuel Kapeller.

Er schaut täglich nach den Tieren und füttert sie mit Heu oder Getreidepellets. Das muss sein, denn sonst würden sie sich in den Gärten der Anrainer bedienen. Tagwerkfüllend ist die Gämsenpflege freilich nicht. "Hauptsächlich kümmere ich mich um den Forst", sagt Kapeller. In Salzburg gibt es 200 Hektar stadteigene Wälder, plus 1000 Hektar in Privatbesitz. Eine ganze Menge Holz.

Der Bergputzer

Dieser spezielle Salzburger Berufsstand verdankt seine Existenz der Topografie. Einst versprach die an steile Felsen geschmiegte Altstadt ihren Bewohnern Schutz vor dem Feind. Die strategisch günstige Lage hat aber auch Tücken. Schon die Fürsterzbischöfe beschäftigten im 17. Jahrhundert wackere Mannen, die am Seil hängend den Fels überprüften und lose Steine vorsorglich abklopften. Trauriger Anlass dafür war ein schwerer Steinschlag, der anno 1669 in der Gstättengasse vom Mönchsberg niederging und mehr als 220 Tote forderte.

Heute gehört die Abteilung Bergskarpierung und Felssicherung zum Kanal- und Gewässeramt der Stadt. Das 13 Mann starke Team ist ständig draußen auf Tour, um das Gestein zu überprüfen. "Dazu schlägt man mit dem Geologenhammer gegen den Fels. Ein heller Klang heißt, der Stein ist kompakt. Hört es sich dumpf an, ist was locker und muss weg", erklärt Jörg Benesch (42). Der Chef der Bergputzer und seine Mannschaft kontrollieren nicht nur den Fels, sie stutzen auch Stauden und Sträucher an den Kanten, entfernen vorwitzig hervorlugende Wurzeln. Nach dem Winter gibt es besonders viel zu tun, denn strenger Frost macht die Stadtberge gefährlich porös.

Der "Jedermann"-Rufer

"Jedermann"-Rufer ist kein Beruf, sondern eine Berufung. Ein lokaltypisches Ehrenamt wie anderswo die Weinkönigin oder das Funkenmariechen. Vier stimmgewaltige Statisten wirken bei den Vorstellungen des "Jedermann" mit. Gottfried Seer (67) ist seit 17 Jahren einer von ihnen. Das Theaterstück von Hugo von Hofmannsthal gehört zu Salzburg wie die Mozartkugel. Seit 1920 wird es jedes Jahr bei den Festspielen gegeben. Bei schönem Wetter spielt das Ensemble draußen auf dem Platz vor dem Dom. Ungefähr nach 50 Minuten ertönen lang gezogene Rufe: "Je-der-maaaaaan!" Gruselig muss es widerhallen, denn dies sind die Stimmen der Verdammten aus der Unterwelt, die dem Gerufenen seinen nahen Tod ankündigen. Gottfried Seer ruft vom Turm der Franziskanerkirche, drei Kollegen postieren sich an anderen erhöhten Plätzen. Alle sind äußerst gut bei Stimme - 100 Dezibel müssen schon sein. Eine technische Verstärkung ist verpönt. Der Einsatz dauert nur ein paar Sekunden. "Jeder von uns ist zweimal dran, ziemlich in der Mitte des Stückes", sagt Gottfried Seer. Dennoch muss der pensionierte Handelsvertreter bis zum Schluss der Vorstellung auf dem Turm ausharren. Denn von hier oben bedient er auch die Glocken - dann hat dem Jedermann im gleichnamigen Stück wortwörtlich das letzte Stündlein geschlagen. Die Aufgabe macht ihm großen Spaß, auch wenn der Aufstieg ziemlich beschwerlich ist. 250 teils abenteuerlich schmale und steile Stufen geht es hinauf. Damit er nachts wieder sicher herunter findet, hat Gottfried Seer immer eine Taschenlampe dabei. Wie lange er noch rufen mag? "So lange es geht", sagt er. Den Text kenne er eh.

Die Weißgerberin

Während andernorts in den Innenstädten ein Filialist nach dem anderen einzieht, halten sich in Salzburg noch viele alteingesessene Familienunternehmen. Mitten in der Stadt, sogar auf der berühmten Flaniermeile, der Getreidegasse, gibt es noch wie eh und je Handwerksbetriebe - einen Regenschirmhersteller, einen Gürtelmacher, den Leinweber, den Schilderschmied. Die größte Tradition dürfte Jahn-Markl am Residenzplatz 3 haben. "Wir gehen auf eine Weißgerberei aus dem Jahr 1408 zurück", sagt Inhaberin Gabriele Jenner (53) stolz. Das Unternehmen stellt besonders weiches, mit Mineralien "weiß" gegerbtes Leder her und verarbeitet es zu Trachten. Auch Kaiser Franz Josef I. hatte eine handgeschneiderte Lederhose aus Salzburg. Die Farbe Altschwarz (mancher würde einfach Dunkelbraun sagen) wurde extra für den Regenten entwickelt. Leider hat solch ein handgesticktes Gwand seinen Preis: 1900 Euro kostet eine Hose aus Hirschleder. "Aber die hält Ihnen auch 40 Jahre", wirbt Gabriele Jenner. Stolz ist sie auf die vielen Prominenten, die bei ihr kaufen. Einer der neuesten Einträge im Gästebuch stammt von Modedesignerin Vivienne Westwood, die 2016 mit Ehemann - einem gebürtigen Österreicher - da war.