Reise

Das Sibirien Tirols

Seefeld ist ein traditioneller Wintersportort und auch in Zeiten des Klimawandels ideal zum Skilaufen. Dabei bewahrt er sich einen geradezu familiären Charakter und bleibt für Gäste auch finanziell erschwinglich.

Die Story bewegt den Blätter-wald: Im November 2016 kutschiert ein Transporter eine angeblich bestellte neue Schneeraupe nicht in den Tiroler Wintersportort Seefeld, sondern fälschlicherweise in die gleichnamige Stadt in Schleswig-Holstein. Statt vor verschneiten Skipisten steht der Tieflader zwischen norddeutschen Klinkerbauten. Bald danach jedoch stellt sich heraus: Es ist ein Werbegag, der angebliche Fahrer der Spedition ein engagierter Entertainer.

Dabei hat der beliebte Winter-sportort eine solche Aktion gar nicht nötig: Seefeld ist gerade für Interessierte aus der Rhein-Neckar-Region schnell erreichbar und dennoch zumeist schneesicher; ein idealer Wintersportort und gleichwohl finanziell erschwinglich geblieben; noch kein Alpen-Mallorca, sondern ein Ort, der sich seinen familiären Charakter weitgehend zu bewahren vermag.

Seine Attraktivität erschließt sich dem Besucher bereits bei der Anfahrt – mit dem Auto oder der Karwendelbahn. Wer Garmisch-Partenkirchen und Mittenwald passiert und angesichts grüner statt weißer Flächen dort bereits das Schlimmste befürchtet, der atmet auf, wenn er auf 1200 Metern Seefeld erreicht.

Zwar sind auch hier die Zeiten vorbei, als am 2. Februar 1956 minus 32,5 Grad herrschen. Doch noch immer sind hier 20 Grad Frost möglich, weshalb Seefeld – wohlgemerkt nur klimatisch – auch als „Sibirien Tirols“ gilt. Aber in Zeiten des Klimawandels in den Alpen sind ja schon Durchschnittstemperaturen von um die drei Grad minus im Januar und Februar etwas Besonderes.

An 110 Tagen Schnee

Und die zeigen positive Folgen. An durchschnittlich 110 Tagen im Jahr ist die Schneedecke in Seefeld dicker als 20 Zentimeter, in der Spitze bis zu vier Meter. Die Wahrscheinlichkeit für „weiße Weihnachten“ liegt bei 85, für Schneefall just an Heiligabend sogar bei 25 Prozent, wie Statistiker errechnen.

Kein Wunder, dass Seefeld seit den 1930er Jahren Ort des Wintersports und vieler Wettbewerbe dieser Disziplin ist – bis zum Standbein der Olympischen Winterspiele 1964 und 1976 im nahen Innsbruck. Anton Seelos (1911-2006), Kennern als „Erfinder des Parallelschwungs“ ein Begriff, ist Seefelder. Und 2019 werden hier die Nordischen Ski-Weltmeisterschaften ausgetragen; für diese wird der Ort derzeit weiter auf Vordermann gebracht, so zum Beispiel der Bahnhof umgebaut, schon jetzt der höchste ICE-Halt Europas.

Das alles hat einen positiven Nebeneffekt: die ideale Infrastruktur auch für den Breitensport. 32 Lifte karren die Skibegeisterten zu den Abfahrten empor. Beim Langlauf ist Seefeld sogar Weltspitze: Im Vergleich von 232 internationalen Skigebieten wurden seine Loipen als „exzellent“ bewertet. Ihr malerischer Start liegt übrigens direkt am 1666 vollendeten „Seekirchl“, dem Wahrzeichen Seefelds.

Auch fernab der Pisten wird viel geboten. Das 1976 erbaute Olympia-Center (mit kunstvoll im Berg versteckter Tiefgarage) umfasst Eislauf und Curling, Kino und Schwimmbad. In seinem Außenbecken lässt sich die Bergsilhouette im 36 Grad warmen Wasser bewundern.

Der naturnah gebliebene „Wildsee“ ist durch einen Rundlauf erschlossen, in österreichischer Bescheidenheit „Kaiser-Maximilian-Weg“ genannt. Angesichts des Trubels sind Enten, aber auch Eichhörnchen, kaum noch scheu und lassen sich gerne füttern. Eine Fahrt mit einem Fiaker erlaubt die ganz große Runde. Und wem auch dies nicht reicht, der ist mit der Bahn in 30 Minuten in der 17 Kilometer entfernten Metropole Innsbruck.

Kein Wunder, dass Seefeld mit mehr als einer Million Übernachtungen pro Jahr einer der meistfrequentierten Wintersportorte Österreichs ist. Die nur 3300 Einwohner zählende Kleinstadt hält 8100 Betten vor, unter anderem in zwei Fünf- und 27 Vier-Sterne-Hotels – die höchste Hoteldichte aller klassischen Urlaubsregionen Österreichs.

Mit Gästen kennt man sich hier eben traditionell aus. Seit dem frühen Mittelalter bietet Seefeld Halt auf dem Handelsweg zwischen Venedig und Augsburg. Zudem strömen im Andenken an das Hostienwunder von 1385 die Pilger. Im März 1511 übernachtet sogar Martin Luther in Seefeld auf dem Heimweg von seiner legendären Rom-Reise.

Der heutige Besucher fällt gera-dezu aus dem Bahnhof direkt in den Ort, den 2003 die Tatort-Folge „Tödliche Souvenirs“ mit Harald Krasnitzer weithin bekannt macht. Nur wenige Minuten braucht es zum Dorfplatz mit dem Weihnachtsmarkt, auf dem der Rotary-Club zu Gunsten seiner Hilfsprojekte unter anderem Hirschbratwurst anbietet.

Das Ambiente wirkt heimelig, obgleich außen herum fast nur Neubauten stehen, deren barocke Fassaden aufgemalt sind. Historische Gebäude fehlen fast völlig, mit Ausnahmen. So die 1474 vollendete Kirche St. Oswald und ihr ehemaliges Augustinerkloster, bereits 1516 von Kaiser Maximilian in eine Herberge umgewandelt. Heute ist es unter dem Namen „Klosterbräu“ mit fünf Sternen das erste Haus am Platze.

Die Fußgängerzone zählt 80 Geschäfte – vom Supermarkt bis zur Boutique. In den „Klosterarkaden“ warten schon mal Boots zum Preis von 499 Euro, doch das bleibt die Ausnahme. Seefeld schnappt nicht über. Trotz Spielcasino fehlen ihm die angeberische Mondänität von St. Moritz und ungeachtet dreier Discotheken der Hedonismus von Ischgl; entsprechende Ansätze früherer Jahre konnten zum Glück abgewehrt werden. So ist das Publikum solide, gesetzt – auch, was das Alter betrifft.

Und es bleibt zu jeder Jahreszeit treu. So ist Seefeld einer der wenigen Urlaubsorte mit nahezu ausgeglichener Winter- und Sommersaison. Nach der Pause von März bis Mai gibt es zur Jahresmitte nochmals rund 500 000 Übernachtungen von Gästen, die dann das leuchtende Grün des Alm-Ambientes genießen wollen. Und das unterscheidet Seefeld dann doch wieder von Sibirien.