Reise

Den Wald trotz lauter Bäumen sehen

Archivartikel

Der Bayerische Wald ist Europas größtes zusammenhängendes Waldgebiet und fasziniert seit jeher viele Künstler. Urlauber finden hier viel Natur und Erholung.

Nur sieben Häuser säumten ursprünglich den Handelsweg hoch droben auf 1000 Meter Höhe, der seit Beginn des 16. Jahrhunderts aus der Donauebene hinüber ins Böhmische führte. Und die sieben Ureinwohner, die den Salzhändlern inmitten des gewaltigen Waldgebirges eine Rast auf ihrer anstrengenden Reise gönnten, nannten ihre winzige Siedlung schlicht Waldhäuser. Aus den sieben Anwesen sind im Lauf der Jahrhunderte rund 60 geworden. Waldhäuser hat sich einen Ruf als Ferienort für Stille suchende Mitmenschen erworben. Zahllose Unterkünfte in schwer zu definierendem Baustil, aber bis auf den Draxlerhof kein Haus, das authentisch in die Jahre gekommen ist. Die findet man rekonstruiert im Freilichtmuseum in Finsterau.

Ist Waldhäuser also typisch für den „Woid“? Waldhäuser steht für Waldeinsamkeit, aber auch für Wachstum und Entwicklung eines Ferienbetriebs für stadtmüde Urlauber. Das Klima ist rau, die Winter lang, bislang jedenfalls. Das Stichwort Glas wird in unmittelbarer Nähe in Spiegelau und Riedlhütte mit Leben erfüllt. Und auch die Waldler in Waldhäuser gelten als ein Menschenschlag, der eher wortkarg und zurückhaltend, aber verlässlich ist.

Die Siedlung fällt aber aus anderen Gründen aus dem Rahmen: Waldhäuser sieht sich nicht nur als höchste Gemeinde des Bayerischen Waldes (was vom benachbarten Finsterau bestritten wird), sondern auch als Künstlerdorf. Die Namen der Maler und Bildhauer sind jenseits des Bayerischen Waldes vermutlich nicht allen Kunstexperten geläufig. Dass sich aber ein Reinhold Koeppel, ein Heinz Theuerjahr oder ein Hajo Blach fernab ihrer Geburtsstätten in Sachsen oder Pommern hier heimisch fühlten, spricht für die Faszination, die das größte zusammenhängende europäische Waldgebiet auch auf Künstlernaturen ausübte. Und das, obwohl sowohl Koeppel als auch Theuerjahr dringend gewarnt wurden, sich in Waldhäuser niederzulassen, weil dort noch „Räuber und gefährliches Volk“ hausten.

Die Künstler und ihre Nachkommen arbeiten rege daran, Waldhäuser als Künstlerort nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Theuerjahrs Sohn Hans-Georg bereitet Jahr für Jahr Ausstellungen mit Werken seines von Afrika begeisterten Vaters vor. Theuerjahr, der faszinierende Skulpturen afrikanischer Wildtiere geschaffen hat, ist in Waldhäuser eine Institution. In den vierziger Jahren des letzten Jahrhunderts erweiterte er durch seine Arbeit auch das Weltbild der einheimischen Jugend, die immer wieder mal gern vorbeischaute, „ob es neue Tiere aus Afrika gibt“, wie sein Sohn, der in Waldhäuser aufgewachsen ist, erzählt.

Waldhäuser bietet aber nicht nur Kunstbegeisterten Stoff, sondern vor allem auch den Wanderlustigen, ob sie nun fachgerecht ausgerüstet oder eher zivil auf den Lusen mit seinem eindrucksvollem Granitbuckel klettern, im Sommer über die beschwerliche Himmelsleiter. Wer sich den Rachel als Ziel ausgesucht hat, musste jahrelang weite Fichtenflächen durchqueren, die dem Borkenkäfer zum Opfer gefallen waren und nur noch silbrig-braune Stammruinen dem weiß-blauen Bayernhimmel entgegenstreckten. Inzwischen grünt es wieder mannshoch und vor allem vielfältig. Der Wald für die nächsten Generationen zeichnet sich ab. Vor 50 Jahren gab es erbitterte Auseinandersetzungen zwischen der einheimischen Bevölkerung, vor allem den Waldbesitzern, Münchner Politikern, konservativen Förstern und engagierten Naturschützern. Gerhardt Fritsch, der den Nationalpark von seinen ersten Tagen an erlebte, erinnert sich: „Die Menschen hatten Angst, dass sie keine Schwammerln mehr suchen dürfen.“ Und es waren vor allem Einheimische, die vorher nie oder nur selten den Wald aufgesucht hatten. Als vor 20 Jahren der Nationalpark nach Nordwesten erweitert wurde, wiederholte sich das rechthaberische Ringen um das richtige Verhältnis zu Wald und Natur.

Wer in den Bayerischen Wald kommt, ist nicht überrascht, auf immer noch arbeitende Glashütten zu stoßen. Schon vor Jahrhunderten wurden in diesem Landstrich der Holzreichtum und das Vorhandensein von Quarz genutzt. Viele Glashütten haben ihre traditionsreiche Geschichte im 20. Jahrhundert nicht fortsetzen können. Das Glasmuseum in Frauenau gibt Einblick in die Geschichte der Glasherstellung. Die Theresientaler Hütte, die einst die Adelshöfe Europas mit wertvollen Glaskreationen versorgte, sieht nach krisengeschüttelten Jahren wieder hoffnungsvoll in die Zukunft.

Weiter nach Norden erreicht der Reisende Bodenmais, den Ort, den selbst passionierte Nordseeurlauber schon mal vernommen haben. In Bodenmais pulsiert das Touristenleben. Ein Hotel neben dem anderen, kleine Flaniermeilen. Reisende, die diesem Trubel entgehen wollen, haben jede Menge Möglichkeiten, in den Wald zu entkommen. Dort finden sie auf 1000 Meter Höhe die Berghütte Schareben, Mitte des 19. Jahrhunderts als Diensthütte für das Forstpersonal errichtet. Ein europäischer Fernwanderweg streift die gastfreundliche Raststation und Wanderer landen bergab im fast schon idyllischen Zellertal.