Reise

Der Muschelmann und das Meer

Zwischen Ebbe und Flut nimmt Wattführer Heino Behring auf der Nordseeinsel Juist Urlauber mit ins Watt und erklärt, wie wichtig es ist, diesen Lebensraum zu schützen.

Autsch, jetzt hat sie zugeschnappt“, flucht Wattführer Heino Behring und grinst dann doch. Mit seiner roten Allwetterhose kniet er im schlammigen Watt und buddelt ein Loch. Dann befördert er etwas zutage, hält es hoch in die Runde. „Dies ist eine Sandklaffmuschel“, erklärt er. Ein etwa 20 Zentimeter langer, daumendicker Rüssel baumelt aus ihr heraus. „Die Muschel filtert hierdurch ihre Nahrung“, so Behring. „Ihr marschiert gerade auf einem riesigen Organismus, den wir dringend schützen müssen“, ruft der Ostfriese mit rauer Stimme gegen den heftigen Wind und läuft voraus. Ein Wunder, dass ihm die Seemannsmütze nicht davonfliegt.

Alle anderen Teilnehmer zurren ihre Kapuzen fest, und die Barfußläufer sehnen spätestens nach einer halben Stunde warme Gummistiefel herbei. Bei jedem Schritt dafür ein herrliches Schmatzen unter den Füßen, der Blick nach vorn. Kaum auszumachen, wo das Wasser am silbrig glitzernden Horizont endet und der Himmel beginnt.

Der 69-jährige Mann an der Spitze stoppt und zieht für die nächste Lektion wieder einen Kreis um sich. Er holt einige graublaue Herzmuscheln aus dem Watt hervor. „Wisst ihr eigentlich, dass auch Muscheln einen Fuß besitzen?“ Heino Behring demonstriert Groß und Klein diese seltsame Ausstülpung, die aus der leicht geöffneten Schale herauslugt. „Nur damit können sie sich einbuddeln und letztendlich überleben“, erklärt er, „Werden sie doch mal freigespült, landen sie sonst nämlich fix im Vogelmagen.“ Dann weist er die Gruppe an, eine Handvoll Herzmuscheln auszugraben. Die geschlossenen Muscheln setzt der Insulaner nun aufs Watt – und tatsächlich: Die ersten wiegen sich sofort hin und her, sind ruck, zuck unter der Oberfläche verschwunden. Andere haben es nicht so eilig. „So ist die Natur“, erklärt Behring, „es gibt die Schnellen und die Langsamen.“ Viel beeindruckender sei jedoch, was Muscheln im Watt leisten, so Behring. Sie seien die Nieren des Meeres, filtern und klären Wasser und Watt. So folgt ein weiterer Versuch: Der Juister füllt zwei große Joghurtgläser mit schlammigem Nordseewasser. Eines davon schließt er sofort, in das zweite füllt er zusätzlich eine Handvoll Herzmuscheln. „Ihr werdet staunen“, prophezeit er und lässt die Gläser stehen.

Weiter geht es Richtung Austernbank. Grau und abgestorben sieht sie aus, dabei strotzt sie vor Leben. Gut 100 verschiedene Arten, etwa Krebse, Ringelwürmer und verschiedenste Muschelarten, kreuchen und fleuchen darin. Mit herrlichen Anekdoten hält Heino die Truppe bei Laune, auch Kinder lauschen ihm gebannt. Behring wird dabei nicht müde zu betonen, wie wichtig der Schutz des Wattenmeeres sei. Er selbst sieht die Veränderungen. „Statt 50 leben auf derselben Fläche heute noch nur die Hälfte der Wattwürmer“, mahnt er. Seit Mitte 2009 zählt das weltweit größte, zusammenhängende Wattenmeer zum Unesco-Weltnaturerbe: Rund 10 000 Arten tummeln sich hier, die Watt und Wasser reinigen, belüften und obendrein Millionen Zugvögeln als Nahrungsquelle dienen. Im Frühjahr und Herbst fressen sie sich hier kugelrund. „Es ist eine riesige Nahrungskette“, erklärt Behring. Stirbt eine Art, stirbt kurz darauf die nächste. Die Juister gehen mit bestem Beispiel voran. Die Nordseeinsel ist autofrei. Hier regieren das Fahrrad und der wiehernde 2-PS-Hafermotor. Am Hafen warten nicht Taxis, sondern Kutschen auf die Urlauber. Bis 2030 will die Insel klimaneutral sein.

Bevor die Flut kommt, geht es nach zwei Stunden wieder zurück zu den Joghurtgläsern. Als Behring sie in die Höhe hält, ist das Staunen groß. Im ersten Glas blieb das Wasser grau und trüb, im Muschelglas hingegen ist es: glasklar! In kürzester Zeit haben die Muscheln das Wasser komplett gefiltert. Beherzt setzt Wattführer Heino zu einem Schluck an, auch die Kinder dürfen probieren.

Mithilfe dieses handfesten Versuchs sowie knapp 40 000 Unterschriften haben Heino Behring und weitere Mitstreiter die niedersächsische Landesregierung überzeugen können, die Herzmuschel-Fischerei in der Nordsee einzustellen. Seit 1996 ist sie verboten. „Der Mensch darf nicht weiter systematisch in natürliche Lebensräume eingreifen“, mahnt Behring. „Wer das Watt einmal hautnah erlebt hat, wird das begreifen.“