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Der Papst der Kreuzfahrt

Archivartikel

Was der „Guide Michelin“ für Restaurants, ist der „Berlitz Cruise Guide“ für Schiffe. Seit 1985 gibt Douglas Ward den Ratgeber heraus. Dem gestrengen Auge des 72-jährigen Briten entgeht nichts.

Der kleine Mann geht bedächtig über das Achterdeck des Kreuzfahrtschiffes „Le Laperouse“. Er ist elegant gekleidet; dunkelblauer Anzug, Krawatte und Einstecktuch perfekt aufeinander abgestimmt. Ab und zu zieht er eine Leica aus der Hosentasche und knipst drauflos, als sei er im Urlaub. Doch der Eindruck täuscht: Der 72-jährige Brite Douglas Ward gibt seit 1985 den wichtigsten Almanach der Branche heraus. Was der „Guide Michelin“ für Restaurants, ist der „Berlitz Cruise Guide“ für Schiffe. Sein Urteil wird ebenso geschätzt wie gefürchtet.

Mister Ward, hat man schon einmal versucht, Sie zu bestechen?

Douglas Ward: Vor einigen Jahren gab es ein paar Versuche, aber inzwischen wissen die Leute, dass ich nicht käuflich bin. Mit der Zeit habe ich mir in der Branche Respekt verdient. Meine Kriterien sind objektiv. Wenn mir jemand Aufmerksamkeiten wie Blumen auf die Kabine schickt, beeindruckt mich das nicht im Geringsten.

Werden Sie von den Reedereien eingeladen, deren Schiffe anzusehen?

Ward: Manchmal. Aber ich bezahle auch vieles selbst. Ich denke, niemand wäre so verrückt, das zu tun, was ich tue. Ich muss genau kalkulieren, daher verwende ich viel Zeit auf die Planungen meiner Reisen. Wenn Sie vorhaben sollten, ein Kreuzfahrtbuch zu schreiben: Seien Sie gewarnt, es kostet erst mal viel Geld. Wir haben keine Werbung und keine Sponsoren und müssen stets hoffen, dass es sich gut verkauft.

Ihr Buch erscheint jährlich. Werden auch jedes Jahr komplett neue Tests durchgeführt?

Ward: Nein, das ist nicht nötig. Wir besuchen Schiffe nur dann noch ein weiteres Mal, wenn man größere Umbauten oder Modernisierungen vorgenommen hat. Dennoch ändern sich 60 Prozent des Buches jedes Jahr – die Branche wächst ja ständig. Meine Rolle ist Qualitätskontrolle. Ich sage den Reedereien immer: Versprecht lieber weniger und haltet dafür mehr. Dann sind die Kunden zufrieden. Es ist wichtig, ehrlich zu sein.

Können Sie an Bord den professionellen Blick auf die Sache auch mal abstellen und privat entspannen?

Ward: Wenn man sich in seiner Arbeitsumgebung befindet, registriert man automatisch bestimmte Dinge – die Farbe der Teppiche, die Qualität des Essens. Zum Glück kann ich abschalten.

Vielleicht sollten Sie im Urlaub sicherheitshalber in die Berge fahren.

Ward: Wer sagt, dass ich Urlaub habe? Nein, im Ernst: Ich fahre privat gerne nach Asien. Im Moment ist Japan mein Lieblingsziel. Aber wenn Sie mich morgen noch mal fragen, kann es etwas ganz anderes sein. Das ist das Schöne am Reisen: Wir passen uns ständig neuen Situationen an.

Im Gegensatz zu den Michelin-Testern testet Douglas Ward nicht inkognito. Das ist unmöglich, weil jeder Passagier seinen Pass vorlegen muss, um an Bord zu kommen. Um seine Person macht Douglas Ward dennoch gerne ein Geheimnis. Er gibt nur selten Interviews und findet es lustig, dass er laut Wikipedia bereits 85 Jahre alt sein soll. Die meisten Tests erledigt er selbst, zudem hat er Mitarbeiter rund um den Globus. Die Namen dieses Teams sind streng geheim. Auch seine Frau gehört dazu, sie behielt ihren Mädchennamen. Zusätzlich bekommt Ward unentgeltliche Hilfe in Form von Zuschriften, bis zu 4000 Briefe und E-Mails pro Jahr. Darin teilen ihm seine Leser eigene Beobachtungen mit. Wenn eine Reederei das obligatorische Stück Schokolade als Betthupferl streichen würde, wüsste Douglas Ward das binnen 24 Stunden.

Wird es Ihnen an Bord nach über 50 Jahren nicht irgendwann langweilig?

Ward: Nun, ich liebe Schiffe, aber ich hasse Flughäfen. Leider sitze ich unfassbar lange in Flugzeugen, um auf ein bestimmtes Schiff zu kommen, und muss mich oft über verspätete Flüge oder verlorenes Gepäck ärgern. Doch im Moment macht mir die Sache Spaß und ich habe keine Pläne, in Rente zu gehen – auch mit 72 Jahren noch nicht.

Wie erholen Sie sich?

Ward: Ich arbeite viel im Garten und ich mag Musik. Ich habe eine klassische Musikausbildung und in meiner Freizeit komponiere ich.

Als Musiker sind Sie auch zum ersten Mal auf ein Schiff gekommen.

Ward: Genau, das war 1965. Ich habe meine Karriere als Bandleader auf dem Cunard-Liner „Queen Elizabeth“ begonnen – damals das größte Schiff der Welt.

Es hat Ihnen bei Ihrem ersten Aufenthalt so gut gefallen, dass Sie nun quasi nur noch an Bord sind.

Ward: Ich bin viel unterwegs, aber ein Großteil meiner Arbeit besteht auch aus Treffen der Kreuzfahrtindustrie und Werftbesuchen. Aber ja, ich habe damals herausgefunden, dass ich gerne auf dem Meer bin. Für mich haben Schiffe etwas Therapeutisches. Eine Art Wellness.

Douglas Ward verbringt im Schnitt 200 Tage im Jahr an Bord von Schiffen, bisher 6200 Tage seines Lebens. Er hat dabei 159-mal den Atlantik überquert. Die erste Ausgabe seines „Cruise Guide“ war 250 Seiten dick und bewertete 120 Schiffe. Die neueste Ausgabe von 2019 erscheint am 1. Oktober und listet auf 736 Seiten mehr als 300 Hochseekreuzer. Das Buch erscheint in englischer Sprache. Eine deutsche Ausgabe gab es nur im Jahr 1997, allerdings war der Reeder Peter Deilmann mit der Bewertung seiner damals neuen „Deutschland“ („vier Sterne plus“ statt der erhofften „fünf Sterne“) nicht einverstanden. Er klagte, das Buch wurde vom Markt genommen.

Sie mögen also gerne Seetage?

Ward: Persönlich ja. Auf See kann man so viele Dinge machen – aktiv sein, relaxen, lesen, etwas lernen. Weil das Schiff sich im Gegensatz zu einem Hotel bewegt, ändert sich dabei die Aussicht ständig. Ich war in 800 Häfen auf dieser Welt, die meisten davon muss ich mir nicht zum 50. Mal ansehen.

Es gibt aber auch Orte, die Sie gerne besuchen?

Ward: Ich bin gerne in kleinen japanischen Häfen oder in Südostasien. Weil ich gerne esse, ist das für mich sehr spannend, dort durch die kleinen Lokale zu streifen.

Wie wurden Sie vom Bordmusiker zum Kreuzfahrttester?

Ward: Es begann mit einem Newsletter, den ich für eine Passagier-Vereinigung in den USA geschrieben habe. Darin wurden Schiffe verglichen. Der Newsletter wurde später zu einem Magazin und schließlich zu einem Buch.

Mit prüfendem Blick geht er durch die Gänge und Kabinen. Anerkennend registriert er das Leselicht neben dem Bett. Das hätten die anderen Schiffe dieser Reederei nicht, erklärt er. Douglas Ward schaut genau hin. Bei einem kurzen Besuch kann er sich nur einen kleinen Eindruck verschaffen. Für einen richtigen Test brauche er schon eine Woche, so der Brite. Er bewertet ein Schiff anhand von 400 Kriterien. Dabei können maximal bis zu 2000 Punkte vergeben werden. Das Schiff insgesamt macht 25 Prozent der Punktzahl aus, die Kabinen 10 Prozent, das Essen 20 Prozent, der Service 20 Prozent, die Unterhaltung 5 Prozent und das Kreuzfahrterlebnis an sich 20 Prozent.

Werden Sie in Ihre Bewertung den Umweltaspekt mit aufnehmen?

Ward: Eine objektive Betrachtung dieses Aspekts ist schwierig, weil Kreuzfahrtschiffe inklusive der Expeditionsschiffe so verschieden sind. Dennoch fließen viele Umweltaspekte in meine Bewertung ein. Zudem muss man sehen, dass zum Beispiel Flüssiggas in sehr wenigen Häfen auf der Welt zu bekommen ist. Das wird sich sicher im Laufe der Zeit ändern. Meiner Meinung nach wählen Passagiere ein Schiff nur selten aus Umweltgründen - sonst wären alle Kreuzfahrtschiffe Segelboote. Seien Sie versichert, dass ich die Umweltprobleme seit Jahren verfolge und das auch weiterhin tun werde.

Haben Sie als Profi einen Tipp für Kreuzfahrtneulinge?

Ward: Erstfahrer müssen zunächst ihre Hausaufgaben machen und sich umfassend informieren. Das Angebot ist so groß. Da muss man wissen, was man will, wohin man will und zu welcher Jahreszeit die Reise sein soll. Paare fühlen sich auf einem kleineren Schiff wohl. Für Familien ist ein schwimmender Themenpark geeignet. Wenn Sie niemanden haben, den Sie fragen können, gehen Sie in ein gutes Reisebüro, das sich auskennt. Das Internet beantwortet keine Fragen und es ist unzuverlässig