Reise

Der Plan der Katalanen

Archivartikel

Wie ein offenes Geschichtsbuch präsentiert das Born Centre Cultural in Barcelona die nie verheilten Wunden des 18. Jahrhunderts, aus denen sich heute die katalanische Unabhängigkeitsbewegung nährt.

Lange war das strohgelbe Pils der Brauerei Moritz ein Geheimtipp in Spanien. Es geht auf Louis Moritz Trautmann zurück, der im 19. Jahrhundert aus dem elsässischen Pfaffenhofen nach Barcelona ausgewandert war und 1856 eine kleine Brauerei übernommen hatte. Lange Zeit florierte sie, bis sie 1978 geschlossen wurde. Doch Nachfahren der fünften und sechsten Generation haben den Betrieb wieder aufgenommen und aus dem mild-herben Gerstensaft ein Modegetränk gemacht, das inzwischen sogar nach Deutschland exportiert wird.

Am besten lässt man es sich in der Bar Moritz 3000 schmecken, unter dem wunderbaren Dach des Mercat del Born, jener Markthalle, die 1876 und damit 20 Jahre nach der Brauerei errichtet wurde. Nicht allein die kunstvolle, filigrane Eisenkonstruktion, weit entfernt vom funktionalen Ambiente heutiger Märkte, lohnt den Besuch. Während man am Pilsener nippt, schweift der Blick auch vom belebten Born-Viertel in eine riesige Ausgrabungsstätte. Reste von Häusern, Geschäften und Straßen sind zu erkennen, darunter die Fundamente von den Vorläufern der Bar Moritz 3000. Ruinen aus antiker Vorzeit? Das denken viele – ohne zu ahnen, wie hochaktuell die Trümmer sind. „Sie kamen zufällig zutage, als die Markthalle Anfang der 1970er Jahre geschlossen wurde und in eine Bibliothek verwandelt werden sollte“, erklärt die Führerin. Bei den Bauarbeiten seien die Arbeiter auf jenen Stadtteil gestoßen, in dem vor 300 Jahren die Schicksalsstunde Kataloniens schlug. Vorausgegangen war der Spanische Erbfolgekrieg. Als 1700 der Habsburgerkönig Karl II. starb, behaupteten sich die Bourbonen mit Philipp von Anjou als neue Machthaber in Madrid. Das stolze Katalonien, das zuvor unter den Plünderungen und anderen Repressalien der Franzosen gelitten hatte, wollte dies nicht hinnehmen und schloss sich mit England, Österreich und den Niederlanden zur Großen Allianz zusammen, die Ludwig XIV. den Krieg erklärte und den Habsburger Erzherzog Karl von Österreich zum König kürte. Doch dann ging Frankreich als Sieger aus der Schlacht von Almansa hervor. Als 1713 der Frieden von Utrecht geschlossen wurde, blieb Katalonien als Spielball zwischen den Mächten den Bourbonen ausliefert.

Denen leistete die katalanische Ständeversammlung erbitterten Widerstand. Es kam zu schweren Kämpfen, zehn Monate blieb Barcelona belagert, dann musste das Land kapitulieren. Katalonien verlor nicht nur seine politische Eigenständigkeit und das Recht auf die eigene Sprache, die Bewohner wurden auch auf grausame Art aus ihren Wohnquartieren vertrieben. Tausende starben oder wurden gefangen genommen. Und dort, wo die letzte Schlacht stattfand, in der Nähe des Mercat del Born, errichteten die neuen Machthaber eine militärische Festungsanlage zur Überwachung der Bevölkerung. Die Festung Ciutadella ist längst der Parkanlage gleichen Namens gewichen. Doch die Wunde, die die Setmana Tràgica, die Tragische Woche von 1714, geschlagen hat, ist in Katalonien nie vernarbt. Und wird an jedem 11. September mit der Diada, dem katalanischen Nationalfeiertag, aufgerissen.

Dann erwacht jedes Mal aufs Neue die Erinnerung an die tiefe Demütigung, der während der Franco-Zeit noch viele andere folgen sollten, die heute wieder den Befürwortern der Unabhängigkeit neue Nahrung geben. Für sie hat das Gebiet um die Markthalle einen besonderen Symbolcharakter. Entsprechend lange wurde debattiert, was damit geschehen sollte, als die Stadt aus dem 18. Jahrhundert zum Vorschein kam. Sollte man tatsächlich an der Bibliothek festhalten? Oder nicht besser einen Ort schaffen, an dem die Geschichte erlebbar wird?

Am 11. September 2013, auf den Tag genau 299 Jahre nach dem Schicksalsdatum von 1714, wurde schließlich El Born Centre Cultural eröffnet. Ein Kulturzentrum, das für jeden zugänglich ist und bei freiem Eintritt rings um die Ruinen die Stadtgeschichte aufrollt. Wer will, kann sich Führungen anschließen und durch die jahrhundertealten Straßen laufen. Ansonsten blickt man oben von der Galerie direkt in sie hinein wie in ein Geschichtsbuch. „Hier waren zum Beispiel die Häuser der Weinhändler, dahinter die der Fischer“, erklärt die Führerin. „Sie lagen ganz in der Nähe des Hafens, der damals fast bis hierher reichte.“ Die Frauen waren dabei für die Konservierung des Fangguts verantwortlich. Andere Frauen arbeiteten in dem Bordell, dessen Fundamente zu erkennen sind. Aus Archiven geht hervor, wo sich was befand. Und auch, dass hier bis ins Jahr 1714 stolze 120 Tage im Jahr Karneval gefeiert wurde.

Die Zeitreise ergänzen Ausstellungen über andere Aspekte der Stadthistorie. Wer mehr wissen will, kann auf der sogenannten Ruta 1714 noch weitere Schauplätze der Setmana Tràgica in Barcelona entdecken. Das Kloster Sant Agustí Vell, das Hort des prohabsburgischen Widerstands war, oder den nahe gelegenen Platz El Fossar de les Moreres, wo die Helden der letzten Schlacht begraben liegen.

Noch mehr lässt sich im Museum der katalanischen Geschichte am Hafen erfahren. Wem das zu viel ist, kann sich im Moritz 3000 niederlassen und beim strohgelben Pils alles sacken lassen.