Reise

Der Reiz des Unperfekten

Archivartikel

Im Gegensatz zu anderen weißen Dörfern Andalusiens ist Olvera angenehm verschlafen und weniger herausgeputzt.

Wäre der Winter nicht noch fern, würde man denken, in der Sierra de Cádiz habe es geschneit. Doch es sind die strahlend weißen Häuser von Olvera, die sich vor dem Blau des Himmels auf einem Hügel zusammenballen: unzählige kubische Gebäude, ineinander verschachtelt, so raffiniert aufeinandergeschichtet, als hätte sie ein Picasso arrangiert.

Allein schon dieser Anblick ist spektakulär. Dazu ragen aus dem Häusermeer zwei Gebäude heraus, die sich inmitten der beschaulichen Szenerie einen erbitterten Architekturwettstreit liefern: auf der einen Seite die maurische Burg, die schlicht und archaisch auf einem Felsen thront, auf der anderen Seite streckt die bombastische, neoklassizistische Kathedrale ihre Türme gen Himmel. Auch wenn man weiß, wie der Kampf zwischen Mauren und Christen ausgegangen ist – vom ästhetischen Standpunkt aus muss jeder Betrachter für sich entscheiden, wen er als Sieger ansieht.

Für Wolfgang Berus war die Sache schnell klar. Das Castillo Árabe zog den deutschen Künstler sofort in seinen Bann, als er zum ersten Mal nach Olvera kam. Drei Jahre arbeitete er an neuen Werken: Installationen, die unter dem Titel „Arteología - die erfundene Vergangenheit“ Fundstücke versammeln, wie sie Ausgrabungen in ferner Zukunft zutage fördern könnten. Mit einfachem Material, das Berus vor Ort gefunden hat - Steine, Erde, weggeworfene Alltagsgegenstände wie Flip-Flops oder Bierflaschen, aber auch eine für andalusische Augen provokante Fahne des FC Barcelona -, erzählt er Geschichten, wie sie sich künftige Generationen zusammenreimen könnten. Ein ironisch-kritischer Blick auf unsere Zeit, der weit über Andalusien hinausführt. Geschärft hat ihn Olvera. „Für mich ist es ein einzigartiges Gesamtkunstwerk“, sagt der Deutsche, während er seine Augen vom höchsten Punkt, der Burg, über die Häuser und endlose Olivenhaine schweifen lässt. „Da ist nichts, was das Auge stört. Außer einer Mobilfunkantenne vielleicht.“

Genau das war es, was ihn 2016 dazu bewog, sich hier niederzulassen. Spanien war kein Neuland für ihn. Er hatte sich bereits 30 Jahre an einem anderen Dorf – Cadaqués an der nördlichen Costa Brava, das durch Dalí bekannt geworden ist –abgearbeitet. Dann führte ihn die Suche nach einer neuen Inspirationsquelle in den Süden. Natürlich sah er sich in den Pueblos Blancos, den berühmten weißen Dörfern im Hinterland Andalusiens, um. Zu Recht. Ronda, Arcos de la Frontera, Vejer – so eindrucksvoll wie die blendend weißen Fassaden und monumentalen Gebäude ist deren Lage inmitten einzigartiger Felslandschaft. Und doch war Berus ernüchtert: „So schön diese Orte sein mögen – sie sind bis zu den Zähnen bewaffnet mit Souvenirshops, Boutiquen und Lounge-Bars. Genau das, was die Leute wollen, die in das vorgeblich authentische Andalusien hineinschnuppern möchten.“

Tatsächlich: Wer einmal durch Arcos de la Frontera spaziert, wird schnell feststellen, dass man den Blick von der wunderbaren Plaza del Cabildo nicht genießen kann, ohne dass um einen herum unzählige Menschen Selfies machen. Beim Schlendern durch die Gassen wird man unablässig von Leuten angesprochen, die einen mit „best andaluzian food“ in irgendein Lokal locken wollen. In Olvera dagegen, das ein ganzes Stück weiter von der Küste entfernt ist, kann es einem schon mal passieren, dass man eine halbe Stunde auf der Terrasse einer Bar sitzt und keiner von einem Notiz nimmt. Mojito? Caipirinha? Fehlanzeige. Hier werden Bier, Wein und Anisschnaps ausgeschenkt. Dazu versprüht so manches Lokal den Charme einer Bahnhofshalle. Die Plastikstühle sind von der einschlägigen Biermarke gesponsert, im Hintergrund läuft der Fernseher.

Nicht, dass Wolfgang Berus das besonders inspirierend findet. „Nein“, wehrt er ab, „aber ich will kein perfekt inszeniertes Bilderbuchdorf.“ Wobei Olvera seiner Meinung nach durchaus ein paar mehr Besucher vertragen könnte. Viele der rund 8500 Einwohner arbeiten für einen geringen Stundenlohn in den Olivenhainen – hier wird eines der besten Öle ganz Spaniens gemacht. Andere Olvereños sind arbeitslos oder müssen pendeln.

Sollen junge Leute nicht abwandern, braucht es also zusätzliche Erwerbsquellen – wie den Tourismus. Deshalb wurde die frühere Bahntrasse nach Puerto Serrano in eine Vía Verde, einen grünen Fahrradweg, verwandelt.

Aus dem alten Bahnhof wurde ein kleines Hotel mit Fahrradverleih. Jetzt sollen schöne Plätze im Ortszentrum autofrei werden. Ob aus Olvera vielleicht ein zweites Arcos de la Frontera wird? Bis dahin kann man hier eine authentische andalusische Kleinstadt erleben – und eine ehrliche spanische Küche zu fairen Preisen.