Reise

Der Traum vom Klang

Auf den Kapverden spielt die Musik seit jeher eine große Rolle. Doch auch landschaftlich ist die Inselgruppe vor Afrika reizvoll.

Der Himmel hängt voller Geigen, besagt ein Sprichwort, wenn man euphorisiert auf Wolke sieben schwebt. Voll auf Glücklichsein gepolt ist auch Luis Baptista in seinem unscheinbaren Haus in Mindelo auf der kapverdischen Insel São Vicente. Allerdings hängt bei ihm nicht der Himmel, sondern sein Atelier voller Gitarren, Banjos und Cavaquinhos. „Cava-was?“ Luis ist nicht nur gut gelaunt, sondern auch geduldig. „Ein Cavaquinho ist eine kleine Gitarre, die mit vier Stahlsaiten bespannt ist.“

Ursprünglich in Portugal gespielt, haben Seefahrer das Instrument von Madeira über die Azoren, Kap Verde bis nach Brasilien mitgenommen. Nicht nur dorthin. Das handliche Cavaquinho zählt sogar zu den Vorläufern der hawaiischen Ukulele. Nur eines von unzähligen Musikinstrumenten, die im Haus Baptista als Patienten von der Decke baumeln, fertig repariert an den Wänden aufgereiht sind oder unter Edys Händen, einer von Luis’ zehn Brüdern, gerade auf dem OP-Tisch liegen. Luis kennt sich mit Violãos, Bandolinos oder klassischen Gitarren von Kindesbeinen an aus. Gelernt hat er das Konstruieren und Reparieren der Saiteninstrumente bei seinem Vater, Mestre João Baptista Fonseca, ein über die Inselgrenzen hinaus bekannter Gitarrenbauer. Das Material dazu ist hauptsächlich Ebenholz, das er vom afrikanischen Kontinent aus Mali bezieht.

Auf São Vicente wachsen nur eine Handvoll Palmen. Dafür bietet sie neben der quirligen Inselhauptstadt Praia jede Menge Seelenmassage für Wanderer. So erreicht man den Areia Branca im Norden der Insel nach einer guten Stunde auf einem breiten Passpfad. Belohnt wird man dort oben mit einer grandiosen Aussicht auf Mindelo - vorausgesetzt die Sahara-Winde haben nicht wieder ihre Sandschleier geschickt. Ein anderer Spaziergang bringt einen zum Leuchtturm Dona Ana Maria auf der Ponta do Farol im äußersten Westen der Insel. Schon auf dem Weg hat man einen beeindruckenden Blick auf die Bucht und den meist menschenleeren Strand von São Pedro, wo auch der Flughafen im Dunst liegt. Für Familien ist eher die Baia das Gatas („Katzenbucht“) mit breitem Sandstrand und der geschützten Bucht ein beliebtes Ausflugsziel, da Kinder dort sicher baden können. Von hier sieht man die bizarren Lavabilder der Baía do Norte. Die ungewöhnliche Landschaft kann zu Fuß erkundet werden und bietet jede Menge Fotomotive.

Zurück zu Luis. Seit vier Jahren studiert der 42-Jährige Kunst und Design. Seine Abschlussarbeit ist eine Chimäre aus einer traditionellen Gitarre mit Violinenhals, zudem richtet er an der Universität einen schallisolierten Übungsraum ein. „So einen wie hier“, erzählt Luis und zeigt den Eingangsbereich zur Werkstatt, der mit dickem Filz und festen Stoffen ausgekleidet ist. An der Seite wartet ein Schlagzeug auf den Drummer, auf dem Podest stehen Hocker. Eine Kistentrommel (Cajon) sowie eine große afrikanische Trommel lehnen an der Wand. Wie aus dem Nichts kommen drei weitere Musiker auf die kleine Bühne: Mr Gusto an der Gitarre, Luis’ Bruder Edy wirbelt am Cajon und der jüngste Bruder Maui lässt die Fingerkuppen über die Djembe tänzeln, während Luis Rhythmus und Liedart vorgibt.

Zum Beispiel den melancholischen Morna, den beschwingten Coladeira oder den Batuku, dem man seine afrikanischen Wurzeln schnell anhört. Auch dieses Erbe gab Mestre Baptista an seine Kinder weiter: Alle ohne Ausnahme spielen Gitarre oder singen. „Uns liegt die Musik zwangsläufig im Blut“, sagt Luis. „Wer nicht Musik macht, ist kein Baptista.“ Alle bedeutet bei drei Müttern „zehn Brüder und fünf Schwestern“. Und hat er auch einen Traum? „Klar. Ein Instrument mit einem Sound zu konstruieren, den ich noch finden werde. Ich weiß, wie er klingen muss, aber ich habe ihn bisher noch nicht entdeckt.“

Das Flair von Mindelo wird es richten. Die 1835 gegründete größte Stadt auf São Vicente ist bekannt wegen ihres Hafens und des Karnevals, der zweimal gefeiert wird. Traditionell wie überall im Frühjahr und zusätzlich im Sommer, wenn „die vielen Auswanderer ihre Heimat besuchen“, sagt Tourguide Alveno Soares. Die Gründe für die massenhafte Emigration seien in den wiederholten Hungerkatastrophen, der anhaltenden Armut oder der politischen Verfolgung zu sehen. Zu den rund 550 000 Bewohnern des Archipels kämen geschätzte 700 000 Kapverdier, die heute vor allem in den USA in der Diaspora lebten, hinzu.

Schon im 19. Jahrhundert heuerten viele Hunderte auf Walfangschiffen an und in den 50er Jahren des vergangen Jahrhunderts folgten die Auswanderungen nach Europa. Inzwischen ist die Insel wegen ihrer eigenständigen kreolischen Musikszene weltberühmt. Die populärste Sängerin der Kapverden stammte aus Mindelo: Cesária Évora. Sie ist im Dezember 2011 gestorben, im März darauf wurde der internationale Flughafen auf São Vicente nach ihr benannt. Eine „Noite Caboverdeana“, ein Abendessen mit Livemusik, wird von vielen Lokalen mehrmals wöchentlich veranstaltet. Dort beginnt die Musik um 19 Uhr. „Zum Aufwärmen fürs spätere Tanzengehen“, sagt Alveno schmunzelnd.