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Der Wegweiser

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Ohne ihn wären Skifahrer verloren: Der österreichische Maler Heinz Vielkind zeichnet die Panoramakarten, die in den Skigebieten Wintersportlern den Weg zeigen.

Es gibt Navis, GPS und Google Earth. Wer braucht Ihre Gemälde noch?

Heinz Vielkind: Ich bin nicht ersetzbar, weder durch eine Kamera noch durch ein Navi. Ich nutze selbst Google Earth, um zu recherchieren. Das Problem ist nur, dass all diese Hilfsmittel die Realität abbilden. Das mache ich ja nicht.

Aber die Wintersportler brauchen doch genaue Karten?

Vielkind: Nur bedingt. Sie brauchen Karten, die ihnen helfen, die richtige Abfahrt zu finden oder den richtigen Lift. Würde ich ganz streng nach Maßstab arbeiten, würden die Nutzer entscheidende Details nicht erkennen: Muss ich an dieser Pistenkreuzung nach rechts oder nach links? Ist der Hang zu steil für mich? Wo genau endet der Lift, 100 Meter unter- oder oberhalb der Jausenstation? Ich vergrößere die Landschaft und ziehe sie quasi wie ein Akkordeon auseinander, damit so viel wie möglich von der Seite des Betrachters aus sichtbar ist.

Das heißt, Sie schummeln?

Vielkind: Ich zeige das, was die Auftraggeber als wichtig ansehen. Die Tourismusverbände wollen natürlich, dass ihr Gebiet sich von seiner besten Seite präsentiert. Wenn da im Hintergrund ein Berg ist, der eine spektakulär schöne Seite hat und eine andere, die nicht so toll aussieht, dann zeichne ich das Panorama schon so, dass man die schöne Seite sieht.

Wie gehen Sie vor?

Vielkind: Ich gucke mir die Gegend sehr genau an, auf Karten, auf Google Earth. Dann überfliege ich das Gebiet, mache 300, 400 Fotos aus allen Winkeln und Richtungen, idealerweise zu verschiedenen Jahreszeiten, damit ich einen guten Eindruck bekomme. Im Studio skizziere ich zunächst mit dem Bleistift und dem Buntstift, verfeinere immer mehr und male dann mit Temperafarben das Panorama. Schließlich werden die Bilder vergrößert. Ich liefere immer jungfräuliche Landschaften ab. Die Hütten, Pisten, Lifttrassen werden erst später von den Tourismusverbänden eingefügt. Dann wird das Ganze auf Aluminiumplatten oder es werden Pistenpläne für die Jackentasche gedruckt.

Was ist die größte Heraus- forderung?

Vielkind: Schwierig sind manchmal die Kundenwünsche. Zum Beispiel musste ich mal eine Karte der Region rund um den Arlberg anfertigen. Weil sich die Tourismusverbände der beiden Wintersportorte von Arlberg und Lech ständig uneins darüber waren, wie die Berge um die beiden Orte dargestellt werden sollten, musste ich das Bild fünfmal komplett neu malen. Wir haben über jeden Quadratzentimeter diskutiert, die Karte wurde größer und größer, bis alle mit der Darstellung „ihrer“ Berge zufrieden waren.

Wie kommt man zu einem Job, den es weltweit nur ein paarmal gibt?

Vielkind: Durch schlechte Schulnoten! Die hatte ich in sehr vielen Fächern, nur im Zeichnen war ich richtig gut. Ich bin dann mit 16 Jahren bei Professor Heinrich Berann in die Lehre gegangen, das war der Begründer der modernen Panoramamalerei. Bei ihm lernte ich und arbeitete lange als sein Assistent. Als er einmal eine meiner Zeichnungen für seine eigene hielt, wusste ich, dass ich nicht ganz schlecht war. Mein erster Auftrag war eine Karte für die Olympischen Winterspiele in Cortina d’Ampezzo von 1956.

Sie machen das jetzt seit fast 63 Jahren. Wie haben sich die Alpen verändert?

Vielkind: Gewaltig! Ich überarbeite ja alle paar Jahrzehnte verschiedene Ski- oder Wandergebiete. Da sieht man deutlich, wie sich die Gletscher zurückziehen, oder wie aus einer kleinen Ansammlung von ein paar Bauernhöfen eine richtige Siedlung oder ein Touristen-Resort wird. Neue Straßen erschließen die Berge noch mehr. Der Wald wird weniger, durch einen Waldbrand, eine Lawine oder durch den Bau einer neuen Piste. Der Mensch ist viel sichtbarer geworden in seinem Einfluss auf die Landschaft.

Was kostet eine Panoramakarte?

Vielkind: Jedes Werk ist ein Einzelstück, detailreich und dennoch auf gewisse Weise majestätisch, so wie die Natur eben ist. Kleinere Bilder kosten 2000 bis 6000 Euro, größere, aufwendigere Produktionen können schon mal 25 000 Euro kosten.

Wie malen Sie am liebsten?

Vielkind: Ich habe ein sehr schönes, helles Studio hier im Zentrum von Innsbruck. Das Ambiente muss beim Malen stimmen. Ich hatte immer gerne meinen Kater um mich. Aber der Puschl ist im vergangenen Jahr gestorben. Er war auch ein bisschen heftig, er hat immer alle Besucher angegriffen. Jetzt höre ich beim Malen am liebsten Radio, Wortprogramme und so. Aber auch gerne Barockmusik. Bei Bachkantaten habe ich die beste Konzentration, das ist für diese Aufgabe das Allerwichtigste.

Die Panoramakarten gibt es ja auch für den Sommer. Da sind dann Wanderwege und Wasserfälle statt Pisten und Loipen eingezeichnet. Ist das einfacher oder schwerer?

Vielkind: Es ist etwas herausfordernder, weil es da mehr Variationen in der Farbgebung gibt. Die Bäume geben die Struktur für die Hänge, sie sind ein gutes Mittel, um plastischer zu malen. Schnee ist im Grunde eher langweilig zu malen.

Sie sind 79 Jahre alt. Wie lange wollen Sie noch weiterarbeiten?

Vielkind: Solange es noch geht. Ich mache immer noch jedes Jahr drei bis fünf Panoramen. Ich habe niemanden mehr, den ich in dieser Kunst unterweisen kann. Aber eine frühere Kollegin hat ein Atelier hier in Innsbruck aufgebaut. Sie wird dafür sorgen, dass dieser Beruf nicht ausstirbt.

Als Rentner werden Sie erst einmal in Ruhe Ski fahren gehen, oder?

Vielkind: Das wird mir immer weniger wichtig. Aber ich finde zumindest gute Ausreden: Erst ist es nicht kalt genug und es gibt zu wenig Schnee, dann ist es mir zu kalt und dann taut es schon wieder. Auch der ganze Krempel wird mir zu viel: Skistöcke, Stiefel, Skier, Mütze, Handschuhe, Anorak, das muss man ja ständig irgendwo rumschleppen. Spätestens ab Januar freue ich mich einfach nur auf den Frühling und meine Autos. Ich habe fünf ältere Alfa Romeo aus den Baujahren 1996 bis 2000, die pflege ich und fahre sie spazieren. Das sind halt noch echte Autos, bei denen es nicht überall ständig piepst. Und dann schaue ich mir die Berge von unten an.