Reise

Des Watzmanns Meer

Archivartikel

Urlaub am Königssee im Berchtesgadener Land galt viele Jahre lang als altbacken und bieder. Inzwischen ist die malerische Naturlandschaft längst wieder „in“ – auch und gerade bei Jüngeren.

Schönau am Königssee, morgens kurz nach 7 Uhr. Bereits fast eine Stunde, bevor die ersten Schiffe auslaufen, die zum Ausgangspunkt einer Wanderung fahren, sammeln sich vor der Anlegestelle am See die ersten Passagiere. In der Hand einen Pappbecher mit „Kaffee to go“ aus einem der angrenzenden Lokale und auch sonst bar jeder Lederhosen-Biederkeit. Dennoch sind es – um es auf Bayrisch zu sagen – gestandene Manns- und Weibsbilder, mit Tattoos auf den fitnessstudiogestählten Muskeln oder in trendigen Klamotten von Gore Tex und Wolfskin. Ein Publikum fast ausschließlich unter 40.

Das war auch mal anders. Urlaub am Königssee galt einst als altbacken. Seit den 1960er Jahren gingen die Besucherzahlen zurück, 1965 musste sogar die Bahnlinie hierher mangels Resonanz geschlossen werden. Politisch bewusste Gemüter der 1970er Jahre mieden das Berchtesgadener Land wegen seiner vermeintlich braunen Vergangenheit, die sie am Obersalzberg verorteten, an dem Adolf Hitler seinen Berghof unterhielt. Die Jugendlichen zog es lieber per Interrail in die Großstädte Europas, in den 1980ern – je nach Geldbeutel – nach Antalya oder Mallorca. Das Einzige, das sie von dieser wunderbaren Gegend kannten, war der Neue-Deutsche-Welle Hit „Die Sennerin von Königssee“ von 1982.

Keine Angst vor Vergleichen

Das alles ist Geschichte: Der Königssee ist – sofern er je weg war – wieder da, und das auch und gerade bei den Jüngeren. Und so gibt es hier – selten genug in Deutschland – Hoteliers, die mehr als zufrieden sind. „Dieses Jahr läuft super“, bekennt Josef Massury an der Rezeption seines alten Familienhotels „Schiffmeister“.

Und wer vor Ort zu Gast ist, der fragt sich, wie es überhaupt anders sein kann. In seiner Schönheit kann es der Königssee ohnehin mit dem Gardasee aufnehmen, mit dem er die Flankierung durch hohe Berge gemein hat. Im smaragdgrünen Wasser spiegeln sich eindrucksvolle Felswände, die direkt ans Ufer reichen, aber das macht auch den Unterschied zum italienischen Konkurrenten: Seit 1921 Naturschutzgebiet, gibt es direkt am See kaum touristische Infrastruktur. So fehlen ausgedehnte Strände, von denen aus sich das einzigartig klare Wasser genießen ließe. Nur in Schönau haben sich die Urlauber in Höhe der Eis-Arena zu diesem Zweck einen kleinen Abschnitt erobert, auf dessen Felsboden sie ihre Badetücher ausbreiten. Gerade in diesem Jahr, in dem es auch für hiesige Verhältnisse sehr heiß war, bot der See dank seiner Tiefe von bis zu 192 Metern mit 20 Grad ersehnte Erfrischung. Nachts nutzten zuweilen bierselige Heimkehrer den Sprung in das Hafenbecken zur Abkühlung.

Vor allem aber fehlen an dem 20 Kilometer umfassenden Ufer angelegte Rundwege, die sich mit Fahrrad, Motorrad oder gar Auto befahren ließen. Das einzige Verkehrsmittel, um hier unterwegs sein zu können, ist und bleibt das Schiff.

Seit Ende des 18. Jahrhunderts wird diese Transportmöglichkeit professionell betrieben, an die 150 Ruderer beförderten schon damals die Ausflügler; Anfang des 20. Jahrhunderts wurden bereits 80 000 Besucher gezählt. Als die Motorisierung aufkam, wurde auch diese genutzt, schon damals übrigens mit Elektromotoren – jedoch nicht aus ökologischen Gründen. Ganz im Gegenteil: Prinzregent Luitpold fühlte sich durch Motorboote lediglich in seinem Jagdtrieb gestört, mit dem er einige Arten wie Greifvögel bis an die Existenzgrenze dezimierte.

Kurz nach dem Ablegen passiert das Schiff eine kleine (die einzige) Insel im See. 1711 wurde auf ihr eine Statue des Heiligen Nepomuk errichtet – als Dank dafür, dass bei einem Bootsunglück sämtliche Passagiere mit dem Leben davonkamen.

Es sind diese Geschichten, mit denen die Bootsführer die Fahrzeit verkürzen – mit wahren über große Unglücke, von denen Kreuze am Ufer zeugen, aber auch mit allerlei Seemannsgarn wie über den 2712 Meter hohen Watzmann. Dessen Gipfel sollen, wie uns der Dichter Ludwig Ganghofer hinterlassen hat, einen König, seine Gattin und sieben Kinder zeigen, die wegen ihrer tyrannischen Herrschaft allesamt zu Stein verwandelt wurden. „Und der steile Zahn in der Mitte ist die Watzmann-Tochter“, feixt der Schiffsführer.

Zwischenstopp an der Kapelle

Auf halber Strecke stellt er die Maschinen ab und holt seine Trompete hervor, um das berühmte Echo an der Westwand zu demonstrieren. Einmal, wenn man Glück hat, zwei Mal, ist es zu hören. Jedoch nur, wenn die Gäste mucksmäuschen still sind. Und das gelingt in unserer ansonsten von Handyklingeltönen geprägten Zeit sogar in der Tat. Denn kaum einer der Passagiere ist dabei, der sich diesem Moment ursprünglicher Natur zu entziehen vermag.

129 Meter misst der See an seiner breitesten Stelle und acht Kilometer in der Länge, doch die meisten Passagiere fahren nicht zum Endpunkt nach Salet, sondern nur bis etwa auf halber Höhe nach St. Bartholomä, einer im Kern seit 1134 bestehenden Kapelle, 1698 in barockem Stil erneuert, mit ihren Türmen an eine russische Kathedrale erinnernd.

Das angrenzende Schloss beherbergt seit 1912 einen Biergarten – mit 400 Plätzen draußen und 350 drinnen. Bei gutem Wetter herrscht ein Betrieb wie im Englischen Garten in München – welch Kontrast zu dem stillen Moment auf dem See zuvor! 600 000 Besucher zählt man pro Jahr.

Für manchen gibt es am Ende des Tages eine Schrecksekunde: Im Angesicht der nahen letzten Rückfahrtmöglichkeit um 18.30 Uhr kommt zuweilen Hektik auf, entsteht Gedränge. Dann heißt es warten, nicht selten: lange warten. Denn Übernachten ist keine Alternative, eine Unterkunft besteht nicht – mit Ausnahme der Hütten in den Bergen.

Denn ja, diese Möglichkeit gibt es natürlich auch: Nicht mit dem Schiff zurück, sondern zu Fuß über die Berge. Das jedoch ist kein Spaziergang, sondern eine alpine Tour, deren elf Kilometer Länge mit 825 Metern Höhenunterschied sowohl Erfahrung als auch Kondition erfordert; schwere Unglücke mahnen vor Übermut. Und für ganz Eifrige gibt es sogar die Drei-Tages-Tour um den See.

Doch wer seine Wanderstrecke geschafft hat, der erlebt ein wahres Glücksgefühl. Und an ihrem Ende trifft man die eingangs erwähnten, frühen Wanderer erschöpft, aber zufrieden abends wieder – in einem der Biergärten am Seeufer.