Reise

Devin statt Sofia

Archivartikel

Bulgarien

Natürlich kann man hier Balneo-, Schlamm-, Parrafin- oder Laugentherapie buchen, dafür ist Devin schließlich bekannt. Und dass das schwefelhaltige Wasser bei Magen-Darm-, Gallen- und Nierenbeschwerden allerlei Gutes bewirkt, darüber sind sich alle einig. Der eigentliche Schatz des 7000-Einwohner-Städtchens mitten in den Bergen der Rhodopen aber ist ein anderer: Ruhe. Wer Bulgarien kennenlernen will, wem aber selbst die nun nicht gerade brechend überlaufene Hauptstadt Sofia zu quirlig ist, der findet hier, was er so dringend sucht: Gelassenheit. Kleinstadtleben. Stoff für stundenlange Beobachtungen.

Es braucht nicht viel zum Glücklichsein: Man setzt sich auf die Terrasse des Spa Hotels, bestellt ein Kamenitza-Bier, atmet tief durch und schaltet zurück. Ab sofort geht das Leben einen anderen Gang. Der Junge mit dem gegelten Schopf wartet geduldig mit einer Nelke in Zellophan auf seine Angebetete: Kommt sie nicht heute, kommt sie morgen. Zwischen den Rabatten mit Tagetes und Petunien ziehen die beiden übergewichtigen Mütter mit den Kinderwagen ihre Runden. Der Polizist vor dem Nightclub Royal raucht genüsslich eine Zigarette und telefoniert mit seiner Geliebten: Passiert doch eh nichts mehr hier heute. Und die alten Männer sitzen wie immer unbewegt vor der Tafel mit den Todesanzeigen und diskutieren gelassen, wessen Foto wohl als Nächstes auf der Wand auftauchen wird. Nur die junge Kellnerin in den weißesten Stiefeln und den engsten Jeans von ganz Devin trommelt ungeduldig mit den Fingern und wünschte sich weit, weit, weit weg.

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