Reise

Dickhäuter im Hormonrausch

Archivartikel

Schildkröten, die nach 15 Jahren an ihren Geburtsstrand zurückkehren, halbstarke Elefanten und Leoparden in einer Ménage-à-trois – Sri Lanka hat jede Menge ungewöhnliche Tiererlebnisse zu bieten.

Mitten in der Nacht klopft es an die Zimmertür. „Die Schildkröten kommen!“, ruft Nilantha. Schnell in ein paar Klamotten geschlüpft und raus. Der Vollmond beleuchtet eine seltsame Szene. Im Hintergrund donnert die Brandung des Indischen Ozeans an den Strand von Hikkaduwa. Im Vordergrund hocken ein paar Menschen im Kreis und starren in den Sand. Eine Art Schildkröten-Meditation. Minuten später enthüllt sich der Grund: Eine kirschgroße schwarze Kugel und flossenartige Vorderbeine wühlen sich aus dem Sand. Noch ein paar Schübe mit den Hinterbeinen und die Miniaturschildkröte hat sich freigeschaufelt. Nach und nach schlüpfen mehrere Dutzend Babyschildkröten. Nicht einmal handtellergroß sind sie und streben nun Richtung Meer, um sich hineinzustürzen und Tausende Kilometer entfernt zu Grünen Meeresschildkröten heranzuwachsen. Und nach 15 Jahren an ihren Geburtsstrand zurückzukehren.

Sri Lanka ist ein quietschbuntes Wimmelbild aus Buddhas, Hindutempeln, Teeplantagen, Königsstädten, Stränden, Fischerdörfern unter Kokospalmen und Ayurveda- und Yogazentren. Der deutsche Besucherstrom wächst enorm seit dem Ende des Bürgerkrieges 2009. Dass sich Sri Lanka auch als Safari-Destination nicht verstecken muss, zeigt diese Reise.

Trotz Verbots: Reptilien gelten als Delikatesse

Von den sieben Meeresschildkrötenarten weltweit gibt es fünf auf Sri Lanka. Eine Nacht später robbt ein erwachsenes Tier auf den Strand, gräbt ein Loch und legt rund 100 tischtennisballähnliche Eier ab. Dabei darf es auf keinen Fall gestört werden. Die Handvoll Schaulustigen halten sich leise im Hintergrund. Erst als die Mutter das Nest unter Sand begraben und ihre Spuren sorgfältig verwischt hat, lässt sie sich auf ihrem Rückzug in den Ozean nicht mehr irritieren. Nilantha beseitigt ihre Fährte, damit die Eier nicht von Fischern gefunden werden. Trotz des strengen Schutzes der vom Aussterben bedrohten Reptilien gelten sie immer noch als Delikatesse. Seit etwa 20 Jahren engagiert Nilantha sich für ihren Schutz. „Tausende Jungtiere habe ich schon ins Meer begleitet,“ sagt der 47-Jährige stolz.

Einen vierstündigen Roadtrip entfernt liegt der älteste Nationalpark Sri Lankas. Neben Unterkünften in den Dörfern versprechen ein paar am Rande des Yala-Nationalparks angesiedelte Safaricamps, wie sie eher aus Afrika bekannt sind, Luxus in der Wildnis und Safari-Erlebnisse. Die Chancen stehen nicht schlecht. Über 5000 Asiatische Elefanten leben wild auf Sri Lanka und der Yala-Nationalpark weist eine der höchsten Leopardendichten der Welt auf. Dazu über 130 Vogelarten, Lippenbären, Schuppentiere und mehrere Affen- und Hirscharten. Aber zunächst einmal erfrischt ein Bad im Pool auf der Holzterrasse der eigenen 100-Quadratmeter-Luxushütte.

Stolz spaziert ein Leopard auf die Kuppe

Schon bei der ersten Abendsafari nähert sich ein halbstarker Elefantenbulle dem Geländewagen. Er kommt so nah, dass er sich am Gestänge des Verdecks reiben kann und durch das Teleobjektiv der Kamera nur noch sein Auge zu sehen ist. Ein Blick ohne Kamera zeigt, dass er sich mit seinem Rüssel ohne Weiteres dieselbe angeln könnte. Der Fahrer fährt ein paar Meter weiter, aber der Bulle folgt nach. Wie ein Spielzeugauto treibt der dickhäutige Gigant den Jeep vor sich her, bis er in gemächlich-schaukelndem Gang im Gestrüpp verschwindet, dabei ein paar dünne Stämme umknickt und seinem mächtigen Schädel mit dem Rüssel eine Sanddusche verpasst. „Dieser Bulle ist in einer Phase mit einem Überschuss an Hormonen,“ erklärt Guide Pradeeth, „er will zeigen, dass er der Stärkste ist.“ Auf der Holperfahrt durch Baumsavanne, offenes Grasland und Seenlandschaften zeigen sich weitere Kostbarkeiten aus der Schatztruhe des Yala-Nationalparks: Pfauen schlagen ihr schillerndes Rad und grün-rot-gelbe Bienenfresser schnäbeln miteinander, Krokodile lauern reglos im Flachwasser und Sambar- und Axishirsche äsen friedlich am Ufer.

Aber der König dieses Reiches soll noch folgen. Der nach ihm benannte Felsen erhebt sich über die Savanne, als wäre er seine Festung. Zunächst ist dort nichts zu sehen. Doch dann zeigt sich Bewegung im Gebüsch und wenig später stolziert ein großes Leoparden-Männchen auf die Kuppe und blickt wie ein Herrscher über sein Land. Die Ansammlung von Fahrzeugen nimmt er so huldvoll und gelassen hin wie die Queen eine Parade. Er scheint für die Fotos zu posieren. Ein Weibchen gesellt sich dazu, schleicht um den Kater herum, dreht sich auf den Rücken - wie eine Hauskatze, die gekrault werden will. Dann geschieht das Außergewöhnliche: Ein weiteres Weibchen erklimmt den Aussichtspunkt, faucht und fordert den Macho mit dem gepunkteten Fell heraus. Scheinangriffe und Tatzenhiebe folgen. Der Kater antwortet nur mit einem rauen Bellen. Pradeeth ist aufgeregt. „Das ist unglaublich, drei ausgewachsene Leoparden auf einmal, das gibt es sonst nie!“, raunt er. Leoparden seien Einzelgänger. Nur für die Paarung bleibe das Männchen etwa eine Woche mit einem Weibchen zusammen und ziehe dann zur nächsten Partnerin weiter.

Diese Tiere müssen sich also gerade in einer Art Ménage-à-trois unter Großkatzen befinden. Mehrmals scheint sich bei deren Liebesspiel eine Begattung anzubahnen – und wird doch nicht vollzogen. Das tun die Herrscher des Parks wohl doch lieber im Privaten.