Reise

Dickhäuter im Ruhestand

Archivartikel

Wer Asiatische Elefanten erleben will, muss nicht auf ihnen reiten. Doch darf man sie streicheln oder füttern? Das erfährt man bei einem Besuch bei ehemaligen Reitelefanten von Angkor Wat, die nun im kambodschanischen Dschungel leben.

Chi TanChi Tan (65) ist unruhig, wackelt mit ihrem Kopf und schlägt mit dem Rüssel energisch auf den Boden. Es ist ein Warnsignal. Sofort eilt Chi Tem (45) herbei und versucht, sie zu beruhigen. Seit Dezember letzten Jahres leben die beiden Elefantendamen am Fuß der Bergkette Kulen Mountain nur rund 40 Kilometer von der kambodschanischen Touristenmetropole Siem Reap entfernt. Hier streifen sie den ganzen Tag durch dichtes Grün, wie es die beiden einstigen Reitelefanten gerne ihr ganzes Leben getan hätten. „Die beiden haben eine besonders innige Freundschaft geschlossen und brauchen einander, denn Chi Tan ist auf einem Auge altersblind. Chi Tem wiederum ist sehr dominant und versteht sich nicht mit den übrigen Elefanten, nur Chi Tan respektiert sie wegen ihres hohen Alters“, sagt die junge Britin Leanne Wallace, die hier als Tierpflegerin arbeitet.

An diesem heißen Morgen wirkt Chi Tan gestresster als sonst. „Man sieht dies auch an ihren feuchten Augen und Zehen, nur an diesen beiden Stellen können Elefanten schwitzen“, erläutert Wallace. Erst als Chi Tem sie mit dem Rüssel streichelt, beruhigt sich die alte Elefantendame. Vermutlich verarbeiten die beiden mit derartigen Schmuseritualen noch immer Traumata aus der Vergangenheit.

Denn die Dickhäuter sind erst seit Dezember letzten Jahres hier im Dschungel, davor mussten sie mehr als zwei Jahrzehnte tagtäglich Touristen entlang der Ruinen der antiken Tempelstadt Angkor Wat, dem Zentrum des kambodschanischen Khmer-Imperiums im 15. Jahrhundert, tragen. Doch endlich sehen die beiden Freundinnen in Menschen keine Bürde mehr, sondern eine willkommene Futterquelle. Die Besucher, die hierherkommen, halten Zuckerrohr- oder Melonenstücke bereit und die Elefanten machen sich einen Spaß daraus, ihren Rüssel neckisch, aber doch zielsicher an ihnen hoch tanzen zu lassen, um die Leckerbissen zu ergattern.

„Mein Vater wollte seine 14 Tiere schon 2004 hierherbringen, doch die Zeit war noch nicht reif dafür, zu viele Besucher von Angkor Wat wollten auf ihren Elefantenritt durch die weitläufigen Tempelanlagen nicht verzichten“, sagt David-Jaya Piot (23), der Manager des neuen Schutzgebietes, das nur wenige Kilometer vom Naturschutzgebiet Phnom Kulem entfernt liegt. Erst als vor nicht allzu langer Zeit einer der Angkor-Wat-Elefanten nach einem solchen Ritt in siedender Hitze zusammenbrach und starb, war die Entscheidung für die Umsiedelung unumstößlich. Seit Januar gibt es keine Elefantenritte mehr in Angkor Wat, wenngleich noch immer 75 Elefanten in Kambodscha in Gefangenschaft leben. Piot bedauert, dass sich die kambodschanische Regierung doch nicht dazu durchringen konnte, das Reiten von Elefanten, wie eigentlich geplant, ab 2020 landesweit zu verbieten.

Gründe für Schutzmaßnahmen gebe es genügend, denn Kambodscha ist eines der letzten natürlichen Verbreitungsgebiete des Asiatischen Elefanten, der vom Aussterben bedroht ist. Nur noch rund 400 Exemplare leben in freier Wildbahn, hauptsächlich in der östlichen Provinz Mondulkiri sowie in der Kardomon-Region im Südwesten des Landes.

Der Lebensraum der Elefanten wird wie in allen anderen südostasiatischen Ländern auch immer kleiner, weil die Regenwälder gerodet werden und die Elefanten der Landwirtschaft Platz machen müssen. Immer öfter gibt es Konflikte, wenn sich die Elefanten zur Nahrungssuche auf Felder begeben. „In unserer Community haben wir das Problem gelöst, indem die Bauern uns Bananenstauden verkaufen, die wir an die Elefanten verfüttern. So haben sie ein Einkommen und sind zufrieden mit der Ansiedlung der Elefanten“, sagt Piot. Der junge Mann, Sohn eines Franzosen und einer Kambodschanerin, deren Familie 1975 kurz vor dem Beginn der Schreckensherrschaft der Roten Khmer nach Paris floh, ist überzeugt davon, dass sein Vater mit der Auflösung seiner „Compagnie des Éléphants d’ Ankor“ das Richtige getan hat und dass die Elefanten einen ruhigen Lebensabend verdient haben. „Elefanten sind nicht nur extrem intelligent, sie werden im hinduistischen Buddhismus auch als heilige Tiere verehrt“, sagt Piot. Auch ansonsten haben sie stets Gewaltiges geleistet. Sie waren beim Aufbau der Tempelanlagen unverzichtbar und wurden auch als Kriegselefanten eingesetzt. In Angkor Thom etwa, der letzten Hauptstadt des Angkor-Imperiums, zollte ihnen König Jayavarman VII. um das Jahr 1200 herum mit dem Bau einer 300 Meter langen, mit riesigen Steinreliefs verzierten Elefanten-Terrasse Tribut.

Piot will mittelfristig auch eine Aufzuchtstation für Asiatische Elefanten errichten, doch dafür braucht es mehr Geld und mehr Besucher für sein Schutzgebiet. Die beiden jungen männlichen Tiere, die er gekauft hat, werden derzeit noch in einem separaten Terrain gehalten. Chi Tan, ohnehin zu alt, um sich noch fortzupflanzen, schert sich nicht um solcherlei Dinge und schreitet zufrieden zu ihrem morgendlichen Bad. Ihr Pfleger, der Mahout Mr. Thy wartet schon auf sie. Obwohl ein Fluss durch das Gelände verläuft und die Elefanten auch in einem See baden können, werden sie morgens und abends von ihren Betreuern mit einem Schlauch abgespritzt. Wie seine Kollegen konnte sich Mr. Thy nicht von seiner Elefantin trennen und kam im Dezember mit nach Kulen Mountain. Es gibt auch weitere gute Gründe für den Ortswechsel. „Nicht nur unsere Schützlinge führen hier ein Leben, wie es sich gehört, auch wir fühlen uns hier freier und glücklicher als zuvor.“