Reise

Staatsoper Stuttgart Krzysztof Warlikowski inszeniert Christoph Willibald Glucks „Iphigénie en Tauride“ / Nicht sehens-, aber hörenswert

Die antike Mythologie im Altenheim

Auf dem Plakat mit dem für die jüngste Premiere der Staatsoper Stuttgart geworben wird, ist zu lesen: „Wem vergibst Du?“. Die Antwort auf diese wohl auf den Inhalt der gezeigten Geschichte gemünzte Frage, ist wenn auch in anderer Hinsicht einfach: Gewiss nicht dem Regisseur! Denn was der inzwischen 56-jährige, hochgelobte polnische Regisseur Krzysztof Warlikowski, zusammen mit seiner Ehepartnerin Malgorzata Szczesniak als Bühnen-und Kostümbildnerin, aus Christoph Willibald Glucks Tragödie „Iphigénie en Tauride“ macht, ist unverzeihlich.

Euripides und Goethe oder auch Gluck mit seinem Librettisten Nicolas-François Guillard, der sich auf die knapp 20 Jahre vor der Oper geschriebene Tragödie von Claude Guimond de la Touche stützt, alles hin oder her, eines steht fest, die Geschichte der Iphigenie auf Tauris gehört zur antiken Mythologie, stellt Kultur der Unkultur gegenüber und zeigt, wie reine Menschlichkeit Frieden stiften kann. Dabei ist Glucks Oper ein Drama menschlicher Leidenschaften, während Goethes Seelendrama mehr von der inneren Handlung als vom äußeren Geschehen lebt.

In Stuttgart ist das nun alles ganz anders. Da spielt die Geschichte in einem Altenheim, dessen Bewohnerinnen anstelle der griechischen Priesterinnen einen stummen Chor älterer Damen bilden, über die man lediglich im Programmheft einiges nachlasen kann, was aber zur Sache nichts beiträgt, wenn auch in den „Gesprächsprotokollen mit den ‘lphigénie’-Statistinnen“ versucht wird, Beziehungen zwischen ihren Schicksalen, Hoffnungen und Wünschen und denen von Iphigénie aufzuzeigen. Ihre vornehmste Aufgabe ist es, auf der Bühne herumzugehen,-zusitzen und -zustehen und sich um die Akteure zu kümmern, wobei eine von ihnen auch noch dazu verdammt wird, rhythmisch-tänzerische Bewegungen vorzuführen.

Was die Bühne betrifft, ist sie dem gewählten Milieu entsprechend mit modernen Möbeln ausstaffiert. Doch nicht genug damit, immer wieder wird eine spiegelnde Zwischenwand zu Hilfe genommen, so dass die Besucher sich, das Parkett und die Ränge des Hauses und auch zuweilen den musikalischen Leiter Stefano Montanari bei der Arbeit als Dirigent sehen können.

Was sie allerdings erst beim Schlussapplaus zu sehen bekommen, das ist der von Bernhard Moncado exzellent einstudierte Chor. Denn der ist während der gesamten Vorstellung hinter dem Orchester in dessen Graben platziert und hat auf der modernistischen Bühne in dieser originalitätssüchtigen Inszenierung nichts zu suchen. Und das in Glucks die Seria-Oper überwindender Musik-Tragödie, in der ihm eine aktive, in die Handlung eingreifende Rolle zukommt. Doch dem gerecht zu werden, hätte wohl Krzysztof Warlikowskis eigenwilliges Regiekonzept gestört.

Dazu gehört dann aber, dass Iphigénie nicht nur als Sängerin, sondern auch gedoubelt als Schauspielerin im Altenheim, grauhaarig in einem eleganten Kostüm auftritt und sich sozusagen ihrer Geschichte erinnert. Und da kommt dann die sogenannte Familie mit Klytämnestra, Agamemnon, dem jungen Orest und den anderen aus der antiken Mythologie her Bekannten ins Spiel, die da auch ihre entsprechenden Rollen auf der Bühne spielen. Doch für die gesamte Aufführung ist die große Bühne des Opernhauses denn doch zu klein. So wird der auf der eigentlichen Bühne im Rollstuhl vorfahrende Thoas später in der Proszeniumsloge ermordet, wie dann auch Oreste und Pylade blutverschmiert, in der Mittelloge auftauchen.

Lassen so die Inszenierung, das Bühnenbild, aber auch die Kostüme im Grund alles zu wünschen übrig, so ist die nicht sehenswerte Vorstellung doch in jeder Beziehung hörenswert. Das Staatsorchester Stuttgart, unter der nuancenreichen Leitung des Barock-Spezialisten Stefano Montanara, musiziert musikdramatisch im Sinn von Glucks Intentionen, dem es bei dieser Oper – nach der Meinung des Musikkritikers Eduard Hanslick. „Der Zeit nach das letzte größere Werk des Meisters, dem Range nach das erste“ – besonders auf Wahrheit und nicht auf Schönheit ankommt.

Mit einem expressiven dramatischen Sopran singt Amanda Majeski die Titelrolle nicht nur überzeugend, sie wird auch im Spiel ihrer Aufgabe glaubhaft gerecht. Als überflüssiges Double wird die Schauspielerin Renate Jett den Intentionen des Regisseurs gerecht.

Als Thoas wartet Gezim Myshketa mit einem kraftvollen Bariton und brutalem Spiel auf. Mit wohlklingendem Bariton singt Jarrett Ott den Oreste.

Seinen lyrisch getönten, jugendlichen Heldentenor leiht Elmar Gilbertsson dem Pylade. Als Diana lässt die Sopranistin Carina Schmieger aufhorchen. Dieter Schnabel