Reise

Die Blüten der Baroness

In den üppigen Gärten am Schweizer Teil des Lago Maggiore kommen schon frühzeitig Frühlingsgefühle auf.

San Pancrazio huldigt dem Frühling. Wenn im übrigen Mitteleuropa noch Krokusse und Osterglocken die Vorherrschaft in Parks und Gärten verteidigen, reifen auf dem winzigen Inselchen im Lago Maggiore schon die Zitrusfrüchte. Mit 14 Grad Durchschnittstemperatur ist der Gneisfelsen im See unweit von Ascona der wärmste Ort der ganzen Schweiz.

Dass die Insel heute als botanischer Garten mit 1700 Pflanzenarten zu einer Weltreise durch die Subtropen einlädt, verdankt sie allerdings mehreren Zufällen. Dazu gehört, dass die russische Adelige Antoinette Bayer, ihrerseits womöglich das Ergebnis eines Seitensprungs von Zar Alexander II., 1850 in dritter Ehe eine Liaison mit dem britischen Offizier Richard Flemming eingeht. Der erbt nicht nur den Titel des Barons von Saint Léger und einen Haufen Geld, er liebt auch Pflanzen. Und während Antoinette viele interessante Männer von Giovanni Segantini über James Joyce, Rainer Maria Rilke bis zu Harry Graf Kessler auf der frisch erworbenen Insel empfängt, lässt der Gatte zur Ablenkung Boote mit Mist kommen und einen subtropischen Park pflanzen. Schließlich aber sucht er doch das Weite und Antoinette verzockt ihr Geld in wilden Spekulationsgeschäften.

So muss sie die Insel schließlich verkaufen und stirbt verarmt in einem Altersheim. Der Käufer des Gartens aber hat nur einen Sohn im fernen Chile. So landet der Fels 1949 im Besitz des Kantons Tessin und öffnet im Jahr darauf als botanischer Garten für jedermann. Und wer sich von der Pracht gar nicht fortreißen kann: Auf der noch kleineren Schwesterinsel Isola Piccola gibt es seither sogar ein Hotel.

Im Zen-Garten kommt jeder zur Ruhe

Für alle anderen Frühlingsfans gibt es noch viel mehr zu erkunden. Ganz in der Nähe verlocken schließlich weitere Parks und Gärten zu einem farbenfrohen Frühlingsspaziergang oder zu ausgedehnten Wanderungen. Eine Standseilbahn führt von Lugano auf den Gipfel des Monte San Salvatore. Von hier steigt man auf einem Stufenweg hinab zum Parco San Grato, wo auf hügeligem Gelände mit grandiosem Blick im April und Mai mehr Azaleen und Rhododendren blühen als sonst wo im Tessin. Nebenbei kann man noch das verschlafene Carona mit seinen engen Gassen besuchen und dann weiter bis Morcote am Seeufer wandern.

Oberhalb von Ascona empfängt auf dem Gelände der ehemaligen Künstlerkolonie am Monte Veritá südasiatisches Flair die Spaziergänger. Hier pflegen Corinne und Tobias Denzler etwa 1200 Teesträucher in einer winzigen Plantage. Als Entwicklungshelfer in Laos sind die Eheleute auf den Geschmack des Tees gekommen. Ihre Jahresernte von zwei Kilogramm ist so mager, dass Corinne zur Teeprobe auf importierte Sorten zurückgreifen muss. Im Zen-Garten mit seinen Kreisen im Sand und dem Pavillon kommt jeder zur Ruhe. Wer allerdings blühende Kamelien sehen möchte, der besucht besser den städtischen Kamelienpark in Locarno. Dort blühen von März bis Mai 950 verschiedene Sorten.

Falls der Frühling im mit 2300 Sonnenstunden jährlich verwöhnten Tessin irgendwo ein festes Zuhause hat, dann ist es allerdings mit Sicherheit der Garten von Reto Eisenhut bei San Nazarro auf der gegenüberliegenden Westseite des Sees. „Wir haben hier zwar einen Monat im Winter gar keine Sonne“, sagt der Gärtner, „aber dafür im Sommer viel mehr warmes Abendlicht als drüben in Locarno.“

Sein Vater Otto ließ vor 50 Jahren einen Seecontainer mit eingefrorenen Kamelien, Azaleen und Rhododendren aus Kalifornien verschiffen. Doch vor allem pflanzte er Magnolien. Weiß, rot, gelb oder violett und zart wie ein Fingerhut oder groß wie ein Fußball öffnen sich deren Blüten. 600 Sorten haben Eisenhuts angepflanzt – die größte Sammlung der Welt, gepflegt ohne Kunstdünger und Insektizide. Daneben entsteht gerade eine ansehnliche Sammlung von Zitrusfrüchten. 400 verschiedene Orangen, Zitronen und Mandarinen recken ihre Früchte in die Frühlingssonne. Wenn der Kanton ihn denn ließe, würde Eisenhut gerne noch eine Sammlung von Seerosen anlegen. Dann könnten seine 40 000 Gäste im Jahr auch im Sommer noch Blühpflanzen bewundern. Bis es soweit ist, kann der neidische Hobbygärtner aus dem Norden vor der Abreise noch Pflanzen für den eigenen Balkon in den Kofferraum laden –Tessin zum Mitnehmen.