Reise

Die Burg-Baustelle

Archivartikel

In Guédelon im Burgund steht in wenigen Jahren die erste mittelalterliche Burg des 21. Jahrhunderts.

Nicht weit vom Städtchen Saint-Fargeau, mitten in einem der dichten Eichenwälder, die der Landschaft Puisaye im französischen Burgund ihren düster-geheimnisvollen Charakter verleiht, befindet sich eine Baustelle. Eine, die nicht fertig werden soll. Ja, richtig gelesen. Die etwa 40 Arbeiter, die hier in einem ehemaligen Steinbruch an der Errichtung eines ungewöhnlichen Bauwerks arbeiten, sind angehalten, sich Zeit zu lassen. Viel Zeit. Und irgendwie passt das zur Puisaye. Denn Zeit ist das Letzte, was in diesem abgelegenen Eckchen eine Rolle spielt.

Darf es ein Schwätzchen sein? Bien sûr, aber gerne. Die Steinmetze, Maurer, Zimmerleute und was es noch alles an Gewerken auf der Baustelle gibt, sind immer für einen Plausch zu haben. Es ist Teil ihrer Aufgabe, der sie in jedem Jahr zwischen März und November nachgehen. Sie nennen den Platz Guédelon. Und was hier gebaut wird, ist eine Burg im Stil des frühen 13. Jahrhunderts. In Auftrag gegeben hat die Festung 1228 ein Adliger namens Guilbert, Vasall Johanns von Toucy. Guilbert ist ein typischer burgundischer Kleinadliger, stets knapp bei Kasse, weshalb seine Burg im „philippinischen Stil“ jener Zeit eher klein ausfällt.

Guilbert hat es natürlich nie gegeben, ebenso wenig seine Burg. Doch die Geschichte soll den „hypothetischen sozialen Kontext“ beschreiben, in dem die Burg Guédelon, hätte sie zu jener Epoche tatsächlich existiert, gebaut worden wäre. Die Ringmauer, die beiden wuchtigen Ecktürme, der Palas mit seinen Wandmalereien, die imposanten Kreuzrippengewölbe, den Wehrgang, die Küche, die Speisekammer, die Kapelle - all das haben in den letzten Jahren Hunderttausende von Touristen und nicht wenige Wissenschaftler und Historiker aus aller Welt besucht. 300 000 allein im Jahr 2018.

Die Arbeiter in ihrer groben Leinenkleidung dürfen unter der Aufsicht eines wissenschaftlichen Beirats nur Werkzeuge und Methoden anwenden, die das 13. Jahrhundert schon kannte – inklusive jener Kranmaschinen, die an ein Hamsterrad erinnern. Jeder Stein wird von Hand gebrochen, jeder Balken selbst gezimmert, jeder Nagel geschmiedet. Die Wandfarben werden aus natürlichen Pigmenten aus der Umgebung hergestellt.

Und wer es genau wissen will, ob Kinder oder Erwachsene, dem wird jeder Handgriff auf dieser inzwischen weltbekannten Baustelle erklärt, von Frauen und Männern, von denen mancher aussieht, als entstamme er direkt einem Dorf unbeugsamer Gallier. Fragen sind erwünscht – man sollte dazu allerdings Französisch können. Als der Bau der Burg 1997 begann, gaben die Macher um den Projektgründer und Besitzer des Schlosses in Saint-Fargeau, Michel Guyot, sich Zeit bis 2023. Dann sollte die Festung stehen. Inzwischen ist das Ziel also in greifbare Nähe gerückt, und tatsächlich sind die meisten Gebäude längst begehbar. Gut möglich also, dass der Termin gehalten wird.

Womit auch das eigentliche Problem dieser und ähnlicher Bauprojekte im Dienst der rekonstruktiven Archäologie – wie auch des Klosternachbaus von Messkirch, dem deutschen Pendant von Guédelon – offen zutage tritt: Denn am besten wäre es, wenn die Burg niemals fertig werden würde.

Als begehbare, vermeintlich 800 Jahre alte Baustelle ist der Ort für Wissenschaftler und Touristen gleichermaßen faszinierend. Doch wäre es auch noch die fertige Rekonstruktion einer mittelalterlichen Festungsanlage aus dem 21. Jahrhundert? Ein Bauwerk, in dem nie auch nur eine einzige Episode der Geschichte ihre Spuren hinterlassen hat? Oder sind dann doch die Originale aus derselben Epoche, wie zum Beispiel die nicht weit entfernte Burg von Ratilly, die spannenderen Objekte?

Sarah Preston, Sprecherin von Guédelon, will denn auch an ein Bauende 2023 nicht glauben: „Wir hatten 25 Jahre Bauzeit angekündigt, ohne genau zu wissen, wie lange es wirklich dauern wird.“ Sie bestätigt, dass die Wissenschaftler sich mehr für die einzelnen Baustufen als für das fertige Schloss interessieren. „Für mindestens zehn Jahre gibt es noch große Werke anzugehen“, sagt Preston. Aber auch diese zehn Jahre werden zu Ende gehen. Und dann? „Dann könnten wir beginnen, Steinhäuser zu bauen, ein Dorf, eine Kirche.“ Und ganz am Ende wäre diese Burg, sagt Preston, „die einzige auf der Welt, bei der es für jede Bauphase eine Dokumentation gibt“.

Sie ist sich deshalb sicher, dass Guédelon noch lange „ein sehr interessanter Ort der Wissenschaft bleibt“. Und wenn das irgendwo gelingen kann, dann hier in dieser abgelegenen Ecke im Burgund, wo Zeit keine Rolle zu spielen scheint.