Reise

Die Götter müssen ran

Nach Bali reisen Sinnsucher, Surfer und Fans von Strandpartys. Die indonesische Urlaubsinsel boomt – noch nie gab es so viel Tourismus wie zurzeit. Nur die Launen des brodelnden Vulkans Mount Agung vermasseln das Geschäft.

Es wirkt Wunder, ist die junge Engländerin sicher. Es heilt, hat sie gehört. Und die bösen Träume sind auch bald Vergangenheit. Die Touristin im geblümten Wickeltuch taucht unter im algengrünen Quellwasser, hält den Kopf unter den Strahl der Fontänen - und friert. „Verdammt kalt“, sagt sie und beeilt sich, dem heiligen Becken wieder zu entkommen. Das Gedränge an den Stufen ist groß. Der Ballast, den die hinduistischen Pilger und Touristen mitbringen, wiegt schwer. „Ich will zurück in meine Mitte“, sagt die Engländerin und ist eine von Hunderten, die für ihr Seelenheil an diesem Vormittag in Pura Tirta Empul, einem der wichtigsten Tempelanlagen Balis, mal kurz abtauchen. Ein Reinigungsritual an einem Ort, der für seine heilige Quelle bekannt ist.

Auf die indonesische Insel, die besticht durch ihre tropische Üppigkeit und Herzlichkeit der Bewohner, kommen all jene, die entweder die Sonne oder den Sinn im Leben suchen. Es sind die Surfer und die Spirituellen, die Partymäuse und die Göttergläubigen. Noch nie hatte Bali so viel Tourismus, die Traumstrände und die Heilerzentren ziehen jedes Jahr mehr Besucher an. Gut fünfeinhalb Millionen waren es 2017, die meisten landen in der südlich gelegenen Urlauberhochburg Denpasar. Bali boomt, es werden neue Hotels und Straßen gebaut, Veggie-Läden eröffnet und Luxusrestaurant geplant. Wenn da nur der Vulkan nicht wäre, der immer mal wieder brodelnde Mount Agung, dessen Ascheregen zuletzt im November 2017 zu einer mehrtägigen Schließung des Flughafens geführt hat.

Den Groll der Götter kann Mangku Sanebut gut verstehen. „Der Beinahe-Ausbruch war eine Warnung für die Balinesen“, sagt der Priesterhelfer im Tempel der heiligen Quelle. Die Gläubigen hätten nicht genügend gebetet, warnt der Mann mit dem weißen Kopftuch und den sanften Augen. Ein paar Reiskörner kleben auf seiner Stirn, hinter den Ohren stecken Blüten. Eben noch hat er in einer rituellen Zeremonie Reiswein verspritzt, um die Dämonen zu vertreiben, er hat Räucherstäbchen entzündet und die Götter um Beistand gebeten. Jetzt hockt er auf einer kleinen Mauer im Innersten des Heiligtums und zeigt Richtung Berg, der gut 80 Kilometer entfernt liegt.

Der Vulkan könne töten, weiß der 40-jährige Priesterhelfer. Sein Vater habe 1963 den großen Ausbruch miterlebt, mehr als 1000 Menschen seien damals gestorben, der Ascheregen habe die gesamte Ernte vernichtet. „Der Berg nimmt nicht nur, er gibt auch“, die Asche mache das Land fruchtbar, sagt er, jeder Ausbruch habe auch eine gute Seite. Alles müsse im Gleichgewicht bleiben, in der Balance zwischen Gut und Böse. Er lächelt wissend, hebt wie zur Bekräftigung seiner Worte den Zeigefinger. Bedrohlich seien ganz andere Gefahren. Die wachsenden Umweltlasten auf der Insel, das Müllproblem an den Stränden, mit schwerstem Gerät werde dort tonnenweise Abfall abgeräumt. Oder der Terrorismus. Da helfe es, die Götter anzurufen und sich mit ihnen gut zu stellen.

Nur einen Vulkan weiter werden gute Geschäfte gemacht, dort sind Urlauber willkommen. In grauen Fetzen ziehen Nebelschwaden aus dem Kratersee des Mount Batur empor. Er ist mit seinen gut 1700 Metern der etwas kleinere Nachbar des Agung. Die Sicht im Ort Penelokan ist miserabel, die Stimmung der kleinen Truppe deutscher Touristen, die aus einem Minibus aussteigt, dennoch bestens. Heute wird geradelt, 23 Kilometer, immer abwärts, ein Sportprogramm, das auch bei tropischer Luftfeuchtigkeit Spaß macht. Noch ein Tässchen Kaffee und etwas gebackene Banane im Höhenrestaurant, dann werden die Mountainbikes verteilt, schnell raus aus dem Nebel. Die Deutschen tragen Helm, sie schlängeln sich zwischen Tempeln und Plantagen hindurch, rollen durch Orte, in denen die Kinder den Fremden zuwinken und Motorradfahrer Platz machen. Die kurvige Strecke ist beliebt bei Outdoorveranstaltern. Auf dem Fahrradsattel geht es vorbei an Reisfeldern, deren saftiges Grün in der Sonne glitzert. Bei einem Stopp in einem traditionellen balinesischen Haus wird schnell klar: Alles ist so gebaut, dass die bösen Geister abgewehrt werden. „Weil Dämonen nur geradeaus laufen können“, so erklärt der Hausherr, habe er Ganesha, den Gott mit dem Elefantenkopf, direkt in den Eingangsbereich gesetzt, eine mächtige Steinfigur quasi als Türsteher, der Eindringlinge abweist.

Die Tour führt von Dorf zu Dorf, vorbei an einer kleinen Werkstatt direkt an der Straße. Drinnen sitzt Wayan Sampun, weiß-grau-melierter Schnauzer, eine Nelkenzigarette im Mundwinkel. Er hat aufgehört, sich darüber zu wundern, warum die Touristen lieber auf Rädern schwitzen, als sich ein Taxi zu nehmen. „Das ist vermutlich Sport“, sagt er lachend. Er fahre ja auch Rad, aber viel langsamer. Wie sein Vater und sein Großvater schnitzt der 57-Jährige Schreine für Haustempel, eine Heimat für die guten Geister. „Ein Schrein wird nur einmal im Leben gekauft“, sagt der Handwerker und stellt die elektrische Säge ab. Zwei Türen, Pfosten, reichlich Zierwerk von der Seerose bis zum Vogel – wie ein Minihaus sieht die neueste Arbeit des Holzkünstlers aus. „Die Geschäfte könnten besser laufen“, sagt er und erklärt, dass er Tage benötige, um die Ornamente zu schnitzen. Noch könne er gut sehen, noch habe er eine ruhige Hand. „Ich bin Optimist, dass dies lange so bleibt.“ Ein Haustempel steht in der Ecke der Werkstatt, er ist aus Lavastein gefertigt, reicht fast bis zur Wellblechdecke. Daneben ist eine Statue von Lakshmi, der Göttin des Glücks und Wohlstands, aufgestellt. „Wir sind gut beschützt“, sagt der Kunstschreiner und greift zu einem Messer. Er muss weiterarbeiten, der nächste Auftrag wartet. Die Nelkenkippe drückt er vorsichtig aus, legt sie in eine Ecke. Mithilfe von Lakshmi habe er genug Geld verdient, um seine vier Kinder großzuziehen und gut zu leben, erzählt er. „Den Göttern sei Dank.“