Reise

Die Größe des Herrn in der Grube preisen

Archivartikel

Die Felsenkirchen von Lalibela in Äthiopien zeugen von Baukunst und Gottvertrauen. Jedes der christlichen Gotteshäuser wurde aus dem Stein herausgeschlagen.

Holy rain!“ Addisalem Berhanu reckt sein Gesicht zum Himmel und begrüßt die Gabe des Herrn. Sprühregen netzt sein Gesicht, und für Addisalem ist dies ein heiliges Zeichen. In Lalibela bringt Regen den Segen. Die Feuchte weckt das Leben in den von der Hitze arg ausgedörrten Äckern. Jeden Tropfen erwarten die Menschen, die gut 670 Kilometer nördlich der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba im Gebirge leben, mit Sehnsucht. Auf den 20 Kilometern vom Flughafen in der Hochebene hinauf zu der an den schroffen Hang gebauten Pilgerstadt sieht der Besucher es mit eigenen Augen: Am Wegrand knabbern ausgemergelte Kühe an dornigen Sträuchern. Bauern reißen mit Holzpflügen, die ihre Ochsen durch die Furchen ziehen, die staubige Krume auf. Die Menschen wollen Felder bestellen und ebnen dafür an den Hängen Terrassen. Bäume krallen sich in den Steinmauern fest. Sie spenden spärlichen Schatten. Auf diesen Stufen im Hang pflanzen die Bauern Korn und Gemüse – wenn es denn endlich regnet.

Niederschlag, über den sich Addisalem so freut, gilt über dem Bergland Nordäthiopiens als Geschenk. Im Pilgerort Lalibela verbinden die heute knapp 20 000 Einwohner der im 13. Jahrhundert als „Neu-Jerusalem“ erbauten einstigen Hauptstadt Äthiopiens nahezu alles mit solch göttlicher Symbolik. Hierher wallfahren jedes Jahr Zehntausende orthodoxe Christen: zum Gebet, zum Fasten und zur Prozession oder um sich in eremitischen Klausen, die sie in die Felswände kratzen, von der Welt zurückzuziehen und sich nur noch dem religiösen Ritual zu ergeben.

In Lalibela zelebrieren die Gläubigen ihre Feste und Gottesdienste. Zugleich reisen Tausende Touristen zu den größten jemals aus dem Fels gemeißelten Monolithkirchen der Erde. Diese Bauwerke aus dem Mittelalter versetzen bis heute in Staunen. Seit 900 Jahren zählen sie zu den beeindruckendsten Gebäuden der Erde – obwohl niemand sie im wörtlichen Sinn je „baute“: Manch ein Kunstkenner schwärmt bei ihrem Anblick vom achten Weltwunder. Diese elf Kirchen sind jeweils aus einem einzigen Felsblock geschürft – vom Dach, das auf derselben Ebene liegt wie der Boden der Umgegend, bis hinab zum Grund in einer tiefen Grube.

Die gut zehn Meter hohen, die Kirchenschiffe tragenden Säulen, die Fensternischen, durch die das Licht auf Fresken und die Wände zierenden Gravuren fällt: Alles ist aus einem Block geformt, errichtet ohne ein einziges Gerüst, erzählt Addisalem: „Diese Kirchen sind ein Zeugnis der Genialität ihrer Baumeister, die quasi von hinten nach vorne dachten, um diese archaischen Gebäude mit all ihren erst auf den zweiten Blick sichtbaren Verweisen auf Bibeltexte oder historische Ereignisse zu erschaffen.“

Statt Stein auf Stein zu setzen, schälten die Erbauer diese Kirchen präzise aus dem Fels. Sie drangen durch Fenster ins Innere des Gesteins, das sie anschließend aushöhlten, während Baumeister-Kollegen an der Außenseite

Die Legende macht auch daraus einen Mythos. Sie erzählt, dass König Lalibela die Kirchen eigenhändig erschaffen habe – nur mithilfe von Engeln. Vermutlich waren es wohl eher doch Tausende Arbeiter oder Sklaven. Lalibela, zugleich König und Oberster Priester, hatte qua seiner Stellung unumschränkte Macht über sein Volk. So setzte er wohl seinen Plan mit der Fronarbeit der Bauern um.

Die elf einzigartigen Kirchen in Lalibela dagegen zeugen vom Glauben und der Kraft orthodoxer Frömmigkeit. Die Unesco schützt sie seit 1978 als Weltkulturerbe. Denn die inzwischen unter den Sohlen ungezählter Besucher abgewetzten Steinböden und Felswände drohten allmählich zu bröckeln. Daher überdachten Konservatoren die einzigartigen Kirchen mit Blechdächern auf mächtigen Stahlstützen. Dieser Versuch, einige der bedeutendsten Sakralbauten der Erde zu bewahren, mindert heute freilich ein wenig den Reiz der Monumente.

Die faszinierenden Kirchen künden, anders als andere Gotteshäuser im Rest der Welt, vom Ruhm Gottes nicht durch himmelstürmende Türme oder ausladende Kuppelgewölbe. Sie ducken sich eher bescheiden zwischen senkrechten Felswänden in tiefe Gräben. Um zum Eingang zu gelangen, muss sich ein Besucher in Lalibela oft über steile Stiegen hinabwagen und durch düstere und enge Gänge zwängen. Denn König Lalibela wollte seine Tempel einst nicht weithin sichtbar den in Nordafrika gegen sie anstürmenden Muslimen präsentieren. In der Erde wähnte er die heiligen Stätten besser gewappnet vor den Feinden.

Sicherheit war auch ein Motiv für seinen Plan, dem die Menschheit heute diese Felsenkirchen verdankt. Die frühen Christen in Äthiopien knüpften an ihre jüdischen Wurzeln an. Die Legende erzählt, dass Äthiopiens König Menelik als ein Sohn des Königs Salomon und der Königin von Saba die heilige Bundeslade aus dem Jerusalemer Tempel nach Abessinien entführte, wo sie noch heute im nahen Axum versteckt sei. Lalibela selbst habe die Stadt und die Kirchen nicht zuletzt auch deshalb bauen lassen, um seinen Landsleuten die beschwerliche und gefährliche Reise nach Jerusalem zu ersparen.