Reise

Die Insel der strickenden Männer

Archivartikel

Es sind die fleißig strickenden Männer, die sie bekannt gemacht haben – die winzige Insel Taquile auf der peruanischen Seite des Titicacasees. Dabei ist die Handarbeit nicht nur eine Schau für Touristen. Ein traditionelles Leben nach den Geboten der Inka ist den Insulanern noch immer heilig, sei es in Bezug auf Moral, Geschlechterrollen oder Trachten.

Sie liegt 45 Kilometer vor der Stadt Puno mitten im Titicacasee – Taquile, eine Insel von gerade mal 5,5 Kilometer Länge und 1,6 Kilometer Breite, deren höchster Gipfel 4050 Meter misst. In der Muttersprache Quechua der etwa 1700 Taquileños heißt die Insel Intika und wurde bereits im 15. Jahrhundert Teil des Inka-Reiches. Ob die Hauptbeschäftigung der Menschen schon damals Stricken und weitere Handarbeiten waren, sei dahingestellt, doch fest steht, dass Taquile als eines der letzten Gebiete im Hochland Perus von den Spaniern eingenommen wurde. Woraufhin die Einwohner es noch lange schafften, sich vor den Eroberern zu verstecken. Viel von dieser Zähigkeit und von ihrem Traditionsbewusstsein haben sie sich bis heute auf ihrer auto- und stromfreien Insel bewahrt.

„Willkommen auf der Insel der strickenden Männer!“, ruft der einheimische Maicu, was auf Quechua Adler bedeutet, den vom Boot steigenden Ankömmlingen zu. Alle, die ihn noch ungläubig ansehen, klärt er schnell auf: „Wir leben hier auf Taquile neben der Fischerei und dem Terrassenfeldbau von unseren Textilprodukten – bei uns sind es vor allem die Männer, die stricken!“ Er grinst, fügt noch hinzu: „Weben und spinnen tun sie auch!“

Um den Hauptort zu erreichen, geht es einen steilen Steinweg zwischen Terrassenfeldern hinauf und durch den „Bogen der Freundschaft“. Alle Einheimischen tragen traditionelle Trachten: die Frauen weite, knielange Röcke in Schwarz oder bunten Farben, die Männer überwiegend dunkle Stoffhosen mit breitem Gürtel, ein weißes Hemd und dunkle Joppen. Dabei waren traditionelle Trachten unter spanischer Kolonialherrschaft verboten, die Taquileños mussten die spanische Bauernkleidung übernehmen - von der auch ihre heutige Tracht abstammt. Etwas ganz Eigenes haben sich die Insulaner dennoch bewahrt: gemusterte, handgestrickte Mützen, die sie Chullos nennen, vervollständigen das Outfit.

„Die Mützen wärmen nicht nur, sie sagen auch etwas aus über den Beziehungsstatus und das Alter eines Mannes“, so Maicu. Verheiratete Männer würden besonders rote Mützen tragen, junge Männer weiße. Je bunter die Mütze sei, desto wichtiger sei außerdem ihr Träger. Und nicht nur das – die großen Chullos eignen sich auch wunderbar, um Cocablätter zu bunkern, welche die Männer manchmal unter der Kopfbedeckung hervorziehen und auf denen sie dann genüsslich stundenlang herumkauen.

Nun mag manch westlich geprägter Mann über die strickenden Taquileños die Nase rümpfen, doch die hohe Strickkunst der männlichen Insulaner geht in erster Linie auf feste Regeln der Geschlechterbeziehung zurück. „Als Zeichen gegenseitigen Respekts produzieren die Frauen die Kleidung für die Männer und die Männer die Trachten für die Frauen“, so Maicu. Dies wird mit viel Aufmerksamkeit fürs Detail und mit viel Hingabe erledigt, denn schließlich soll der oder die Liebste ja vernünftig aussehen. Maicus Tochter zeigt stolz, aus wie vielen Schichten ihr Rock besteht, der äußerlich einem etwas kurz geratenen, wallenden Ballkleid ähnelt. Jede Schicht entsteht in mühsamer Handarbeit, bis am Ende alles zusammengefügt wird. Kein Wunder also, dass sowohl Männer als auch Frauen bei so viel Arbeit selbst beim Spaziergang oder beim Plausch auf der Straße die Spindel nicht aus der Hand legen.

„Nur die Chullos, die stricken die Männer selbst“, klärt Maicu auf. Und wer nicht gerade für Partner oder Partnerin werkelt, tut dies für die Besucher. Mittlerweile spielt der Tourismus für die Taquileños eine nicht mehr wegzudenkende Rolle, und viele Gäste kehren mit einer Tüte voller handgemachter Mützen, Röcke, Blusen oder Taschen aufs Boot zurück. Immerhin gilt die Textilkunst Taquiles als so außergewöhnlich, dass sie 2005 in die Unesco-Liste der Meisterwerke des mündlichen und immateriellen Erbes der Menschheit aufgenommen wurde.

Auf der Insel braucht man keine Polizisten

Auf Taquile gibt es weder Hunde noch Katzen – und auch keine Polizei. „Wir leben nach der alten Inka-Regel ‚Ama suwa, ama llulla, ama qilla‘“, erklärt Maicu. Das bedeute, man solle nicht stehlen, nicht lügen und nicht faul sein. Das funktioniere wunderbar, also brauche die Insel keine Polizei. Besucher sind nur häppchenweise willkommen, meist als Tagestouristen, denn Hotels gibt es nicht und deren Bau ist streng untersagt. Wer dennoch eine oder mehrere Nächte auf Taquile bleiben möchte, kann in Form eines Homestay bei Einheimischen wohnen und dabei einen tieferen Einblick in den Alltag und die Gewohnheiten der Insulaner bekommen – oder seine Strick- und Spinnkenntnisse perfektionieren. Die Verständigung auf Spanisch ist dabei vor allem mit jüngeren Insulanern möglich, die Spanisch in der Schule lernen, denn ältere Generationen sprechen ausschließlich Quechua, was auch in den Familien die Standardsprache ist.

Das kreative Schaffen gipfelt jedes Jahr am 25. Juli in der Fiesta de Santiago zu Ehren des Schutzpatrons Taquiles, bei der man ausgelassen tanzt und schlemmt – vor allem Forelle aus dem Titicacasee mit Taquile-Kartoffeln von den Terrassenfeldern. Gleichzeitig steigt die Feria artesanal, eine Messe für Kunsthandwerk, bei der die schönsten Trachten zur Schau getragen werden und sich die Insulaner mittags auf dem Hauptplatz zur Zeremonie versammeln. Dann hüpfen vor der Kulisse des größten Süßwassersees Südamerikas Hüte mit hoch aufragenden, bunten Federn auf und ab, farbenfrohe Umhänge schwingen im Wind, man trommelt und bläst in Panflöten. Danach wird es wieder still auf der Insel, wo für gewöhnlich neben sanftem Wellenrollen höchstens mal das Klack-klack von Stricknadeln zu vernehmen ist.