Reise

Die Insel des Schweigens

Archivartikel

Die Insel Vilm bei Rügen wurde einfach von der Landkarte gelöscht. Jahrzehntelang war sie für Besucher gesperrt, denn hier urlaubten die hochrangigsten Politiker der DDR-Regierung. Heute freuen sich Biologen über die artenreiche Natur, die sich ungestört entwickeln konnte.

Wer zu DDR-Zeiten in Lauterbach am Hafen stand, hat sich vermutlich die Augen gerieben: Hier im Südosten Rügens sah man etwa drei Kilometer entfernt eine weitere Insel, ein flaches, bewaldetes Landstück, gut zwei Kilometer lang und schmal. Auf der Karte gab es diese Insel nicht. Stattdessen waren wellenförmige Linien eingezeichnet, als Zeichen für Wasser. Vielleicht hatte der Besucher Glück und ein Einheimischer kam vorbei und klärte ihn auf: dass er richtig sehe, dass dort eine Insel läge, mit Bäumen, von denen manche mehrere Hundert Jahre alt seien, dass die Insel Vilm heiße. Und vielleicht hätte er sogar erfahren, dass die Insel seit 1959 für Besucher gesperrt war, weil dort die alleroberste Riege der DDR- Politiker urlaubte, unter anderem Erich Honecker und Walter Ulbricht.

Auf der „Bonzeninsel“ gab es gutes Geld

Die Druckerei in Putbus, die die Wanderkarte der Insel Rügen druckte, musste nach einem Hinweis „von oberster Stelle“ die Insel Vilm aus der Karte entfernen. Den Anwohnern erzählte man, die Insel wäre aus Naturschutzgründen gesperrt. Die wussten es freilich besser. Allein schon, weil sie die Straßensperren miterlebten, wenn die hochrangigen Politiker im Sommer anreisten. Vilm bekam den Spitznamen „Bonzeninsel“. Mit Auswärtigen sprach man nicht gerne darüber: Der Autor Klaus Bossig erinnert sich an einen Rügen-Urlaub 1974, als seine Fragen nach der Insel nur ausweichend beantwortet wurden.

Noch heute ist man nicht besonders gesprächig, wenn es um die Rolle der Insel zu DDR-Zeiten geht. Wer auf der Insel gearbeitet hat – als Wachmann, Gärtner, in der Küche oder im Service -, will nicht reden.

Einer der nicht schweigt, ist Andreas Kuhfuß, Kapitän des Motorschiffes „Julchen“ und Gästeführer auf der Insel Vilm. Zweimal täglich darf er die Insel mit maximal 30 Besuchern ansteuern. Nur wenige Minuten dauert die Fahrt vom Hafen in Lauterbach aus. Kuhfuß führt die Gruppe rund um den nördlichen Teil der Insel. Ansonsten ist die Insel gesperrt – wieder einmal. Diesmal allerdings tatsächlich, um die Natur zu schützen. Vilm ist das zweitälteste Naturschutzgebiet in Deutschland. Auf der Insel darf ohne Genehmigung keiner anlegen oder baden. Das war mal anders: Bevor die DDR-Regierung die Insel 1959 sperren lies, stürmten an Spitzentagen bis zu 1000 Besucher die Insel und hinterließen Müll und Fäkalien, wie Gästeführer Kuhfuß erzählt. Wer heute auf Vilm weilt, geht sorgsam mit der Natur um: Mit der Wiedervereinigung wurde auf der Insel eine Naturschutzakademie eingerichtet. Hier arbeiten heute Biologen und wohnen die Gäste internationaler Tagungen in reetgedeckten Häusern, die sich gut in die Natur einfügen.

Für die Regierungsmitglieder gab es ein Gesellschaftshaus mit großem Festsaal, zudem Kegelbahn, Tischtennisplatte, Tennisplatz und Sauna. Ein Antennenmast sorgte dafür, dass sie nicht nur DDR-Fernsehen, sondern auch Westprogramme wie ARD und ZDF empfangen konnten. Etwas entfernt von der Siedlung lagen die Wirtschaftsgebäude. Auf der Insel gab es neben den Mitarbeitern der Küche auch Sicherheitskräfte, Feuerwehr und medizinisches Personal. Das alles erfährt man nicht von Zeitzeugen, sondern von Gästeführer Kuhfuß und aus Klaus Bossigs Buch „DDR-Führung auf Reisen“.

Ein betonierter Weg führt an der Siedlung vorbei. Hinter dem Gelände beginnt einer der ältesten und wertvollsten Naturwälder Deutschlands. Mehr als 500 Jahre lang konnte er sich weitgehend unbeeinflusst von menschlicher Nutzung entwickeln. Die Natur hat die Zeit genutzt: Allein 400 verschiedene Pflanzen- und Farnarten und 100 verschiedene Moos- und Flechtenarten wurden auf der Insel gezählt. Die uralten Bäume haben zum Teil einen Umfang von mehreren Metern und eine dicke Borke. Manche Äste schlängeln sich über viele Meter, ihre Enden verzweigen sich wie Pinzetten, die aussehen, als wollten sie ein Stück Altholz von dem grün zugewucherten Boden einklemmen. Die Insel und ihre beeindruckende Pflanzenwelt blieb auch den Romantikern nicht verborgen. In der Folge kamen in den vergangenen 200 Jahren über 350 Maler nach Vilm.

Was auf der Insel auffällt, ist die Stille. Man wird sofort gefangen genommen von diesem grünen Idyll, das freilich zwiespältig ist. Hier, wo die Wellen sanft plätschern und der Wind sachte weht, urlaubten Menschen, die den Schießbefehl an der innerdeutschen Grenze verantworteten und Folter in den berüchtigten Stasi-Gefängnissen tolerierten.

Auf Vilm beherrscht die Natur alles. Es gibt keine Ausstellung über die Rolle der Insel zu DDR-Zeiten, keine Informationstafeln. Hier dominieren die Bäume und zeigen, zu welch unglaublichen Leistungen sie imstande sind: wie die Buche, die bei einem Blitzeinschlag fast völlig zerstört wurde. Nur noch ihre Hülle war übrig, doch einer der Äste schlug Wurzeln. Einige Meter weiter eine 350 Jahre alte Buche, die ihre Krone verloren hat. Ein Ast wuchs im rechten Winkel nach oben und stabilisiert den Baum neu. Die Bäume lassen einen an die Menschen denken, die hinter einem politischen System standen, das mit der Wende für alle sichtbar seine Krone verlor. Die nach dem Ende der DDR ein neues Leben anfingen, dessen Stabilität vielleicht bei einem Gespräch über die alten Zeiten ins Wanken geraten würde.

Auf Vilm zu arbeiten, war lukrativ. Die Bezahlung soll gut gewesen sein, die Arbeitszeiten überschaubar, hört man. Und die Bindung zwischen den Angestellten und den Ministern soll teilweise eng gewesen sein.

Neben den alten Bäumen gibt es an vielen Stellen auf Vilm neues Leben, kraftvoll und unbelastet von dem, was war. Ein Neuanfang - in der Natur wie in der Geschichte. Die Natur findet selbst ihren Weg. Doch die Menschen brauchen die Chance, aus den Erfahrungen zu lernen, wie leicht man verführbar ist und welche Folgen das haben kann.