Reise

Die Macht des Pavians

Trotz des geschrumpften Siedlungsgebietes halten die letzten Jäger und Sammler in Tansania an ihren überlieferten Sitten fest: Um zu überleben, werden diese Bräuche auch interessierten Touristen demonstriert.

Respekt! Alle Welt kann es sehen: Shakua ist unter den Jägern und Sammlern seiner Stammesfamilie der erfolgreichste. Nur seinen Rücken schmückt das graubraune Fell eines Pavians. Alle Welt sind an diesem heißen Tag seine Großfamilie und ein gutes Dutzend neugieriger Europäer. Größere Beutetiere als Affen sind für die Volksgruppe der Hadzabe in Tansanias Norden selten geworden. Zebras und Giraffen sind aus der trockenen Region an den Rändern des Eyazi-Salzsees verschwunden oder ihre Jagd ist verboten, auch wenn die staatliche Macht schon mal beide Augen zudrückt.

Das Siedlungsgebiet der rund 1200 Hadzabe ist geschrumpft und trotzdem halten sie mit dem Segen der tansanischen Regierung an ihren überlieferten Bräuchen und Sitten fest. Aber um zu überleben, haben sich geschätzt 300 Hadzabe, die ihre Lebensweise konsequent an steinzeitlicher Vergangenheit orientieren, darauf eingelassen, diese interessierten Touristen zu demonstrieren.

Shakua nimmt diese Aufgabe sehr ernst. Auch wenn die Hadzabe kein Häuptlingssystem kennen, so verleiht ihm das Pavianfell eine beträchtliche Autorität. Hadzabe-Männer, die mit Pfeil und Bogen einen Pavian erlegt haben, genießen das Recht der freien Wahl unter den Schönen ihres Stammes. Diese aber bleiben den Blicken der Besucher zunächst hinter hoch aufragenden Felswänden verborgen. Die Männer und Shakuas noch minderjähriger Sohn Han’kar’me haben sich um eine winzige Feuerstelle geschart. Musterpfeile machen die Runde: Für das Kleingetier wird nur das Akazienholz zugespitzt, für die größeren eine eiserne Spitze aufgesteckt und für die gefährliche Beute werden sie sorgfältig mit dem giftigen Saft der Wüstenrose eingeschmiert. Auch die Bögen liefern die Akazien, die das Landschaftsbild nicht nur weiter Teile Tansanias, sondern ganz Ostafrikas prägen.

Müßiggang ist bei den Hadzabe verpönt

Für die besinnlichen Momente in ihrem Alltag greifen auch die Hadzabe auf tönerne Pfeifen zurück, die mit reichlich Gras und wahrscheinlich auch einer Prise Hanf gestopft sind. Aber alle Beschreibungen dieser Volksgruppe betonen, dass die Hadzabe nicht dem Müßiggang frönen, sondern dass Jagen und Sammeln ihren Tag vom Sonnenaufgang bis zur Dunkelheit bestimmen. Alle ihre Aktivitäten dienen dem Gemeinwohl. Die Beute und die gesammelten und aus dem Boden oft mühsam ausgegrabenen Erdfrüchte werden geteilt. Und die Hadzabe-Frauen? Sie ziehen junge Hadzabe auf, basteln Arm- und Handbänder, fertigen fantasievolle Ketten an und verschönern Becher und Schalen so, dass sie auch den Besuchern aus fernen Ländern gefallen. Den ausgehandelten Preis, ob in tansanischen Schilling oder amerikanischen Dollar, liefert der Käufer bei Shakua ab, der einen prüfenden Blick auf die bunten Scheine wirft und das Geldpäckchen sodann der Frau aus seiner Großfamilie überreicht, die den gekauften Gegenstand angefertigt hat.

Die Hadzabe sind Nomaden, auch wenn ihr Aktionsradius begrenzt ist. Das Gebiet, durch das sie ziehen, entspricht grob einer Fläche von 40 mal 100 Kilometern. An den jeweiligen Standorten bauen sie kleine Rundhütten, für deren Bau sie Zweige und Gras verwenden. Sie häufen keinen Besitz an, denn der würde sie auf ihren Wanderungen nur behindern. Sie leben in und von der Natur. Sie ernähren sich von ihr und sie nutzen sie auch im Krankheitsfall. Naturvölker wie die Hadzabe sind auch stets ein willkommenes Forschungsobjekt für Ernährungsexperten, und siehe da: Ihre Ernährung gilt als ausgewogen und allemal gesünder als die ihrer Nachbarn, die vom Ackerbau leben.

Höhepunkt des Besuchs bei den Hadzebe ist die gemeinsame Jagd, besser die Begleitung der jagenden Hadzabe. Shakua fackelt nicht lange, als die Jagdgesellschaft über steiniges Gelände einen Hügel erklimmt. Auf den Bäumen rundherum lassen sich Vögel nieder und vor allem die Tauben gelten den Hadzabe als zwar kleiner, aber willkommener Leckerbissen. Mit traumwandlerischer Sicherheit wird eine dieser Tauben mit sicherem Pfeilschuss erlegt. Den finalen Schlusspunkt für das Leben dieser Taube setzt Shakua auf eine Weise, die bei einigen Besuchern leichtes Entsetzen auslöst: Er beißt ihr die Kehle durch.

Am Ende des einstündigen Jagdganges erfolgt die Lektion: Verarbeitung des Jagdguts und der Genuss. Während Shakua seinen Sohn auffordert, Reisig zusammenzusuchen, machen sich zwei Stammesmitglieder daran, unter einem Strauch, der ihnen einen reichen Fund zu versprechen scheint, nahrhafte Wurzelknollen auszugraben. Ein Feuer ist schnell entfacht (natürlich ohne Hilfsmittel unserer Zivilisation), mehrere Tauben werden in die Glut geworfen und auf einem improvisierten Tisch aus Sisalblättern in kleine Portionen essfertig zubereitet. Dem einen oder anderen Besucher fehlt zwar ein wenig Würze, aber das Fleisch ist auf den Punkt gebraten.

Auf der Rückfahrt geht es wieder vorbei an den großflächigen Zwiebelplantagen der Region. Der Boden, reichlich bewässert, eignet sich um Mangola herum besonders gut für Zwiebeln. Tonnenweise werden sie sogar nach Kenia exportiert. Und: Sie hätten auch ganz gut zum Taubenmahl der Hadzabe gepasst.