Reise

Auf Salina ist Hektik ein Fremdwort. Nur eine will sich nicht an die gemütliche Langsamkeit halten: Die Kaper. Dabei ist sie ansonsten prägend für die zweitgrößte der Äolischen Inseln vor Sizilien.

Die Orchidee des Aiolos

Schon Odysseus wurde von Aiolos gastfreundlich in Empfang genommen. Etwa einen Monat lang bewirtete der Gott des Windes den Helden der griechischen Mythologie, bevor er ihn mit einem milden Westwind wieder in seine Heimat Ithaka blies. Das klappte allerdings nicht so gut, die naiven Gefährten des Odysseus öffneten den geschenkten Schlauch mit den anderen Winden und die Odyssee fand doch noch kein Ende.

Auf die Gnade des Aiolos ist man heute nicht mehr angewiesen. Einer Odyssee gleicht die Reise auf die Äolischen Inseln, die nördlich von Sizilien liegen, auch nicht. Flinke Aliscafi, Tragflügelboote, gleiten wie Wasserspinnen über das Meer und bringen ihre Passagiere in etwa eineinhalb Stunden von Milazzo beispielsweise nach Salina. Nicht nur Sizilien verblasst während der Fahrt am Horizont, die ganze Welt scheint am Hafen zurückzubleiben. Eine gemütliche Langsamkeit scheint über der Insel zu schweben, wie der Nebel, der sich früh morgens gerne zwischen den grün bewachsenen, lange erloschenen Zwillingsvulkanen niederlässt.

Salina ist nach Lipari die zweitgrößte der Äolischen Inseln. 2500 Einwohner zählt sie, rund 900 von ihnen leben in Malfa, einer der drei Inselgemeinden. Nach spätestens zwei Tagen gehört man hier zum Inventar. Die wenigen Menschen, die sich gen Nachmittag zum Café, Gelato oder Aperitivo auf der kleinen Piazza vor der ockerfarbenen Kirche zusammenfinden, grüßen bereits und die Kinder kicken einem auffordernd ihren Fußball zu.

Was man auf Salina nicht findet, ist Hektik. Auch nach Lärm wird man vergebens suchen. Dafür sind nicht nur die Winde, sondern auch die sagenhafte Gastfreundschaft und Bewirtungsfreude des Aiolos noch immer gegenwärtig. Martina Caruso ist 28 Jahre alt. Als sie vor zwei Jahren einen Stern des Guide Michelin verliehen bekam, machte sie das zur jüngsten Sterneköchin Italiens. Auch darum wird hier nicht viel Aufsehen gemacht. Geduldig führt die junge Frau ihre in Kochschürzen gekleideten Gäste in die Geheimnisse der Küche Salinas ein.

Was typisch für ein Inselgericht ist? „Die Kaper natürlich“, sagt Caruso, während sie aus ebendieser, gerösteten Mandeln, wildem Fenchel, Olivenöl und inseltypischen Rosinen ein köstliches Pesto zubereitet. „Wir benutzen die Kaper sogar für süße Speisen zum Nachtisch“, erklärt die Köchin. Doch wie die meisten Bewohner Salinas verliert auch Martina Caruso keine unnötigen Worte. Sie zeigt ihren Schülern einfach, welche Gemüse in kleine Würfel geschnitten werden müssen, um eine echte Caponata, zu deutsch etwa Ofengemüse, zuzubereiten. So werden in der offenen Küche auf der unteren Terrasse des „Hotel Signum“, das von Carusos Eltern geleitet wird, nun fleißig Auberginen, Paprika, Zwiebeln und Sellerieherzen gestückelt und anschließend in den Ofen geschoben. Neben Zucker, Essig, Öl und Salz darf auch bei der salinischen Caponata eine Zutat nicht fehlen: die Kaper.

Man nennt sie auch die Orchidee der Äolischen Inseln. Die Kaper ist neben der Malvasia-Traube, dem Rohstoff des berühmten bernsteinfarbenen Weißweins mit ordentlich Restsüße, der kulinarische und auch wirtschaftliche Schatz Salinas. Sowohl die Blütenknospe der Kaper als auch die Frucht der Pflanze, der Kapernapfel, wird länger in Salzlake und Essig eingelegt, um sie für die typischen Speisen genießbar zu machen. Geerntet werden die Kapern noch von Hand, wie man bei Kapernbauer Salvatore d’Amico, einem Slow-Food-Veteran, in seiner Azienda in dem kleinen Ort Leni am anderen Ende der Insel, erfährt.

Aber die Sträucher mit den ovalen festen Blättern, die von lilafarbenen Adern durchzogen, sind, wachsen fast überall auf der Insel, quellen vornehmlich aus den Ritzen der Steinmauern. Denn nicht Aiolos ist es, der ihre Samen weiterträgt, sondern vor allem die hier heimische Eidechse. Mit viel Glück erspäht man im Frühsommer sogar die zarte weiße Kapernblüte mit ihren gesträubten violetten Staubgefäßen. Denn die Kaper scheint das Prinzip der Langsamkeit als einzige Inselbewohnerin nicht verinnerlicht zu haben und legt eine für Salina untypische Hektik an den Tag: Wenn sie sich morgens öffnet, ist sie mittags schon wieder verblüht.

Zum Thema