Reise

Die Schöne an der Mottlau

Archivartikel

Im polnischen Danzig ist die Silhouette der prächtigen Altstadt jetzt wieder komplett.

Der Weg bis in 80 Meter Höhe ist etwas mühsam. Steigt man indessen über die letzten Holzstufen durch die schmale Tür am Ende der Treppe hinaus auf den zentralen Umlauf des Rechtstädtischen Rathausturms, so öffnet sich ein Rundumblick wie in einem prächtig ausgestatteten Geschichtsbuch. Danzigs Altstadt, mit der stets belebten zentralen Langgasse und dem Langen Markt, liegt direkt unterhalb.

Polens Restauratoren haben hier schon vor der Wende ganze Arbeit geleistet. Nicht nur der fotogene Neptunbrunnen vor dem weiß getünchten Artushof, die gotische Marienkirche, eine der größten Hallenkirchen der Welt, das große Zeughaus aus der Renaissance und natürlich das markante hölzerne Krantor an der Mottlau sind wieder entstanden, wie sie in der Frühen Neuzeit ausgesehen haben mögen. Auch die Ruinen der Bürgerhäuser an der Langgasse und in den Nachbarstraßen wurden liebevoll und detailreich rekonstruiert. Heute schlendern wieder mehr als drei Millionen Touristen über das Kopfsteinpflaster, auf dem einst Daniel Gabriel Fahrenheit, Arthur Schopenhauer, Günter Grass, Klaus Kinski oder Rupert Neudeck unterwegs waren. Tendenz: rapide steigend.

Nach der Vertreibung der überwiegend deutschen Bevölkerung 1945 und gegen den Willen der sowjetischen Führung umgesetzt, ist das sanierte städtische Gesamtkunstwerk auch ein Beweis für den Eigensinn der Danziger. Der wird bei fast jeder Gelegenheit deutlich, wenn man genau hinhört. Vom Nationalismus der Zentralregierung in Warschau wollen die Danziger nichts wissen, sie geben sich weltoffen und kosmopolitisch.

Auch im Stadtmuseum unter dem Turm mit seinen prächtigen Repräsentationsräumen wird Danzigs schwierige wie eindrucksvolle Geschichte in Polnisch, Englisch und Deutsch so unprätentiös aus universeller Perspektive aufgearbeitet, dass für Ressentiments, aus welcher Richtung auch immer, kein Platz bleibt. „Wir Danziger haben immer unsere eigene Position bezogen“, sagt dazu Lukasz Wysocki, Präsident der städtischen Tourismus-Organisation. In der Stadt, die jahrhundertelang ein Eigenleben als Stadtrepublik führte – zuletzt von 1920 bis 1939 –, widerspricht man gerne auch der polnischen Zentralregierung. Dass die Weltklimakonferenz 2018 ausgerechnet im ehemaligen Kohlerevier von Katowice stattfand, gilt Danzigern als Affront. Und von der Zentralregierung fühle man sich im Tourismus-Marketing übergangen, sagt Wysocki unumwunden.

Wer die Stadt verstehen möchte, der muss zwei Ausflüge aus dem aufgeräumten und etwas kulissenhaft wirkenden Zentrum unternehmen. Das Europäische Solidarnosc-Zentrum auf dem alten Werftgelände erinnert in modernster Museumsarchitektur und mit multimedialen Installationen an den Aufstand der Werftarbeiter 1980, der letztlich das Ende des Warschauer Paktes einläutete.

Ungeschminkt zeigen Bilddokumente, Artefakte und Zeitzeugenberichte, wie die Polen unter der eisernen Hand der Sowjetunion leben mussten. Und wie viel Mut es brauchte, dagegen aufzustehen. Seit 2017 erinnert ein zweites hochmodernes Museum in einem 40 Meter hohen, schräg gestellten Kubus an den Beginn des Zweiten Weltkriegs auf der Westerplatte. „Wir zeigen den Krieg aus der Perspektive der Zivilbevölkerung“, erzählt Gründungsdirektor Pawel Machcewicz. Die Schrecken der deutschen und später russischen Besatzung stehen im Mittelpunkt. Aber die Ausstellung bemüht sich immer wieder um Parallelen zu anderen Kriegsschauplätzen wie der japanischen Besetzung Chinas.

Die Folgen des Zweiten Weltkriegs, mit einem Zerstörungsgrad von 90 Prozent, hatten die Bewohner der Stadt lange drastisch vor Augen. Auf der Speicherinsel, gegenüber der herrlichen Altstadtfront mit dem Krantor, klaffte bis 2015 eine riesige Baulücke. „Loch der Schande“, nennt es Natalia Nowak, die zusammen mit ihrem Vater Zbigniew hier einen modernen Hotelkomplex für die Radisson-Gruppe realisiert hat.

Die Formen und Proportionen entsprechen denen der alten Getreidespeicher. Auch die letzten stehenden Mauerreste wurden sorgsam einbezogen. Die unaufgeregt skandinavische Inneneinrichtung mit Tresen und Lampen aus Ostsee-Bernstein akzentuiert. Jahrelang hatte ein US-Hedgefonds das Projekt verschleppt. Schließlich griff die Familie Nowak binnen drei Tagen zu.

Das größte Kapital ist der einmalige Blick. Von den Zimmern zum Fluss, auf dem nachgebaute Hansekoggen, Seekajaks und schwimmende Autos unterwegs sind, liegen den Gästen 500 Jahre Geschichte im wahren Sinne zu Füßen. Wenn morgens die Stadt im Licht der ersten Sonnenstrahlen noch im Dämmerschlaf ruht, könnte man meinen, vom gegenüberliegenden Kai Günter Grass’ Blechtrommel schlagen zu hören.