Reise

Die weiße Stadt

Archivartikel

Rund 4000 Häuser bilden zusammen das Unesco-Weltkulturerbe in Tel Aviv. Ein Großprojekt der 30er und 40er Jahre,das auch vom Bauhaus beeinflusst war.

Stadt der Balkone – so wurde Tel Aviv einst genannt. Völlig zu Recht, wie die Häuser in den schmalen Straßen rund um den Dizengoff-Platz zeigen. Balkone schlingen sich dort wie lange Bänder um die Fassaden, schwingen sich elegant im Halbrund um die Hausecke. Es ist Wochenende, Menschen sitzen draußen, lesen Zeitung. Zwischen parkenden Autos schleichen Katzen umher. Die Sonne strahlt auf das Frühlingsgrün der Bäume, die den Wohnhäusern Schatten spenden.

In den 1930er und 40er Jahren wurden die Gebäude errichtet - und ihre Balkone zu einem Symbol für die liberale Stadt. Juden, die damals vor den Nazis geflohen waren, mussten bis dahin eine möglichst unauffällige Existenz führen. Der Balkon zur Straße bot ihnen plötzlich ein neues Lebensgefühl: Man sieht und lässt sich sehen.

Einwanderer brachten die Architektur mit

Einwanderer waren es auch, die die Ideen europäischer Avantgarde-Architekten nach Tel Aviv brachten. So ist in den 1930er und 40er Jahren die Weiße Stadt entstanden, eine weltweit einzigartige Ansammlung von 4000 Häusern. Sie sind meist nur wenige Stockwerke hoch, haben flache Dächer, Fensterbänder, schlichte, helle Fassaden – und Balkone.

Doch nicht nur neue Baulehren, auch das Material kam mit den Menschen in die Stadt ans Mittelmeer. Etwa die braunen Kacheln, die eine Haustür in der Yael-Straße einrahmen und gar nicht hierher passen wollen. Sie und vieles andere gelangte durch das Haavara-Transfer-Abkommen nach Palästina, das das Reichswirtschaftsministerium in Deutschland 1933 mit Vertretern des Zionismus geschlossen hatte. Dadurch konnten jüdische Auswanderer einen Teil ihres Geldes in Form deutscher Waren und Baumaterialien mitnehmen – auch wenn sie dabei viel von ihrem Vermögen verloren und zudem die deutsche Exportwirtschaft unterstützten. Bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges wurden auf diese Weise Güter im Wert von rund 140 Millionen Reichsmark importiert: Neben Kacheln auch Holztüren, Fensterrahmen und Briefkästen, die man heute noch an vielen Häusern entdecken kann. Damals entwickelte sich die Stadt rasant. Zunächst war das 1909 gegründete Tel Aviv nur ein Vorort von Jaffa. 1920 hatte es rund 2000 Einwohner, 1925 bereits 34 000, 1948 waren es eine Viertelmillion, wie Micha Gross erklärt. Er ist Mitbegründer des Bauhaus-Center, das sich seit 2001 mit dem baukulturellen Erbe der Stadt beschäftigt, Ausstellungen zum Thema zeigt und Architekturspaziergänge durch die Weiße Stadt anbietet.

Bei einem solchen Rundgang sieht man viele Häuser im sogenannten Internationalen Stil, der verschiedene Einflüsse vereint: Er verzichtet auf regionale Bezüge und schmückende Ornamente, bevorzugt kubische Formen, orientiert sich an Funktionalität und basiert auf den neuen Möglichkeiten, die Stahl und Beton eröffneten.

Ein paar der Architekten, die die Häuser planten, hatten tatsächlich am Bauhaus in Deutschland studiert, wie zum Beispiel Arieh Sharon. Andere kamen aus den Büros von Le Corbusier in Frankreich oder waren von der belgischen und niederländischen Architektur beeinflusst – und von Erich Mendelsohn. Er führte in den 1920er Jahren ein erfolgreiches Architekturbüro in Berlin, plante unter anderem für die Gebrüder Schocken Kaufhäuser in Nürnberg, Stuttgart und Chemnitz. Mit dem Hadassah-Krankenhaus, der Villa für den ersten israelischen Staatspräsidenten Chaim Weizmann und anderen Bauwerken hat Mendelsohn Spuren in Israel hinterlassen.

Unter dem Namen „Weiße Stadt“ zählen die rund 4000 Häuser seit 2003 zum Unesco-Weltkulturerbe. Allerdings war sie zu diesem Zeitpunkt schon längst nicht mehr weiß, sondern in schlechtem Zustand. Auch heute sieht man noch viele graue und bröckelnde Fassaden. Löcher sind mit Wellblech geflickt. Manche haben an ihre Balkone Plastikdächer montiert, Klimaanlangen hängen an den Außenwänden. Man kann aber auch viele sanierte Häuser entdecken. Etwa am Rothschild-Boulevard: Wer auf dem breiten Gehweg unter den Bäumen spaziert und an einem der vielen Kioske auf einen Kaffee Platz nimmt, kann nicht nur das Leben in der Stadt, sondern auch viele Fassaden betrachten, die in frischem Glanz erstrahlen. Der Dizengoff-Platz ist erst seit Kurzem wieder ein Schmuckstück. Micha Gross vom Bauhaus-Center nennt ihn sogar seinen Lieblingsplatz. Hier lag seit den 1930er Jahren das Herz der Weißen Stadt mit Kino und Kaffeehäusern. Mit zunehmendem Verkehr und einer neuen Fußgängerbrücke, die die Gehsteige darunter verschattete, war er irgendwann nur noch eine Durchgangsstation. Inzwischen hat die Stadt die Brücke abgebaut, den Verkehr reduziert und den Platz restauriert. Auch die Häuser, die ihn mit ihren halbrunden Fassaden säumen, wurden renoviert. Das Kino dient heute als Hotel, in dessen elegantem Foyer man alte Filmapparate sehen kann. Die Cafés am Platz sind gut besucht und rund um den Brunnen in der Mitte trifft man sich.

4000 Häuser zu erhalten – davon sind 2000 denkmalgeschützt –, ist eine gigantische Aufgabe. Der Großteil ist in Privatbesitz. Das White City Center, das im September als deutsch-israelisches Zentrum für denkmalgerechtes Bauen und Sanieren eröffnet, soll künftig eine Anlaufstelle für Eigentümer sein. Das Gebäude wird mit Unterstützung des deutschen Bundesbauministeriums saniert. Gerade sind die Handwerker dabei, die zu verputzen: ein Team aus fünf baden-württembergischen Auszubildenden und fünf Fachleuten aus Israel. Dass hier gemeinsam gearbeitet wird, dient dem Wissenstransfer, denn in Israel gibt es keine duale Ausbildung. Maximilian Friedel, der in Stuttgart seine Ausbildung macht, ist begeistert vom Projekt: „Für mich ist es eine Ehre, dass ich an einem Bauhaus-Gebäude mitarbeiten darf.“