Reise

Dunkle Berge, blaues Meer

Archivartikel

Montenegro, Partnerland der CMT, bietet eine schier unglaubliche Landschaftsvielfalt. An der Adria findet man geschichtsträchtige Hafenstädte und den größten Fjord des Mittelmeers. Abseits der Küste existiert eine ruhigere Welt mit Wäldern, See und zerklüfteten Bergen.

Die Bucht von Kotor ist ein gewaltiger Fjord, der durch tektonische Kräfte entstand. Hier befindet sich die kleinste Insel des Landes. Sie verdankt ihre Existenz nicht der Tektonik, sie entstand durch Steinewerfer. Strecko Majic ist so etwas wie der Chef der Insel, die nur 3000 Quadratmeter misst. Mit Hemd, Schlabberhose und in Pantoffeln steht der grauhaarige Mann am Kai und beobachtet mit Wohlwollen, wie fast im Minutentakt kleine Boote anlegen. Manche der Besucher eilen auf den Mittsiebziger zu und küssen ihm die Hand.

Als Priester von Perast ist Majic seit 25 Jahren auch für die künstliche Insel „Maria vom Felsen“ mit ihrer Wallfahrtskirche zuständig. Ihr Gebetsraum mit Tausenden silbernen Votivtäfelchen an den Wänden ist bei Einheimischen wie Touristen ein beliebtes Ziel. „Vergangenes Jahr hatten wir hier 27 Hochzeiten und 15 Taufen“, sagt der Geistliche stolz und auf Deutsch. Höhepunkt des Jahres aber ist der 22. Juli. An diesem Tag fanden 1452 zwei Fischer auf einer winzigen Felsspitze im Meer ein Bildnis der Madonna. Im Lauf der Jahrhunderte schufen Gläubige durch das gezielte Versenken von Felsbrocken dort eine künstliche Insel, die noch heute weiterwächst. Jedes Jahr macht sich in der Abenddämmerung des 22. Juli eine Prozession beleuchteter Fischerboote auf den Weg zur Insel. Bei der „Fainada“, an der nur Männer aus Perast teilnehmen dürfen, werden rund um die Insel Steine versenkt und Blumen gestreut. In der 30 Kilometer langen Bucht von Kotor ist fast jeden Tag eine Schiffsprozession der anderen Art zu beobachten. Durch eine nur 300 Meter breite Meerenge schieben sich zehnstöckige Schiffe. Wenn der Bug eines dieser gewaltigen Kreuzfahrtschiffe am kurzen Kai der Stadt Kotor festmacht, verdunkelt sich der Himmel und die Perspektive verschiebt sich. Und wenn dann noch zwei weitere Schiffe ihre Anker werfen, gibt es wenig später in den Gassen der Altstadt kaum ein Durchkommen mehr.

Von 1420 bis 1797 unterwarf sich Kotor der Herrschaft Venedigs, um der drohenden Invasion durch die Osmanen zu entgehen. Heute erlebt sie täglich den massiven Einfall von Touristen aus aller Welt, obwohl die Zahl der Kreuzfahrtschiffe auf 450 im Jahr und maximal drei pro Tag begrenzt wurde. Der Stadtführer Norman Renas, der nach seiner Heirat mit einer Montenegrinerin von Berlin nach Kotor übergesiedelt ist, sieht den Rummel gelassen: „Wir leben vom Kreuzfahrttourismus.“ 25 Kilometer südlich ist in Budva zu besichtigen, was der Tourismus mit einer anderen alten Hafenstadt gemacht hat. Budva, einst der südlichste Zipfel des Habsburger Reichs an der Adria, hat vieles überstanden. Nach einem verheerenden Erdbeben, das am 15. April 1979 alle Küstenstädte Montenegros heimsuchte, wurde die zu über 30 Prozent zerstörte Altstadt Stein für Stein wiederaufgebaut. Doch dann begann mit dem Tourismus der Bauboom. Heute wuchern hier Hotelzweckbauten der hässlicheren Art. Keine Baulücke bleibt verschont. Der Massentourismus aus Serbien, Russland und zunehmend aus England und Deutschland braucht Platz. Die Investoren stehen Schlange. Spötter meinen, Montenegro sei nicht das Land der schwarzen Berge, sondern der schwarzen Kassen.

Doch es gibt nahe Budva auch Schönes zu entdecken. Wer mit dem Ausflugsboot nach Süden fährt, findet das wohl bekannteste Fotomotiv Montenegros: Sveti Stefan. Auf der winzigen Insel durften sich einst zwölf Familien ansiedeln, die sich im Kampf gegen die Osmanen hervorgetan hatten. Deren Nachkommen wanderten Ende des 19. Jahrhunderts alle aus. Menschenleer blieb die Insel, die längst über einen Damm mit dem Festland verbunden ist, nicht lange. Heute ist die Insel von einer Luxushotelkette aus Singapur gepachtet und ein exklusives Ziel für Superreiche.

Das andere, unbekannte Montenegro beginnt unmittelbar hinter Kotor, wo eine spektakuläre Serpentinenstraße in 26 Spitzkehren zum Krstac-Pass und ins Hochland zur alten Königsstadt Cetinje führt. Die schmale Straße ist dem heutigen Verkehr kaum gewachsen. Fast in jeder Kurve heißt es zurückrollen bis zu einer Ausweichstelle. Der erzwungene Zwischenstopp lohnt sich aber nicht nur wegen des Blicks zurück auf die Bucht von Kotor. Am Fuß der Passstraße hat ihr Konstrukteur Josip Slade bei der Fertigstellung 1884 ein unübersehbares Zeichen seiner Liebe hinterlassen: Die Straße zeichnet ein großes „M“ in den Hang. Es steht für die von Slade angebetete Königin Milena. Wen wundert es, dass der Baumeister aus Kroatien bei König Nikola I. in Ungnade fiel. Der König, der 1918 selbst fliehen musste, widmete sich vor allem der Heiratspolitik. Dank seiner zwölf Kinder knüpfte er Familienbande zu den Fürstenhöfen in England, Italien, Deutschland und Russland und wurde zum „Schwiegervater Europas.“

Ganz im Norden des Landes liegt der Nationalpark Durmitor mit 48 Gipfeln über 2000 Metern. Schwarze Berge, die Montenegro den Namen gaben, findet man hier nicht. Die Gipfel über den Almwiesen leuchten dank der verkarsteten Kalkfelsen weiß. Die typischen Holzhütten mit den bis zum Boden gezogenen steilen Dächern lassen erahnen, dass hier im Winter das Weiß des Schnees dominiert. Noch ist dieses Paradies rund um die Kleinstadt abljak und den Crno Jezero, den schwarzen See, ein Geheimtipp für Naturliebhaber, Wanderer und Biker.

Viel beschaulicher geht es im Süden des Landes bei einer Bootsfahrt auf dem Skadar-See zu, durch den die Grenze zu Albanien verläuft. Mit ruhiger Hand steuert Kapitän Andrija sein Boot „Milica“ von Virpasar aus durch die Kanäle und die dichten Teppiche aus Wasserlilien. Im Vorbeigleiten fischt er ein paar Blätter der Wasserkastanie, öffnet mit dem Taschenmesser die Knollen und serviert die Früchte auf der Handfläche. „Montenegrinisches Viagra“, sagt Andrija und grinst. Schmeckt, na ja, wie Kohlrabi.