Reise

Naturpark Lechtal Auszeitdörfer haben sich den Charakter und Charme Tirols bewahrt

Durchatmen und neue Kraft schöpfen

Wer sich auf den Lech einlässt, erlebt ihn mal wild, dann wieder zahm. Das ist schon immer so. Früher wurde er gefürchtet, sogar gehasst. Kein Wunder, denn mit seinen Überschwemmungen überflutete er Straßen und verdarb die Ernte der Bauern. Immer wieder wurde er in seine Schranken verwiesen. 2005 richtete er das letzte Unheil an. Die Klimmbrücke über dem Lech wurde komplett zerstört. Das Umdenken begann. Neue Projekte wurden entwickelt. Und dabei die Gesundheit nicht vergessen. Neu ist die „Lebensspur Lech“, ein EU-Förderprojekt und grenzüberschreitende Kooperation der Lechtaler und Füssener.

Sich treiben lassen, das ist die schönste Art so einen Fluss zu erkunden. Einfach abwarten, wohin der Zufall einen führt. Naja, vielleicht nicht ganz ohne Plan. Denn alle Wege am Lech sind ausgeschildert, für den Wanderer und den Fahrradfahrer. Zur Ruhe soll man hier kommen.

Vielleicht schon in Holzgau? Das Dorf der Lüftlmalerei ist ein offenes Museum. In den spätbarocken Fassaden- und Freskenmalereien verbergen sich Geschichten und Ideen, von denen man nicht einmal ahnte, dass es sie überhaupt gibt. Es ist ein stiller Ort. Der Kneipp-Wanderweg führt in den angrenzenden Wald. Erste Ideen der Lebensspur wurden bereits umgesetzt. Direkt neben einem plätschernden Bach stehen Holzbänke, die zum Ausruhen einladen. Weiter höher kommt man nach Gramais, Hinterhornbach, Pfafflar und Kaisers. Auszeitdörfer werden sie genannt, weil sie ihren ursprünglichen Tiroler Bergdorfcharakter beibehalten haben. Oder weil, die Zeit hier einfach stehen geblieben ist. Viele dieser Höfe sind Jahrhunderte alt, dazu ununterbrochen im Besitz der Familie. Aber nicht alle. Die Jungen wanderten auf der Suche nach Arbeit aus. Die Häuser wurden einfach vergessen. Die Dörfer drohten auszusterben.

Der kleinste Ort ist Gramais. 41 Menschen leben hier. Es gibt keinen Supermarkt, kein Kino, dafür einen Bürgermeister, einen Gemeinderat, ein Gemeindeamt, einen Gasthof und eine Kirche. Claudia und Hubertus haben ein Fichtenhaus und ein alpintouristisches Angebot für Bergsteiger. Hier oben auf über 1300 Meter Höhe funktioniert kein Handy. Das schert die Gäste nicht. Dafür schlägt zu jeder vollen Stunde die Kirchturmuhr. Die Frühaufsteher gehen pünktlich um 7 Uhr, mit einem Handtuch unterm Arm, hinunter zum Gumpen, und steigen in das acht Grad kalte Wasser. „Das Wasser kommt aus dem Otterbach, einem Zufluss zum Lech. Wir nennen ihn unseren wilden Whirlpool“, sagt Claudia. Um diese Zeit kümmert sie sich um Nachbars Schwarznasen Schafe und bildet Huskys aus. „Die Technik muss stimmen, damit eine optimale Kraftübertragung für das gemeinsame Gehen mit den nordischen Hunden gelingt.“

Christoph Eisnecker vom Landgasthof Adler in Hinterhornbach kann ähnliches erzählen. Der 300-jährige Gasthof ist seit Generationen im Familienbesitz. Ein typisches Bauernhaus mit großem Naturgrundstück. Die Fotos im Bauernzimmer zeigen: Hier wurde und wird gearbeitet und die Besitzer machen es den Gästen im Haus schon immer richtig behaglich. Während er kocht, kümmert sich die 90-jährige Großmutter täglich drei Stunden um den Kräutergarten. Die gesunde Lebensweise färbt ab. Morgens laufen einige Gäste barfuß über die Wiese und duschen unter einem Wasserfall im Hornbach, ebenfalls ein Zufluss des Lech. Auf Strom, fließend Wasser oder sanitäre Anlagen muss hier keiner verzichten. „Die Gäste wollen ihr Immunsystem stärken. Basierend auf der Gesundheitslehre von Kneipp, aber dass muss ich denen nicht erzählen. Das machen die von selbst“, erzählt Christopher Eisnecker.

Die Biologin Yvonne Markl hat in ihrem Naturparkhaus Klimmbrücke in Elmen schon seltsame Dinge gesehen. Nach einem Sommergewitter donnerten Wassermassen, die sich zu einer Walze zusammenzogen, wild und ungestüm über das Flussbett. „Plötzlich fühlten wir uns, als wären wir auf einer Insel. Baumstämme und Äste wurden angeschwemmt“, erinnert sie sich.

Zieht der Fluss wieder seine ruhigen Bahnen, dann wachsen auf den kiesigen und sandigen Schwemmlingsfluren seltene Pflanzen: Knorpelsalat, die seltene Tamariske oder das Alpen-Leinkraut. Ideale Brutstätten für Insekten. Und toll für Naturfreunde. Die Gefleckte Schnarrschrecke ist erst auf den zweiten Blick zu sehen, so gut ist sie mit ihrer graubraunen Körperfarbe getarnt. Doch wenn man ihr zu nahe kommt: Ein schnarrendes Geräusch, rote Flügel und schon ist sie wieder weg.

Ist der Lech von Auen umgeben, dann zeigt er seine zahme Seite. Also Schuhe ausziehen und hinein ins kühle Wasser. Das regt die Durchblutung an. Und ist ganz im Sinne von Kneipp. Der Naturheilkundler und Erfinder der Kneippkur hätte sich nicht träumen lassen, dass seine Lehren noch über ein Jahrhundert später so großen Anklang finden, und dem Zeitgeist der Entschleunigung so entsprachen wie heute.

Sobald am Horizont die Königsschlösser Hohenschwangau und Neuschwanstein auftauchen, ist man fast in Füssen. Der Lechfall zeigt am Stadteingang ein letztes Mal sein wildes Wesen, er verabschiedet sich über fünf Stufen donnernd in die Tiefe. Zwängt sich noch einmal durch eine enge Klamm, bevor er die Alpen verlässt. Dann die quirlige Altstadt Füssen: Dächergewirr, Mittelalterfassaden, hölzerne Tore, Straßencafés und Gasthäuser. Und Start- und Zielpunkt der Romantischen Straße, die bis nach Würzburg reicht.

Doch die Besucher kommen wegen der Schlösser und der Museen. Wegen Kneipp? Sicherlich nicht. Überrascht sind sie dennoch, wenn sie erfahren, dass nach 20 Minuten Fußweg eine völlig andere Welt auf sie wartet.

Das ist das Tal der Sinne. Die Luft ist hier so rein, dass der Ortsteil von Füssen den Titel „Heilklimatischer Kurort“ bekommen müsste. Und es gibt Bäche und Seen, da möchte man sich hinsetzen und einfach nur vor sich hin träumen.