Reise

Echt Bullerbü

Archivartikel

Lämmer päppeln, Fischadler schauen, Beeren sammeln: Auf Schwedens Bauernhöfen lernen Kinder mit Leichtigkeit und viel Spaß.

Da liegt was in der Luft. Es knistert förmlich und die Lämmer blöken immer aufgeregter in den lauen Morgen. Nein, kein Rudel Wölfe in Sicht. Auch kein Braunbär. Aber Kristina Lindelöf kommt zielsicher in Gummistiefeln dahergestapft, bewaffnet mit vier Nuckelflaschen unterm Arm. Randvoll gefüllt mit unwiderstehlicher Babymilch. Also mit genau dem, was ein junges Lämmerherz so sehnsüchtig begehrt. Zwei Familien hat Kristina im Tross und die Kleinkinder sind mindestens genauso aufgeregt wie die schwarzen Lämmer. Alle haben jetzt dieses unbeschreibliche Leuchten in den Augen. Bullerbü gibt’s also doch!

Punkt 9 Uhr, Kristina verteilt die Flaschen. Jetzt gibt’s kein Halten mehr. Die Lämmer stürzen sich waghalsig aufs beste Frühstück der Welt und nuckeln, was das Zeug hält. Und die Kleinsten sind hin- und hergerissen zwischen Begeisterung und Angst. Kein Wunder, sind die ungestümen Wollknäuel doch in etwa genauso schwer, aber weit agiler als die zwei- bis dreijährigen Kinder. Die klammern sich an Mama und Papa und greifen doch zur Flasche. Zu groß die Versuchung. Denn wann kann man schon in Berlin einfach mal so ein Lamm füttern? Nach nicht einmal einer Minute ist alles vorbei, die Milch ist verputzt.

Schon geht’s rüber zu den urtümlichen, schwarz gefleckten Schweinen. Die machen nicht weniger Rabatz, aber diesmal darf keiner hinters Gatter. Zu gefährlich. Die Rangfolge ist klar: Der kapitale Eber ist der Boss, dann kommt die Sau, danach die vier Jungschweine. Zwei von ihnen, Susi und Emil, kommen bald zum Schlachter. „Die landen dann als Wurst wieder auf dem Hof. Die etwas größeren Kinder aus der Stadt können hier lernen, woher denn die gute Småländska Isterband eigentlich kommt, die sie grade auf dem Frühstückstisch hatten. Sie sollen verstehen, dass dafür ein Tier geschlachtet werden musste“, erklärt die zweifache Mutter. „So lernen die Kleinen, Nahrungsmittel mehr zu achten, weniger unnötig wegzuwerfen.“ Der Abschied falle ihr allerdings jedes Mal ziemlich schwer. Sie mache auch immer wieder den gleichen Fehler.

Denn eine Grundregel auf einem Bauernhof besagt: Gebe niemals einem Tier einen Namen, wenn du es später in den Schlachthof schickst. Dieses Problem haben Jäger und Angler nicht. Elch, Reh und Seesaibling gehören zum festen Speiseplan der meisten Schweden. „Massentierhaltung lehne ich ab, ein gutes Elchsteak nicht“, sagt die charismatische Chefin der Naturparks Getnö Gård, Ingrid Olsson. „Seit Wolf, Luchs und Bär rar geworden sind im Süden Schwedens und Elch, Rotwild und Wildschwein kaum noch natürliche Feinde haben, greift der Mensch regulierend ein. Nach strengen staatlichen Vorgaben, versteht sich. Ansonsten würde der Wald schnell sichtbaren Schaden nehmen.“

Vor über 50 Jahren kaufte Ingrids Vater die weitläufige Insel, deren wechselhafte Geschichte er bis ins Jahr 1320 zurückverfolgen konnte. Über die Jahrzehnte haben die Olssons sich und ihren Besuchern mit dem Lake ˝snen Resort ein Reich geschaffen, das vor allem Wasserwander- und Angelfreaks anzieht.

Ein Schlachttier bekommt keinen Namen

Nicht zu vergessen die Camper und Hobby-Ornithologen, die Geocacher, Frischluft-Yogis, Wanderer, Jogger, Pilz- und Beerensammler und die Jugendlichen, die auf einer kleinen Nachbarinsel ohne ihre Eltern in Zelten übernachten dürfen. Schwimmen, Lagerfeuer, BBQ und Flirten inklusive. Volles Programm. Direkt vor den Toren von Getnö Gård wurde im vergangenen Jahr der ˝snens-Nationalpark mit royalem Brimborium eröffnet. Der 30. Nationalpark Schwedens umfasst ein Archipel von rund 200 bewaldeten Inseln und Inselchen im ˝snensee, der wiederum über 1000 Inseln beherbergt. Er ist das Zuhause von Fischadler, Hecht und dem legendären Prachttaucher, dessen lieblicher Gesang auch schon die Pippi-Langstrumpf-Autorin Astrid Lindgren verzaubert hat.