Reise

Ein Bad im Wald

Archivartikel

Der Besuch bei Sandra Müller in Bad Rippoldsau-Schapbach zeigt: Wandern ist mehr als Ziele haben, Strecke machen und Einkehren. Denn der Schwarzwald bietet auch Anhalten, Luftholen und Eintauchen.

Wandern ist ganz mein Ding. Ich atme frische Waldluft, kann die Pilze riechen, komme an Aussichtspunkte, zur Ruhe und an meine Grenzen – und das Vesper schmeckt doppelt so gut. Wenn es dann noch wie in Bad Rippoldsau einen Wasserfall gibt, geht mir das Herz auf.

Der Burgbachwasserfall strahlt seine Kühle zehn, 20 Meter in den Wald hinein. Aus dem Gestein wird Wasser gedrückt und rinnt den Fels hinab, oben leuchtet im Gegenlicht leuchtend grün das Farn, sogar Bäume wachsen oben auf der Kuppe. Unten liegen dicke Felsbrocken und kleine Kiesel, das Wasser sammelt sich in Kuhlen. „Dass es so etwas in Deutschland gibt“, staunt ein Wanderer. Ein paar Meter entfernt liegen ein paar junge Leute auf einer Himmelsliege.

Wanderpfad und Grenzgang

Die Wanderung geht gleich steil den Berg hinauf und hat links den Burgbachfelsen, der wie ein Riff ins Tal ragt, und rechts eine dunkle Felswand. Der Pfad windet sich hoch und der erste Schweiß rinnt den Rücken runter. Eine Dusche wäre schön. Stattdessen gehen wir aufs Plateau und schauen übers enge Wolftal.

Der Burgbachfelsen ist wie gemacht für ein erholsames Picknick. Die Aussicht ist genauso wunderbar wie unser Essen. Der Wanderweg führt durch Laub- und Nadelwälder, geht über Bäche und Wurzeln, wird schmal, dann breiter, lässt uns rote Zunderpilze entdecken und geht auf dem historischen Grenzweg zwischen dem Königreich Württemberg und dem Großherzogtum Baden. Bald haben wir Bad Rippoldsau erreicht und dort sprudeln Bier und Brunnen. Auf der anderen Talseite wandern wir dann auf den Kupferberg.

„Herzlich willkommen!“, lacht die Frau in der gelben Walle-Walle-Bluse so stolz wie eine Zirkusdirektorin in der Manege. Sie stellt sich als „Sandra, die Waldbaderin“ vor. „Manchmal gehen wir nur ein paar Hundert Meter in den Wald“, flötet Sandra Müller. Ihr „Waldbad“ ist der 730 Meter hohe Kupferberg über Bad Rippoldsau-Schapbach. Das Tal ist eng, der Wald groß und der Himmel noch größer, so schaut’s aus. Sandra und ich gehen auf einem Forstweg in den Wald hinein. Jeder Schritt knirscht. Wir sind langsam. Ich könnte schon einen Kilometer weiter sein, aber nein, „wir schlendern“, wie Sandra schon fast singt. Ich habe mir Waldbaden anders vorgestellt. Vielleicht tatsächlich wie durch Moos oder Blätter schwimmen. Oder wie „toter Mann“ auf der Waldwiese liegen und den Wolken nachschauen. Auf einer Waldlichtung wächst Gras. Ich knie mich hin und spüre etwas Kühles. Ich schaue hoch in die Sonne, höre den Vögeln zu und ahne den Wind. Sandras Stimme lenkt meine Gedanken hierhin und dorthin – und ich vergesse die Zeit.

Wir gehen ein paar Schritte tiefer in den Wald und Sandra erzählt von den Terpenen, den Duftstoffen der Bäume, die eine gesundheitsfördernde Wirkung haben. Da der Schwarzwald immergrün ist, hat es diese Terpene zu jeder Jahreszeit.

Vor einem mächtigen Baum bleibe ich stehen, berühre die raue Rinde und lege mein Ohr an den Stamm. Nein, ich umarme ihn nicht, ich versuche nur, sein Innenleben abzuhorchen. „Normalerweise würde man jetzt die Säfte unter der Baumrinde hören, wie sie nach oben gezogen werden“, sagt Sandra. Aber es ist so still im Baum, wie es nur sein kann.

Ganz weit weg

„Manche vergießen freudvolle Tränen“, sagt Sandra, die von der Schwäbischen Alb der Liebe wegen in den Schwarzwald kam. Adieu Baum, wir gehen weiter und folgen einem unsichtbaren Weg, den nur das „Albkind“ Sandra kennt. Bald sind wir an ihrer Lieblingsstelle. Was will ich machen? Barfuß laufen wäre schön, ich gehe über das wirklich weiche Gras und spüre, wie es kitzelt, wo es pikst und wo es weich ist.

Mit einem Handspiegel erkunde ich die Umgebung, mit einer Lupe schauen wir uns Kiefernzapfen an. Schmetterlinge flattern durch die Luft. Das Licht ist golden. Woran ich denke? Natürlich an meine Kindheit. Keine 500 Meter sind wir gegangen, aber der Weg war fast so weit wie noch nie.