Reise

Ein bisschen Frieden

1818 ist das Lied „Stille Nacht“ komponiert worden: 200 Jahre später feiert Salzburg Entstehung und Wirkungsgeschichte des Liedes mit einer klugen Ausstellung, stimmungsvollen Veranstaltungen und einem fetzigen Musical.

Nicht in Salzburg!“, ruft der Chor laut und entschieden. In dem Musical „Meine Stille Nacht“ hat Elisabeth, Jugendreferentin eines fiktiven Salzburger Musikfestivals, gerade der Presse ihr neu konzipiertes, ziemlich progressives Weihnachtsprogramm vorgestellt. Doch was geschieht? Die versammelte Presse ist entsetzt: Wo bleibt denn da die Tradition? Nein, anderswo mag so was gehen, aber nicht hier: „Nicht in Salzburg!“, singt und stampft der Journalistenchor.

Das ist ein ziemlich schlauer Einfall der Macher des Musicals, das neulich in der Felsenreitschule Premiere gefeiert hat: Die Kritik der traditionsbewussten Salzburger an der Vermarktung des Liedes in seinem Jubiläumsjahr wird aufgenommen und engstirnigen Journalisten in den Mund gelegt. Die konservativen Kritiker kommen zwar nicht besonders gut weg, aber sie werden gehört, ernst genommen und am Schluss sogar auch überzeugt. Eine Gräfin aus altem Salzburger Adel schämt sie am Schluss ihrer Vorurteile und bekennt sich zur liberalen, multikulturellen Gesellschaft. Das ist keine schlechte Botschaft.

Nein, es ist kein amerikanisches Volkslied

Kritik gab es im Vorfeld zum 200-Jahr-Jubiläum des wohl berühmtesten Weihnachtsliedes „Stille Nacht“ zuhauf. Nicht nur daran, dass das Salzburger Landestheater ein amerikanisches Team mit der Konzeption eines „Stille Nacht“-Musicals beauftragt hat. „Stille Nacht“ und Hollywood, das passte vielen Salzburgern nicht. Auch war die Sorge groß, das Lied würde bei unzähligen Veranstaltungen für russische, asiatische oder amerikanische Besuchergruppen in Grund und Boden gedudelt und durch Kitsch und Kommerz seinen Zauber verlieren. Doch wie sich jetzt zeigt, waren diese Sorgen unbegründet. Das Musical ist zwar phasenweise süßlich und vorhersehbar, im Grunde aber gesellschaftskritisch. Und es erzählt nicht die Entstehungsgeschichte nach, sondern überträgt die Sorgen und Nöte der damaligen Gesellschaft in die heutige Zeit. Das funktioniert gut. Einige der Songs des Filmkomponisten John Debney haben das Zeug zum Ohrwurm, lassen aber „Stille Nacht“, das ganz zum Schluss erklingt, seine unanfechtbare Stellung und andächtige Würde.

Und auch sonst gehen Stadt und Landkreis Salzburg behutsam mit dem Jubiläum um. Sicher, wer will, findet auch „Stille Nacht“-Ramsch in Form von Tassen, Schals, Bettwäsche, Engeln, Spieluhren und so weiter. Im Gedächtnis aber bleiben der Wille der Veranstalter, die historische Wahrheit aufzuspüren, und die große Ernsthaftigkeit, mit der die Kuratoren der dezentralen Landesausstellung „200 Jahre Mythos, Geschichte und Friedensbotschaft“ ans Werk gegangen sind. Peter Husty, Chefkurator des Salzburg Museums, sagt: „Das Lied, in über 300 Sprachen übersetzt, war immer auch eine Friedensbotschaft, im Ersten Weltkrieg wurde es an der Westfront gesungen, im Zweiten Weltkrieg vor dem Weißen Haus. Es wurde aber auch instrumentalisiert, 1942 war es Teil der NS-,Weihnachtsringsendung‘.“ Da die Ausstellung, die bis Februar läuft, ihren Schwerpunkt auf Kunstvermittlung sowie die Wirkungsgeschichte des Liedes legt, ist sie auch unabhängig von der Weihnachtszeit sehenswert.

Doch nicht nur die Stadt Salzburg begeht das Jubiläum, auch der Landkreis ist mit zahlreichen Gedenkstätten beteiligt. Eine halbe Autostunde von Salzburg entfernt liegt das beschauliche Oberndorf. Dort befinden sich das „Stille Nacht“-Museum sowie die „Stille Nacht“-Kapelle. Hier hat der Pfarrer Joseph Mohr seinen Freund, den Organisten Franz Xaver Gruber, um eine Melodie für sein Gedicht gebeten. Und hier ist das Lied für zwei Singstimmen und Gitarre am Heiligabend 1818 zum ersten Mal erklungen. „Hartnäckig hält sich das Gerücht, dass die Gitarre nur eine Alternative zur defekten Orgel darstellte. Viel wahrscheinlicher aber ist, dass es original für Gitarre war“, erklärt Museumsführer Rudi Pronold.

Das Museum im alten Pfarrhof hat seinen Schwerpunkt auf der Zeit und dem Umfeld, in denen das Lied entstand. „Das Lied war ein Trostlied für eine durch viele Ereignisse wie Krieg, Hungersnöte und Plünderungen traumatisierte Bevölkerung“, erklärt Pronold. Und mit noch zwei Mythen räumt das Museum auf: Weder ist Michael Haydn der Komponist, noch ist „Stille Nacht“ ein amerikanisches Volkslied. „Wenn das Jubiläumsjahr vorbei ist, wird hoffentlich kein Besucher mehr mit diesen Geschichten kommen“, meint Pronold schmunzelnd.

Nach einer weiteren Viertelstunde mit dem Auto Richtung Norden befindet man sich in Arnsdorf. Hier im ältesten noch genutzten Schulhaus Österreichs lebte im ersten Stock Gruber, der ja auch Lehrer war, und hier, in dieser kargen Wohnung, schrieb er höchstwahrscheinlich die Melodie zum Lied. Wenn Kustos Max Gurtner in Stimmung ist, dann lässt er das Glockenspiel der Kirche ertönen. Auch für Gurtner ist das Lied mit seinem wiegenden Rhythmus ein Trostlied: „Von Grubers zwölf Kindern sind nur vier erwachsen geworden“, erzählt der kundige Österreicher. „Dass uns das Lied so berührt, hat auch damit zu tun, dass Gruber beim Komponieren mit Sicherheit an seine toten Kinder gedacht hat.“