Reise

Ein Hoch auf den Norden

Archivartikel

Eishöhlen, Husky-Touren und Polarlicht-Alarm – Spitzbergen punktet mit arktischen Naturwundern und Outdoor-Abenteuern.

The very last frontier“, so nennt Guide Tim die Ortsgrenzen von Longyearbyen und das soll heißen: Direkt hinter den letzten Häusern des arktischen Dorfes beginnt das Reich echter Wildnis. Zum Nordpol sind es nur 1000 Kilometer und so prägen Eis und Tundra, Fjorde, Gletscher und Bergzüge den Archipel mit seinen rund 400 Inseln inmitten des Nordpolarmeers. Die größte davon ist Spitzbergen. „Wegen der latenten Eisbärengefahr gehen wir nur bewaffnet auf Tour“, erklärt Wanderführerin Trude von Svalbard Wildlife Expeditions, in der Hand ein deutsches Sturmgewehr aus dem Zweiten Weltkrieg. „Weil die Pole schmelzen und damit der Lebensraum der Polarbären, dehnen sie ihr Revier nach Süden aus – auch dahin, wo wir Menschen leben.“ Gut gebrieft stapft die Gruppe durch den Schnee ein schmales Tal hinauf, die bunten Häuser des Ortes schwinden zu Streichholzschachteln. Ziel ist der Gletscher des Larsbreen gleich hier in den Hausbergen des Ortes.

Von zwei hohen Stangen markiert klafft auf der Gletscherkuppe ein rundes, dunkles Loch im Schnee - wie ein Schlund gähnt einem das Tor zur nordischen Unterwelt entgegen. Etwas Überwindung braucht es zwar, hier einzusteigen, doch: Einen Gletscher von innen, wo gibt’s das schon? Die ersten Meter führen steil an einem Fixseil abwärts, dann öffnet sich der Schlauch zu einer schmalen Grotte. Im Kontrast zu den harschen Winden herrschen hier unten andächtige Stille und fast milde Temperaturen. Die schmalen Wände aus Eis winden sich um Kurven und Vorsprünge und verlieren sich in geheimnisvollen Gängen, die das Licht der Lampen reflektieren. Das macht neugierig. Immer tiefer geht es über Stufen in die verschwiegene Wunderwelt der Höhle – ein Kristallpalast mit engen Durchlässen, mit eisigen Kathedralen von gotischen Höhen, von deren Decken Eiszapfen wie Stalaktiten herabhängen. Vom Schmelzwasser während des Sommers geformt, gefriert die natürliche Höhle im Winter zum magisch-mystischen Eispalast. „Wer Klaustrophobie hat, sollte besser daheimbleiben“, empfiehlt der Veranstalter nüchtern. Für alle anderen ist die fantastische Fünf-Stunden-Tour ins ewige Eis eine Erinnerung fürs Leben.

„Nichts ist älter als 100 Jahre hier“, sagt Tim, zurück im nördlichsten Städtchen der Erde. Die einstige Minenarbeiter-Siedlung Longyearbyen ist eine norwegische Enklave, rund 2100 Menschen aus 50 Nationen leben hier am Wasser des Isfjorden, Abenteurer, Trapper und Outdoor-Enthusiasten. In langen Reihen säumen bunte Holzhäuschen den Ort, andere wirken eher wie Container aus der Sowjet-Zeit. Wo früher Menschen an Skorbut und Vitaminmangel starben, stehen heute moderne Supermärkte. Klar: Jedes Salatblatt, Obst und Gemüse muss importiert werden, das macht Frischware zum Luxus.

Eine extragroße Portion nordischer Natur, die gibt es beim zweiten Ausflug: Auf Schneemobilen düst man hinein ins flache Adventsdalen, ein lang gestrecktes, offenes und von mächtigen Bergrücken flankiertes Tal. Das Ziel: ein Outdoor-Picknick im tiefgefrorenen Nirgendwo. Mit dick gefütterten Overalls, Moonboots, Sturmmaske, Helm und zwei Paar Handschuhen sitzt man, gewappnet wie Marsmenschen, auf motorisierten Zwei-Mann-Schlitten und prescht über den flachen Talboden. Ein „Roadmovie“ ganz ohne Road, das die Weite der Tundra und der ewigen Bergketten erst wirklich begreifbar gemacht. Die fahle Wintersonne wirft pastellige Farbtöne auf die kalten Höhenzüge. Überhaupt, vom Spitzbergenlicht könnte sich mancher Hollywood-Producer eine fette Eisscheibe abschneiden. Wie Pfirsichschimmer strahlt es auf Couloirs und Triebschneehänge, während die Kämme darüber in bläulichen Polarlichtschattierungen verharren. Als die Sonne schräger steht, stoppt Guide Magne die Schlittenkarawane und holt die Thermoskannen aus. Heißer Tee, ein paar Kekse und echt norwegische Freja-Schokolade – hier draußen ein Gourmet-Imbiss. Zeit zum Genießen und Schauen – ein paar pelzige Spitzbergen-Rentiere scharren an verwehten Hängen nach dürren Halmen.

Ganz anders die Besucher: Am Abend futtern sie sich auf einer Feinschmecker-Tour namens „Taste of Svalbard“ quer durch alle kulinarischen Genüsse, die diese Polarstation hergibt. Und das ist viel: Leckere Fischfilets vom Arctic Char im „Huset“ oder Robbenschnitzel in „Mary-Anns Polarrig“, Walfleisch oder Rentiersteaks – oder doch lieber saftige Hamburger im „Coal Miner’s Bar & Grill“? Ein gediegenes Menü serviert das Funksjonærmessen-Restaurant, wo einst die Führungsriege der Kohlminen tafelte. Und vom Weinkeller des „Huset“ heißt es, er sei mit 20 000 Flaschen der bestsortierte nördlich von Paris. In langen Polarnächten zusammensitzen bei einem guten Tropfen, das wärmt und verbindet, das macht Sinn.

Weil frische Luft den Kopf wieder klar macht, steht am nächsten Tag eine Hundeschlitten-Fahrt an. Ein Mann sitzt, einer lenkt – so zieht man mit sechs HS (Hundestärken) pro Schlitten in verschneite Seitentäler. In voller Fahrt rauschen Berge und Täler vorbei. Als der Fahrer an einer Schneeflanke ein Rudel Rentiere entdeckt, stoppt er. Die Rentiere ergreifen prompt die Flucht. Das Huskygespann prescht kläffend den rennenden Rentieren hinterher und reißt dabei den Schlitten hart herum. Doch Musher Mats reagiert blitzschnell und tritt auf die Bremse – nach wenigen Metern ist die Irrfahrt vorbei. Noch mal gut gegangen.

Fast eine Stunde dauert das magische Spiel

Am letzten Abend Besuch im Camp Barentz, eine Replik jener Hütte, in der einst Spitzbergen-Entdecker William Barentz im Jahr 1596 überwinterte. Während Tourguide Marte von alten Zeiten erzählt, serviert sie „Bidos“ vom offenen Feuer, samischer Rentiereintopf mit Kartoffeln und Karotten. Plötzlich ruft sie: „Aurora-Alarm!“ Und wirklich, draußen tanzen violett-grüne Bänder über den sternenklaren Nachthimmel. Fast eine Stunde dauert das magische Spiel. Dabei ist das Nordlicht nur eines von vielen Naturwundern dieser Inseln.