Reise

Ein Zipfel Adria

Archivartikel

An Sloweniens kurzer Küste laden vier Küstenstädtchen Urlauber ein. Vor allem das Seebad Portoroz bannt mit Würde.

Der Reisetipp kam während eines kurzen, aber gesprächsintensiven Saunabesuchs in den Bayerischen Alpen. „Wenn Sie das Meer lieben, historische Hotels und eine Stadt wie Venedig“, brummte der Geschäftsmann aus Ljubljana mit veritablem Bass, „dann dürfen Sie sich die Küste Sloweniens nicht entgehen lassen.“ Der Hinweis auf ein altehrwürdiges Hotel aus der Zeit der k.u.k.-Monarchie war nicht schlecht, der aber auf einen Ort wie Venedig machte stutzig.

Die Küste Sloweniens gehört mit zum Übersichtlichsten, was Europa zu bieten hat. Gerade mal 46,6 Kilometer misst der Abschnitt an der Adria, der kurz unterhalb der italienischen Hafenstadt Triest beginnt und nach etlichen Windungen und einem weiten Salinenfeld an der Grenze Kroatiens endet. Wenn man von Monaco und dem bosnisch-herzegowinischen Seezugang Neum absieht, gibt es keinen Meeresabschnitt in Europa, der kürzer wäre.

So kurz, dass es nicht einmal eine Insel gibt. Was nicht ganz der Wahrheit entspricht. Es gab mal eine, doch die wurde im Mittelalter durch einen Steinwall mit dem Festland verbunden, also dicht gemacht. Heute erinnert nur der Name an das einstige Eiland: Izola. Izola ist eines von vier Küstenstädtchen Sloweniens. Die anderen sind die Seehafenstadt Koper mit dem sehenswerten Prätorenpalast sowie Portoroz und das angrenzende Piran. Vor allem Portoroz spielt im Tourismus des Zwei-Millionen-Staates eine wesentliche Rolle.

Portoroz gilt bei den Einheimischen als bedeutendes Seebad. Das sehen auch viele Reisende so, mit denen man ins Gespräch kommt. Wie das Dresdener Ehepaar im Naturreservat Strunjan: „Wir waren zu jugoslawischer Zeit schon hier und kommen immer wieder gerne zurück. Bade- und Wassersportangebote, die Geschichte des Ortes – alles ist so, wie wir es mögen.“ In der Tat kann der kleine, von waldigen Anhöhen umsäumte und an Übernachtungsmöglichkeiten reiche Ort auf eine bewegte Vergangenheit zurückblicken. 1897 zum Kur- und Seebad erklärt, lockte er Anfang des 20. Jahrhunderts als Vorzeigedestination der österreichischen Riviera, wozu auch der Bau einer Schmalspurbahn beitrug, den europäischen Geldadel an. Die Welt der Reichen und Schönen fand im 1910 eröffneten mondänen Palace Hotel, einem Stilmix aus Neorenaissance und Wiener Secession, einen würdigen Rahmen.

Später nahmen Filmstars wie Orson Welles, Sophia Loren und Pierre Brice hier Logis. Und während unseres Aufenthaltes wählte die türkische Fußballnationalmannschaft um Emre Mor (Celta Vigo) und Çaglar Söyüncü (SC Freiburg) das Palace Hotel als Basisquartier etlicher Trainingseinheiten im Stadion von Koper. Was für ein Schauspiel, wenn einige der Profifußballer am Morgen leicht verpennt mit Badeschlappen oder trainingsbedingtem Monokel-Hämatom zum Frühstück im großen Saal erschienen!

Aus heutiger Sicht muss man in Bezug auf Portoroz einiges relativieren. Es ist nicht alles Gold, was glänzt. So zum Beispiel die Überbleibsel sozialistischer Funktionsarchitektur. Oder die grelle Leuchtwand des örtlichen Spielcasinos. Auch der teils zubetonierte Strandabschnitt mag zwar hochfrequentiert sein, aber das betörende Farbenspiel kroatischer Küsten sucht man beim Sprung ins kühlende Nass vergeblich.

Wie viel italienischer Charme, ja Grandezza dennoch in Sloweniens Riviera steckt, wird aufs Schönste sichtbar in Piran. Der sich auf einer Landzunge ins Meer erstreckende Ort hat zwar keine Kanäle wie Venedig, aber doch die Architektur und Anmutung der nur knapp 100 Kilometer entfernten Lagunenstadt. Der Einfluss der Serenissima ist ablesbar am Campanile der Kirche St. Clementa, an den verwinkelten Gassen und an den Kaufmannshäusern des zentral gelegenen Tartiniplatzes, der nach dem Sohn der Stadt, dem Violinisten Giuseppe Tartini (1692-1770), benannt wurde. Ein Miniatur-Venedig und eine wirkliche Überraschung! Auch wegen der Ruhe, denn Autos bleiben draußen vor den Schranken der Stadt. Das und die Vielzahl an Motiven schätzen auch die Künstler, die es täglich mit Pinsel und Staffelei nach Piran zieht.