Reise

Eine Antarktis im Kleinen

Archivartikel

Eisiges Schneeplateau und leuchtende Seen: mit dem Zug durch Norwegen.

Sie ist bis heute nicht aus der Mode gekommen, sondern noch immer sobeliebt wie vor nunmehr 110 Jahren: die Bergensbane, eine der berühmtesten Bahnstrecken Norwegens und dazu eine der schönsten Europas. Kein Wunder bei der Landschaftsvielfalt, durch die sie sich schlängelt. Sie führt von Oslo nach Bergen, vom Oslofjord bis an die Nordseeküste und verbindet damit die königliche Hauptstadt mit der zweitgrößten Stadt Norwegens. Zwischen sechseinhalb und sieben Stunden dauert die knapp 520 Kilometer lange Fahrt, eine Fahrt wie durch ein Bilderbuch, eine Fahrt, während der man immer wieder aussteigen und verweilen möchte.

In die Tastatur des Laptops hacken oder die Nase in einen Krimi stecken tun hier die wenigsten. Die meisten Blicke sind hinaus in die Landschaft gerichtet. Nur hin und wieder versinkt ein Reisender ganz tief in seinem Sitz, dann fallen ihm schnell die Augen zu. Seine Ski hat er zuvor im Gepäckfach festgezurrt, seine gesunde Gesichtsfarbe kommt nicht von ungefähr – der Zug verbindet die Küsten miteinander und führt dabei heran ans ewige Eis. So nutzt manch ein erschöpfter Skitourengänger die Bahn, um wieder hinab ans Meer zu gelangen, wo dann oft schon die Sonne scheint, während am Scheitelpunkt der Bahn noch oder schon wieder dunkle Kälte herrscht.

1222 Meter ist dieser Punkt hoch - eine Bahnstation, ein paar Ferienhäuser, ein flach in die Landschaft geducktes Hotel, dessen Name „1222“ gleich auch auf die Höhenmetern verweist, und dazu das „Rollarmuseet“, dessen Ausstellung sich dem Bau der Bergen-Bahn und dem Leben der Rollar, der Bahnarbeiter, widmet. Und das war hart.

„Mit Dynamit haben sie versucht, die Felsstücke herauszusprengen. Auch schon die Buben aus der Umgebung haben mitgearbeitet. Mein Urgroßvater Johannes Solheim war einer von ihnen. Er war allein im Berg, die Familie hatte eine kleine Farm in Hyllestad, etwas nördlich von Bergen“, erzählt Urenkel Kristian Solheim, der sich um die technischen Belange des Hotels kümmert. Sein Urgroßvater war einer von insgesamt 15 000 Rollar, die zwischen 1884 und 1909 am Bau der Bahnlinie und ihrer rund 240 Tunnel und 300 Brücken mitgearbeitet haben. Das Leben war hart, die Unterkünfte einfach. Im abgeschiedenen Finse, dem höchstgelegenen Ort und gleichzeitig der höchsten Bahnstation Nordeuropas, gab es sogar ein kleines Dorf.

In der Hochzeit lebten bis zu 300 Menschen hier. Alles, was fürs alltägliche Leben benötigt wurde, musste mit der Bahn herauftransportiert werden. Das ist auch heute noch so. Keine Straße führt aufs Plateau.

Als allerletzte der kleinen Gemeinde soll noch eine etwa 90-jährige Dame leben. Manchmal fährt sie mit der Bahn nach Bergen, von der Hardangervidda, der größten Hochebene Europas, hinab direkt an die Küste. Rund zweieinhalb Stunden sind das. Nach Oslo wären es vier bis viereinhalb Stunden. Die beiden Städte sind zusammengerückt, seit es die Bahn gibt. Früher musste man wegen der unüberwindbar steilen Berge und der vielen tief ins Land schneidenden Fjorde das Schiff „außen herum“ nehmen. Die Fahrt dauerte drei ganze Tage.

Die Fahrt mit dem Schiff ist bei Sturm eine Tortur

Kein Wunder, dass die Bergener Anfang des 20. Jahrhunderts, bevor die Strecke eingeweiht wurde, davon sprachen, „nach Norwegen“ zu fahren, wenn sie in der Hauptstadt etwas zu erledigen hatten. Die Fahrt war bei gutem Wetter sicher imposant, doch bei Zeitdruck oder Sturm wurde sie schnell zur Tortur. Man schipperte schließlich nicht auf einem Kreuzfahrtschiff die Küste entlang. Da doch lieber die Bergensbane nehmen, die schon König Haakon VII. in seiner Eröffnungsrede als Meisterstück der Ingenieurskunst gepriesen hat. Und von der Schönheit war damals noch gar nicht die Rede. Da ging es vielmehr um die revolutionäre Entwicklung im Schienenverkehr. Anne Gru, eine der ersten Schaffnerinnen auf der Strecke, schwärmt noch immer von deren Schönheit: kristallklare Seen, lichte Birkenwälder, dunkle Tannen, steile Berghänge, dann weiter bergauf auf und über die monatelang schneebedeckte Ebene um Finse. Die Kältesteppe, eine Antarktis en miniature, erscheint bei winterlichen Stürmen so unwirtlich, dass nicht nur Ernest Shackleton hier für seine Südpol-Expedition trainierte, sondern auch George Lucas die Location für die Schneeepisode seines „Star Wars“-Films „Das Imperium schlägt zurück“ fand. Die Fans nutzen ebenfalls die Bahn, auch heute noch.